Wirtschaft

Wirtschaftswachstum wird im All gemessen

Es gibt Bilanzen, Forschungen, Indizes, Umfragen. Doch nun haben Wissenschafter zum Messen der Wirtschaftsleistung eine neue, beeindruckend einfache Methode herausgefunden.

Mit dem Wachstum wirds heller: Lichtdaten aus dem Weltall.

Mit dem Wachstum wirds heller: Lichtdaten aus dem Weltall.

Das Bruttoinlandprodukt

Keine Zahl hat für die Ökonomen eine grössere Bedeutung als das Bruttoinlandprodukt (BIP). Sie misst die gesamte Produktionsleistung einer Volkswirtschaft zum Beispiel während eines Jahres. An ihr wird gemessen, wie reich ein Land ist und wie stark es wächst.

Doch mit der Grösse gibt es eine Reihe von Problemen. So wird selbst unter Wirtschaftsexperten heftig debattiert, wie gut das BIP als Massstab für das Wohlbefinden oder das Glück der Leute in einem Land taugt. In vielen Fällen ist aber schon die Berechnung der Zahl höchst problematisch und ungenau. Das liegt daran, dass viele wirtschaftliche Leistungen statistisch gar nicht erfasst werden. Wo die Schattenwirtschaft für einen grossen Teil der Einkommen Bedeutung hat, unterschätzt das offiziell gemessene BIP die tatsächliche Wirtschaftsleistung besonders dramatisch. In den Ländern südlich der Sahelzone weicht die Genauigkeit der erhobenen BIP-Daten nach Schätzungen bis zu 40 Prozent von ihrem tatsächlichen Wert ab.

Forscher haben eine verblüffende neue Methode entdeckt, um das Wirtschaftswachstum zu messen. Dabei werfen sie sozusagen jede Nacht einen Blick aus dem Weltall auf die Erde und registrieren die künstlichen Lichter auf dem Erdball. Das Wirtschaftswachstum ermitteln sie, indem sie die Veränderung dieses Lichts für einzelne Länder über Jahre messen. Konkret haben die Wissenschafter Vernon Henderson, Adam Storeygard und David N. Weil von der Brown University im US-Bundesstaat Rhode Island für Wachstumsschätzungen auf Daten zurückgegriffen, die Wettersatelliten der US-Armee jede Nacht von der ganzen Welt sammeln.

Allein auf die Lichtdaten verlassen sich die Forscher allerdings nicht. Um eine genauere Wachstumsmessung vorzunehmen, rechnen sie einen gewichteten Durchschnitt aus den Weltraumdaten und den gängigen BIP-Erhebungen. Jede der beiden Methoden hat ihre spezifischen Nachteile. Doch weil diese Nachteile nicht miteinander in Verbindung stehen, glauben die Wissenschafter, zu weit besseren BIP Schätzungen zu kommen.

Lichtdaten verändern das Bild

Mit ihrer Methode sind die Forscher zu teilweise deutlich anderen Ergebnissen gelangt, als bisher gängige Schätzungen zum Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP). Die deutlichsten Ausschläge bei den untersuchten, meist ärmeren Volkswirtschaften zeigten sich im Fall von Burma und bei der Republik Kongo: Bis 2003 ist in Burma die Wirtschaft laut offizieller Statistik jährlich 8,3 Prozent über die vergangenen zehn Jahre gewachsen, gemäss der Lichtmessung waren es aber bloss 3,4 Prozent. Zusammen genommen errechnen die Forscher ein tatsächliches Wachstum von 5,8 Prozent. Im Fall der Republik Kongo zeigte sich ein deutlich besseres Bild, als sie gängige Statistiken zeigen. Inklusive Lichtmessung ist die Wirtschaft des Landes von 1993 bis 2003 zwar praktisch nicht gewachsen, laut Statistik ist sie allerdings jährlich um 2,6 Prozent geschrumpft. Im Fall von Namibia entsprachen die Lichtmessungen exakt den offiziellen Wachstumszahlen. Das jährliche Wachstum über die gleiche Zeit belief sich dort auf 3,8 Prozent.

Die Wissenschafter können mit der Lichtmessung Veränderungen in den Wachstumsraten nicht nur schneller registrieren, die Beobachtung aus dem Weltall erlaubt auch eine stärkere regionale Abgrenzung der wirtschaftlichen Entwicklung innerhalb eines Landes: Insbesondere für Städte existieren kaum BIP-Daten. Mit der Messung des Lichts lassen sich auch zu ihrem Wachstum wertvolle Erkenntnisse gewinnen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.08.2009, 16:11 Uhr

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