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Wirtschaftliche Gründe verhindern bei SBB den raschen Atomausstieg
Von Cornelia May. Aktualisiert am 08.04.2011 15 Kommentare
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Führt die Atomkatastrophe in Japan zu einem Imageproblem für die Bahn? Fukushima hat die Wahrnehmung über verantwortungsvolle Energieversorgung verschoben. Das stellt die grösste Stromkonsumentin der Schweiz vor ein Problem, denn sie ist zu 25 Prozent auf Atomstrom angewiesen. Das sind 700 Gigawattstunden pro Jahr.
SBB-Chef Andreas Meyer sagte vergangene Woche in der Sendung «10 vor 10» des Schweizer Fernsehens: «Die SBB wollten Anfang der 2000er-Jahre alle ihre Kernkraftbeteiligungen verkaufen. Bei einigen ist es gelungen – andere hat damals niemand kaufen wollen.» Tatsächlich sass die Bahn zur Jahrtausendwende auf einem Berg zu teurer Stromverträge, während die Marktpreise in Europa im Keller waren. Einige Jahre später war von einem Atomausstieg keine Rede mehr: Nachdem die Strompreise auf dem Markt gestiegen waren, konnten die SBB von günstigen Atomverträgen profitieren. Damals störten 25 bis 30 Prozent Atomstrom weder die SBB-Verantwortlichen noch die Öffentlichkeit. Ob das heute immer noch akzeptiert wird, ist eine ökonomische, aber auch eine politische Frage. Und vor allem eine drängende: Die SBB planen einen massiven Ausbau ihres Bahnnetzes, denn bis 2030 könnte sich die Anzahl der Passagiere verdoppeln.
Erhöhter Bedarf war absehbar
Mehr und schnellere Züge, schwerere Gütertransporte sowie mehr Klimaanlagen und Steckdosen in allen Waggons werden zu zusätzlichem Strombedarf führen. Der erhöhte Tunnelanteil infolge des Neat-Projekts verschärft das Problem ab 2017: Die Fahrt durch den Gotthard-Basistunnel wird für den Personenverkehr mehr Strom verbrauchen als die Strecke über den Berg. Zwar entfällt der Höhenunterschied, und die Strecke ist kürzer, aber eine Geschwindigkeit von 200 km/h in der Tunnelröhre erhöht den Luftwiderstand. Schätzungen von Experten gingen 2007 von einem bis zu 50 Prozent höherem Energiebedarf auf der Strecke Zürich–Lugano aus. Aktuellere Zahlen sind nicht verfügbar. Ein akzentuierter Taktfahrplan treibt den Spitzenverbrauch zusätzlich nach oben, indem viele Züge gleichzeitig beschleunigen müssen.
Kein kompletter Verzicht
Die Wasserkraft, mit der die SBB drei Viertel ihres Strombedarfs decken, unterliegt naturbedingten Schwankungen. Zudem ist zu erwarten, dass die Standortkantone der SBB-eigenen Wasserkraftwerke bei der Konzessionsverlängerung in einigen Jahren mehr Mitspracherechte und Preiserhöhungen durchsetzen werden.
SBB-Mediensprecher Reto Kormann sagt, die Bahn plane derzeit nicht, ihre Atomkraftbeteiligungen abzustossen. Obwohl sie das Ziel habe, so unabhängig wie möglich von Kernenergie zu operieren, sei ein kompletter Verzicht heute nicht möglich. Einen Zeitplan für den Ausstieg nennt er nicht. Dafür verweist er darauf, dass die Bahn ihre Energiebeschaffungsstrategie im Laufe dieses Jahres erst noch erarbeiten müsse. Meyer gab mit seiner Aussage gegenüber «10 vor 10» folglich einen Umstand wieder, der nichts mit einem aktuell beabsichtigten Atomverzicht zu tun hat. Vielmehr wollte er die SBB als ökologisches Transportunternehmen darstellen.
Aussicht auf zusätzlichen Strom
Zur Entschärfung ihres Energieproblems setzt die Bahn unter anderem auf ein eigenes Energiesparprogramm. Darin enthalten sind beispielsweise Lokführerschulungen in sparsamer Fahrweise und elektrische Bremssysteme, die die Bremsenergie ins Netz zurückspeisen. Kormann nennt das angepeilte Ziel von 10 Prozent weniger Verbrauch bis 2015 ambitiös, aber realistisch.
Ein wichtiges Projekt auf der Beschaffungsseite ist die 40-prozentige Beteiligung am Pumpspeicherkraftwerk Nant de Drance im Wallis, die bei den SBB mit einem Investitionsvolumen von 1 Milliarde Franken in den Büchern steht. Wenn das Kraftwerk 2017 den vollen Betrieb aufnimmt, wird es 1500 Gigawattstunden pro Jahr liefern. Gegenüber den Einsparungen liegt hier das deutlich grössere Energiepotenzial.Wie schnell die SBB ihren Atomstromanteil reduzieren werden, beeinflusst unter anderem der öffentliche Druck. Bisher werden die SBB als grün wahrgenommen – trotz ihres Atomstroms. Würden sie auf alle Atombeteiligungen verzichten, müssten sie zumindest heute noch mehr Geld ausgeben. Zusätzlich sind gemäss Fachleuten Umformwerke nötig, die den Marktstrom auf bahnkonforme 162/3 Hertz transformieren.Damit dies realisiert werden kann, muss die Öffentlichkeit allerdings eine zusätzliche Zahlungsbereitschaft für den schnellen Atomausstieg aufbringen. Die SBB halten neben ihren Wasserkraftwerken Beteiligungen am Kernkraftwerk Leibstadt (2%) sowie an den französischen Kraftwerken Bugey (2,5%) und Cattenom (1%). (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.04.2011, 22:42 Uhr
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15 Kommentare
Die SBB als Grün wahrzunehmen ist ein schlechter Witz. Motorisierte Mobilität auf dem gegenwärtigen Niveau an sich ist Energie- und Ressourcenverschwendung - egal ob wir mit dem Auto, dem Motorrad, dem E-Bike, dem Flugzeug oder der Bahn unterwegs sind. Aber diese Einsicht ist im Moment noch politisch unkorrekt. Antworten
Atomstrom ist Strom, wie jeder andere auch, solange es keine Alternative gibt, nehm ich eben diesen. Günstig ist er ja auch noch. Das Katastrophenrisiko auf ein akzeptables Minimum reduzieren und weitermachen wie bisher...Man kann auch einen Autounfall oder Flugzeugabsturz nicht zu 100% ausschliessen. Ein gewisses Risiko muss man akzeptieren.H Antworten
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