Wirtschaft
«Wir müssen die Macht der Wallstreet brechen»
Von Moritz Koch. Aktualisiert am 21.05.2009 16 Kommentare
Simon Johnson lehrt globale Ökonomie am Massachusetts Institute of Technologie. 2007 und 2008 leitete er die Forschungsabteilung des Internationalen Währungsfonds (IWF). (Bild: Reuters)
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Herr Johnson, Sie behaupten, in den USA habe sich ein stiller Coup ereignet. Wallstreet habe Washington gekapert. Das klingt eher nach Verschwörungstheorie als nach ökonomischer Analyse.
Überhaupt nicht. Alle Finanzkrisen der jüngeren Geschichte wurden dadurch ausgelöst, dass eine wirtschaftliche Elite zu viel Macht bekam. Die USA unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht von Schwellenländern wie Südkorea oder Indonesien. Im «Wallstreet Journal» stand kürzlich eine interessante Grafik. Sie zeigte den massiven Anstieg der Gehälter in der Finanzbranche. Der Grund dafür ist die Deregulierung. Es ist ein Fakt, dass die Wallstreet mit Millionensummen Wahlkämpfer unterstützt hat, während sich Politiker für den Abbau gesetzlicher Vorschriften stark machten.
Sie meinen, die Grossbanken hätten sich politischen Einfluss gekauft, um immer grössere Profite einzufahren?
Ich würde es so ausdrücken: Der Wallstreet ist es gelungen, Washington weiszumachen, dass alles, was gut für den Finanzsektor ist, auch gut fürs Land ist. Viele Beamte im Finanzministerium haben ja zunächst an der Wallstreet Karriere gemacht. Die Grossbanken bilden einen wichtigen Teil der politischen Klasse aus. So brauchen sie sich des Instruments der Bestechung gar nicht zu bedienen.
Warum holen sich Banken vom Staat dann nicht das Geld, das sie brauchen, um wieder solvent zu werden?
Sie verschweigen das Ausmass ihrer Not, um nicht verstaatlicht zu werden. Sie wollen gerade so viel Geld, wie sie zum Überleben benötigen. Das Problem ist, dass ihre Anlagen ihre Verbindlichkeiten nicht mehr decken, sie praktisch insolvent sind und sie daher kaum noch Kredite vergeben. Sie hoffen, dass ein Aufschwung sie rettet. Nur wird es keinen Aufschwung geben, wenn nicht zuerst der Kreditstrom wieder in Gang kommt.
Präsident Obama will neue Regeln für Gehälter im Finanzsektor und die Aufsicht über den Handel mit Derivaten verschärfen. Es scheint, als befreie sich Washington aus dem Klammergriff der Wallstreet.
Zumindest wird sich Washington seiner Verwicklung bewusst. Doch die Verbindung zu trennen, wird schwer. Nach meiner Meinung geht das, was die Regierung tut, nicht weit genug. Wir müssten schärfer regulieren, als es die bisherigen Pläne vorsehen. Wir müssten Banken, die zu gross zum Scheitern sind, mit Kartellgesetzen zerschlagen. Und wir müssten mehr tun, um die mit Schrottkrediten verseuchten Bilanzen zu säubern.
Wollen Sie das Finanzsystem denn verstaatlichen?
Nicht das gesamte System, nur die insolventen Banken. Das wäre der beste Weg aus der Krise. Wir hätten die Pleite-Institute übernehmen und ihnen ihre faulen Kredite abkaufen sollen. Den gesunden Rest hätten wir dann reprivatisieren können. Leider hat sich die Regierung diesen Weg verbaut.
Warum?
Mit den Stresstests hat sie den Märkten signalisiert: Dem Finanzsystem geht es den Umständen entsprechend gut, wir brauchen keine Verstaatlichung. Nun kann sie nicht auf einmal das Gegenteil behaupten, um eine Übernahme zu rechtfertigen. Sie würde all ihre Glaubwürdigkeit zerstören – mit schlimmen Folgen. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass die Annahme der Regierung stimmt, die Banken könnten ihre alten Verluste mit neuen Gewinnen ausgleichen. Ich habe da meine Zweifel.
In Asien und Amerika gibt es erste Anzeichen einer Stabilisierung, in Europa kaum. Was machen die Europäer falsch?
Sie verhalten sich arrogant, ja fast ignorant. Sie behaupten, die Amerikaner hätten die Krise ausgelöst, daher müssten sie sie auch bereinigen. Abgesehen davon, dass diese These falsch ist, weil die europäischen Banken begeistert mitgemischt haben bei den Kreditexzessen der Wallstreet, begründet die These eine gefährliche Passivität. Die Rezession hat Europa jetzt mit voller Wucht getroffen. Europa braucht eine entschlossene Krisenpolitik. Davon fehlt jede Spur. Dabei sind Bankkredite für europäische Firmen viel wichtiger als für amerikanische Unternehmen, die viel stärker auch auf andere Kapitalquellen zurückgreifen können.
Welche Lehren sollte der Westen aus dem Finanznotstand ziehen? Teilen Sie die Auffassung ihres Kollegen Paul Krugman, dass Bankgeschäfte wieder langweilig werden müssen?
