Wirtschaft

«Wir sind reicher!»

Interview: Michael Marti. Aktualisiert am 23.12.2009

Serie «Die Nuller-Jahre»: Das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends war geprägt von Börsenexzessen und ökonomischen Krisen. Die Bilanz? Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann über die Gewinner und Verlierer am Ende der rasanten Achterbahnfahrt.

1/9 Eine ansehnliche Bilanz
Die Nuller-Jahre enden zwar mit einer tiefen Finanzkrise, doch eine Nullrunde sind sie deshalb nicht. Im Gegenteil: Die Welt ist bedeutend reicher als zu Beginn des Jahrzehnts, das durchschnittliche Einkommen der Weltbevölkerung ist jährlich um etwa 1,5 Prozent gewachsen. (Bild: Werbung für Luxusprodukte in Peking)
Bild: Reuters

«Wir sind reicher geworden»

   

Herr Straumann, die Nuller begannen mit einer Finanzkrise, dem Dotcom-Crash – und enden in einer zweiten Finanzkrise, ausgelöst durch die Immobilienblase. Gabs das so schon mal?

Tobias Straumann: Ja, der Rhythmus ist völlig normal. Krisen gibts immer wieder, meist im Abstand von fünf bis sieben Jahren. Was aber neu ist: Beide Nuller-Jahre-Krisen gingen vom Zentrum aus, von den USA. Früher fanden sie eher in Lateinamerika oder Asien statt. Was zudem ins Auge sticht, ist die grosse Wertvernichtung. Bei der Dotcom-Blase wurde auch viel Vermögen verloren, aber wenigstens diente der Überschwang dem Durchbruch einer neuen Technologie. Diesmal war es im Kern nichts anderes als eine konventionelle Immobilienblase, der man überhaupt nichts Positives abgewinnen kann.

In diesen letzten Tagen der Nuller-Jahre ist die Stimmung gedrückt. Ist denn die Welt in den letzten 10 Jahren ärmer geworden?

Nein, im Gegenteil: Die Welt ist bedeutend reicher als zu Beginn der Nuller-Jahre. Das durchschnittliche Einkommen der Weltbevölkerung ist jährlich um etwa 1,5 Prozent gewachsen. Die grossen Motoren waren die sogenannten BRIC-Staaten, Brasilien, Russland, Indien und China mit Wachstumsraten von durchschnittlich fünf Prozent pro Jahr.

Genauer: Wer sind die Gewinner? Wer die Verlierer?

Am meisten profitiert haben China und Indien. Deren Aufstieg hat in den Achtziger-Jahren begonnen und wird auch im kommenden Jahrzehnt anhalten. Aber: Auch die Schweiz konnte profitieren, wir wurden reicher. Zwar nicht mit Rekordwachstumszahlen wie Ende der Neunziger, aber mit einem verlässlichen Wachstumstrend von etwas mehr als 1.5 Prozent im Jahr, wenn wir die Schätzungen für das laufende Jahr mitberücksichtigen.

Welche Gesellschaftsschicht wusste am meisten zu profitieren?

Die Schweiz steht in dieser Hinsicht gut da. Zwar hat sich auch hierzulande die Schere zwischen Arm und Reich weiter geöffnet, jedoch nicht, weil die Armen ärmer wurden, sondern die Reichen reicher; selbst wenn die Reichen nun am Ende des Jahrzehnts, in der Finanzkrise, viel verloren haben. Zudem: Im Gegensatz zu den USA, wo seit längerem ein schleichender Abstieg der ärmeren Schichten beobachten ist, sind in der Schweiz die Reallöhne nicht gesunken, sondern gestiegen - von 2000 bis 2008 immerhin um vier Prozent. Doch für die Schweiz gilt auch das Folgende: In Wachstumsphasen profitiert das Kapital ungleich stärker als die Arbeit - das zeigt sich auch an den gigantischen Rekordgewinnen, welche die Finanzbranche in den guten Jahren dieses Jahrzehnts einfuhr.

Was ist das herausragende Merkmal der Nuller-Jahre?

Die allgemeine Ratlosigkeit. Auf der einen Seite traut man heute den Märkten kaum mehr was zu. Auf der anderen Seite fehlt das Vertrauen in die Wirksamkeit staatlicher Regulierung. All die Massnahmen, welche nun getroffen werden, scheinen nur aus einem Grund gefällt worden zu sein: weil Alternativen fehlen, nicht weil man wirklich der Überzeugung ist, dass die nächste Krise wirksam verhindert werden kann. Alle fühlen sich in der Defensive.

Gibt es eine Wirtschaftskarriere, die einmal für die Nuller-Jahre stehen wird?

