Wirtschaft
«Wir sind am maximal schlechtesten Punkt»
Interview: Markus Diem Meier. Aktualisiert am 30.06.2010 25 Kommentare
Klaus Wellershoff
Klaus Wellershoff ist CEO von «Wellershoff & Partners», einem Unternehmen für wirtschaftliche Analysen. Wellershoff gilt als einer der profiliertesten Ökonomen des Landes. Bekannt wurde er auch durch seine Funktion als Chefökonom der UBS von 1997 bis 2009.
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Der ansonsten eher als Optimist bekannte Klaus Wellershoff verwendet im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet dramatische Worte zum gegenwärtigen Zustand der Finanzmärkte und zum weiteren Konjunkturverlauf: «Wir sind im maximal schlechtesten Punkt, in dem sich die Wirtschaftspolitik überhaupt befinden kann», sagt der Gründer und Leiter von Wellershoff & Partners. Die gegenwärtige Ausgangslage sei «hundsmiserabel», sowohl für die Kapitalmärkte wie auch für die Konjunkturentwicklung.
Für die Schweiz ortet Wellershoff Gefahren durch einen weiteren Aufwärtstrend des Frankens. Daher erwartet er auch ein baldiges Eingreifen der Schweizerischen Nationalbank (SNB): «Wenn die SNB (SNBN 1089 2.06%) die Devisenkurse nicht mehr beachtet, würde das ihre eigene bisherige Politik ad absurdum führen», sagt der Ökonom. Denn bis vor Kurzem – aber bei einem deutlich schwächeren Franken – hat die Nationalbank noch massiv in die Devisenmärkte eingegriffen, um die Aufwertung des Frankens zu stoppen. Wellershoff rechnet daher damit, «dass Interventionen auf dem jetzigen Niveau zwischen 1.30 und 1.32 Franken pro Euro wieder ein Thema werden.»
«Inkongruenz» bei der Schweizerischen Nationalbank
Die Begründung der SNB, die Deflationsgefahr sei gebannt, hält Wellershoff für nicht besonders überzeugend. Schon die Begründung der früheren Devisenmarktinterventionen mit dieser Gefahr durch die SNB sei nicht glaubwürdig gewesen. Diese Kommentare «nehmen wir als politische Aussage wahr», sagt der Fachmann. Im Gegensatz zu den Aussagen der Notenbank würde jetzt das Deflationsrisiko steigen. Zwischen der Realität und der Argumentation der Nationalbank gebe es daher eine gewisse «Inkongruenz», die man nur politisch erklären könne. «Es nehmen alle immer sehr ernst, was Notenbanker sagen, obwohl man das eigentlich nicht tun sollte».
Mit der Wirtschaftspolitik weltweit erklärt sich Wellershoff auch die Nervosität an den Kapitalmärkten: Die Sparmassnahmen der Regierungen würden einerseits das Wachstum belasten, seien andererseits aber zu bescheiden, um die Verschuldung nachhaltig zu vermindern. «Man versucht sich durchzumogeln, doch die Finanzmärkte haben das durchschaut».
Die Angst vor einem Staatsbankrott in den USA als Hauptgefahr
Die fiskalische Lage in vielen europäischen Ländern bezeichnet Wellershoff als «zerrüttet». Am gefährlichsten sei allerdings das Staatsdefizit in Grossbritannien und den USA. Die Lage in diesen beiden für die Weltwirtschaft zentralen Ländern sei kaum besser als jene in Spanien, das aber weit mehr die Schlagzeilen dominiert. «Wenn die Sorge um einen Staatsbankrott der USA oder Grossbritanniens wächst, dann würde das alle anderen Sorgen übertreffen», sagt Wellershoff.
Eine solche bereits breit debattierte Sorge ist die nach einem erneuten Fall in eine Rezession in den wichtigsten Volkswirtschaften der Welt. Wellershoff hält das für ein ernst zu nehmendes Risikoszenario. Allerdings würden die Stimmungswerte der Konsumenten – mit Ausnahme der USA – noch Grund zum Optimismus bieten. Die Gefahr bestehe vor allem darin, dass die Unsicherheit an den Kapitalmärkten auf das Konsumentenvertrauen überschwappt. Wenn das passiere, sei eine Rezession unvermeidlich. Auch auf die aktuellen Ängste um die Stabilität der Banken in Europa geht Wellershoff ein. Hier hingegen gibt er sich gelassen. Die Gefahr sei deshalb nicht übermässig gross, weil die Zentralbank wieder rettend einspringen wird, auch wenn sie das eigentlich nicht will.
Schweizer Wirtschaft kann sich nicht entziehen
Optimistisch gibt sich Wellershoff auch weiter für die Schweizer Wirtschaft, obwohl sich unser Land einem konjunkturellen Einbruch der Weltwirtschaft nicht entziehen könne und der starke Franken eine Belastung sei. Weiter müsse man die von der Nationalbank geäusserte Sorge vor einer Immobilienblase in der Schweiz angesichts der tiefen Zinsen ernst nehmen – auch wenn diese Warnung ausgerechnet von der SNB auch etwas zynisch wirke: Denn sie sei es doch, die für die tiefen Zinsen verantwortlich sei. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.06.2010, 13:56 Uhr
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