Das ist ein richtiger Ansatz. Die Zockerei auf fremde Kosten muss ein Ende haben. Die wichtigste Lehre der Krise sollte aber sein, dass wir den Banken keinen grossen politischen Einfluss mehr geben dürfen. Wir müssen die Macht der Wallstreet brechen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.05.2009, 21:42 Uhr
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16 Kommentare
Seltsam finde ich, daß ein Insider wie Johnson im Jahr 2009 eine solche Behauptung aufstellt. Spätestens seit der Gründung der Privatbank(!) FED durch die Banken Rothschild, Lazard, Seif, Warburg, Lehmann, Kuhn Loeb, Rockefeller, Goldman Sachs werden die USA vollständig von den Banken, der internationalen Hochfinanz beherrscht. Wer sich die franz. Revolution ansieht, entdeckt auch Erstaunliches! Antworten
@Sibylle Weiss:die"geheimen"EMMINENZEN-wie auch immer, werden wahrscheinlich nur ansatzweise jemals in Erfahrung treten. Dafür sorgt schon seit jahrzenten eine ausgeklügelte"Geheimniskrämerei",welche unter dem "Deckelchen"des Staatsschutzes"echtes"abwürgt.Seit dem"Antiterrorkrieg"werden Grundrechte ohne Rechenschaft zu nehmen ausgehölt!->wer Macht hat, hat Recht?FBI-Entführungen in der CH?legitim? Antworten
Ueber die Rothschilds hat man im Gegensatz zu anderen Banken (Paradebeispiel UBS, CS & Co.) KEINE unlauteren Machenschaften durch die Medien vernommen;es sind eindeutig ANDERE Banken, die für Stress sorgen.Dafür können die Rothschild's aber nichts! Antworten
Die Globalisierung (Macht + Geld) war die falsche Marschrichtung - Heute begreife ich es warum es Globalisierungsgegner gibt. Alle wolle die Macht über andere Länder - diese Art und Weise führt unweigerlich auch zu Unruhen/Kriege.Ein friedliches nebeneinander kann so gar nicht stattfinden. Gerade desswegen sollte die Schweiz unabhängig/neutral bleiben. Antworten
Wir haben eine Generation von Zockern aufgezogen. PC-Spiele halten sie im Glauben, das grosse Glück mit ein paar Mausklicks herbei zu zwingen. Auch schon hiess der Erfolgstraum Amerika. In den letzen Jahrzehnten war es das virtuelle Land des Internets. Entweder wird fröhlich weiter gezockt oder der Finanzsektor gerät wieder einmal in die Teufelsecke. Eine Umerziehung ohne Zwang ist nicht einfach! Antworten
Da zeigt einer sehr viel Mut, der selber am Rockzipfel des "Big Money" hängt. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die durch Geld und Macht nicht korruptiert werden. Schlussendlich sind es die Entscheidungen Einzelner, die den Kurs festlegen. Doch solange die verheerenden Konsequenzen der Überschuldung nicht erkannt werden, wird auch nichts geändert. Antworten
Die Rothschilds beherschen die USA über die Federal Reserve, die ihnen direkt zu 53% gehört. Aus dem Jahr 2007 liegen Schätzungen über das Rothschild'sche Vermögen über 460 Billionen vor - nicht Milliarden sondern Billionen. Seit der Finanzkrise dürfte dies sich verdoppelt haben. Antworten
Nicht die USA, sondern sämtliche anderen Staaten können die Walstreetmacht brechen. Sie müssen sich emanzipieren. Sie müssen Vertrauen in alternativ Währungen zum Dollar schöpfen. SFR, YEN, Canadischer Dollar etc. Die USA ist bankrott und trotzdem stützt sich der Welthandel weiter auf einen kaputten ZOMBIE-USD, das darf nicht sein. Die Devise muss lauten, KEIN OEL MEHR GEGEN DOLLAR. Antworten
Solange sehr viele von all dem profitieren, solange wird es keine Änderungen geben. Die Vernetzung von Politik und Wirtschaft ist so eng, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Oder wer hat denn in den USA die Wahlen mit finanziert, war es u.a. nicht auch die Finanzwelt. Beispiele gibt es genug, nur traut sich dies keiner offen zu sagen. Auch ich nicht. Wir sind alle irgend wie vernetzt. Traurig. Antworten
Nicht die Banken sind zu verstaatlichen, sondern die Gesetze müssen geändert respektive der neuen Situation angepasst werden, und zwar weltweit und griffig. Bisher war es dem Banken weitgehend selbst überlassen, sich zu kontrollieren. Doch für Gesetze ist der Staat zuständig - und niemand anders. Dabei geht es nicht nur um die Banken, sondern um die Regulierung von Finanzgeschäften an den Börsen. Antworten
Ich teile die Meinung von Simon Johnson. Ich habe schon vor einiger Zeit gesagt, die Finanzindustrie habe die Staaten mittels "Moral Hazard" als Geisel genommen. Eigentlich ein Geniestreich. Und weil sie das fertig gebracht haben, sind die zuständigen Bankster wohl immer noch der Meinung, sie hätten ihre exorbitanten Boni verdient! Antworten
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In einem Interview mit FOX-News gab Obama einen Einblick ins Geldsystem: "Geld ist nichts anderes als Schulden. Das Geld, das sie in der Tasche haben, sind die Schulden eines anderen." Der US-Präsident machte sich stark für ein neuartiges Geldsystem. Der letzte Präsident, der dies versucht hätte, bezahlte aber dies mit seinem Leben. Obama: "Ich will nicht so enden wie Kennedy." Antworten