Marcel Ospel ist wohl der Prototyp des Nuller-Jahre-Bankers. In seiner Karriere, in seinem Aufstieg und Fall, spiegelt sich die kolossale Überschätzung der Manager, die Hybris auch dieser Berufsgruppe. Das Traurige dabei ist: Man hat nicht das Gefühl, dass aus diesen Wirtschaftskatastrophen etwas gelernt worden wäre, dass Manager besser rekrutiert würden.

Erlebten wir in den Nuller-Jahre den Triumph der digitalen Wirtschaft?

Natürlich gibt es die grossen Internet-Erfolgsgeschichten, Facebook startete 2004, Youtube 2005. Was mich hingegen typischer dünkt für die Nuller-Jahre: Dass man am Ende des Jahrzehnt zu den Themen der Realwirtschaft zurückkehrt. Man spricht über Öl, über Nahrungsmittelpreise. Man debattiert über Rohstoffreserven. Man warnt vor Grenzen, vor der Begrenztheit von Ressourcen. Die Energiefrage stellt sich drängender denn je. China kauft sich in Afrika riesige Flächen zusammen und investiert so immense Summen in die Landwirtschaft. Die digitale Wirtschaft, die neue Wirtschaft hingegen ist kaum im Fokus internationaler Diskussion, auch nicht Gegenstand globaler Verteilungskämpfe.

Wie werden die Nuller-Jahre in einem Geschichtsbuch aus der Jahre 2050 beschrieben sein?

Was man sicher sagen kann: Die Nuller-Jahre werden nicht als eine Wendezeit in die Geschichte eingehen. Sie sind nicht eine herausragende Epoche wie es etwa die Achtzigerjahre waren, die zum Fall der Mauer führte. Vielmehr erlebten wir eine Übergangszeit, geprägt von Merkmalen der Nach-Kalter-Krieg-Ära: Der stetige Machtverlust der USA, der Aufstieg asiatischer Staaten. Auch die wirtschaftspolitischen Interventionen im Zuge der Finanzkrise sind kein eigentlicher Paradigmenwechsel. Es wird nachgebessert. Neu justiert. Das war in den Dreissiger Jahren, nach der Weltwirtschaftskrise ganz anders – damals kam es zu grundlegenden Änderungen.

Weshalb ist das so?

Es ist weit und breit keine Alternative zum Kapitalismus in Sicht; in den Dreissiger Jahren konkurrenzierten noch Kommunismus und Faschismus mit dem liberalen kapitalistischen System, damals war der Kapitalismus in der Tat bedroht. Heute ist das anders. Die ideologischen Konkurrenten sind schon lange ausgeschieden. Und eine Krise stellt nicht gleich das System in Frage. Die heutige Finanzkrise wird bald an Bedeutung verloren haben, so wie der 11. September 2001 bereits viel an Bedeutung verloren hat. Der nächste wirkliche Wende könnte eine Erschöpfung der Rohstoffe bringen, das würde die Weltwirtschaft zu grossen Anpassungsleitungen zwingen. Aber soweit sind wir nicht.

Wird es besser werden? Was bringen uns die Zehner-Jahre?

Den nächsten Aufschwung und die nächste Krise. Wir müssen weiterhin mit grossen Konjunkturschwankungen leben, das war schon immer so. Skeptisch bin ich auf lange Sicht, was China anbelangt: Diesem Riesenland stehen grosse politische und wirtschaftliche Probleme bevor. Immer noch völlig ungelöst ist die Copyright-Frage in der digitalen Wirtschaft, sie wird sich vermutlich noch verschärfen. Und die Finanzindustrie wird uns mit den alten Fragen beschäftigen. Ich kann nicht an so etwas wie eine neue Bescheidenheit in dieser Branche glauben. Sodann werden die Schulden ein Generalthema sein, über das nächste Jahrzehnt hinaus. Irgendeinmal wollen die jetzt gemachten Schulden abbezahlt sein, das wird zu heftigen Verteilungskämpfen führen. Die Entschuldung werden meiner Meinung nach die USA besser schaffen als die Europäer, denn die Amerikaner haben viel mehr Raum für Steuererhöhungen.

Und die Schweiz?

Die Schweiz ist sehr gut positioniert: Sie schaffte es bislang durch die Krise, ohne sich exzessiv zu verschulden. Die Schweiz wird wieder ein normales Wachstum erleben, noch nicht 2010, womöglich ab 2011, sicher ab 2012. Und damit wird die in den Nuller-Jahren verlustig gegangene Zuversicht zurückkehren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.12.2009, 11:10 Uhr

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