Wo Thomas Jordans Albträume tägliche Realität sind

Kampf mit aller Kraft gegen eine Aufwertung der Landeswährung: Spekulanten könnten demnächst die tschechische Notenbank in die Knie zwingen.

Kommts hier bald zu einer Währungs-Eruption? Blick über die tschechische Hauptstadt Prag.

Kommts hier bald zu einer Währungs-Eruption? Blick über die tschechische Hauptstadt Prag. Bild: Reuters

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Ob Thomas Jordan in der Nacht schon mal aufgeschreckt ist, weil er geträumt hatte, Chef der tschechischen Notenbank zu sein, entzieht sich unserer Kenntnis. Auf jeden Fall dürfte der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) heilfroh sein, dass er es nicht tagtäglich mit den Problemen seiner tschechischen Kollegen zu tun hat. In deren Lage versetzen kann sich Jordan ganz gewiss, denn die in Prag ansässigen Notenbanker ringen ebenso mit den Problemen einer Währung, die gegenüber dem Euro zu übermässiger Stärke neigt. Auch mit Euromindestkursen und ihren Tücken kennt man sich bestens aus.

Anders als die SNB, die den Mindestkurs im Januar 2015 aufgegeben hatte, hält die Ceska Narodni Banka (CNB) immer noch an diesem Instrument fest. Eingeführt im November 2013, lassen die Prager Notenbanker seither ihre Währung zum Euro nicht unter 27 Kronen sinken. Die damalige Begründung der Tschechen klingt durchaus vertraut für eine kleine offene Volkswirtschaft wie die Schweiz: Mit der Verhinderung einer exzessiven Kronen-Aufwertung wollte man der Gefahr begegnen, die Wirtschaft abzuwürgen und in eine deflationäre Abwärtsspirale zu geraten.

Seit Mitte 2015 klebt der Kronen-Kurs an der 27er-Schwelle. (Screenshot Bloomberg)

Anfänglich nahm der Markt den Euromindestkurs zum Nennwert: Die Krone notierte mit mehr oder minder deutlichem Abstand über der 27er-Schwelle, ohne dass die CNB gross am Markt intervenieren musste. Doch in der zweiten Hälfte 2015 begann sich das Bild zu ändern, und seither «klebt» der Wechselkurs auf dem deklarierten Mindestwert von 27 Kronen. Parallel dazu sieht sich die tschechische Notenbank zu regelmässigen Devisenkäufen gezwungen, um ihr Kursregime durchzusetzen. Diese Aufkäufe haben seit Anfang dieses Jahres dramatische Ausmasse angenommen, wie die Aufblähung der tschechischen Devisenreserven erkennen lässt. Offenkundig lässt sich eine wachsende Zahl spekulativ orientierter Investoren auf einen offenen Kampf mit der CNB ein: Sie wetten immer grössere Beträge darauf, dass Tschechiens Währungshüter im Lauf der nächsten Monate den Euromindestkurs aufgeben müssen.

Allein im Januar verzeichneten die tschechischen Devisenreserven einen Zuwachs von rund 21 Prozent, und im Februar sind sie nochmals um 7,5 Prozent angeschwollen. Damit ist die gesamte letztjährige Erhöhung der Fremdwährungsbestände bereits übertroffen worden. Mit einem Volumen von über 105 Milliarden Euro entsprechen sie annähernd 60 Prozent der tschechischen Wirtschaftsleistung. Verglichen mit der Schweiz – wo die von der SNB gebunkerten Devisenreserven inzwischen mehr Wert haben als das heimische Bruttoinlandprodukt –, hätten die Tschechen eigentlich immer noch «Luft».

Ab Ende März ist alles möglich

Doch die massive Spekulationswelle gegen die CNB und vor allem der jüngste scharfe Inflationsanstieg – im Februar kletterte die Teuerungsrate auf 2,5 Prozent, nach 2,2 Prozent im Vormonat – lassen Zweifel am Durchhaltevermögen der tschechischen Geldpolitiker aufkommen. Längst wird unter Marktbeobachtern nicht mehr gerätselt, ob der Euromindestkurs aufgegeben wird, sondern nur noch, wann es so weit sein wird. Seitens der CNB gilt die Sprachregelung, dass man sich bis Ende März fest an den Mindestkurs gebunden fühlt und bis Mitte 2017 «voraussichtlich» daran festhalten werde.

Einzelne Analysten halten es für möglich oder gar für geboten, dass Tschechien bereits in den ersten April-Tagen aus dem Mindestkursregime aussteigt – bevor die voraussichtlich wieder über 2 Prozent liegende Inflationsrate für März bekannt gegeben wird. Denn jedes weitere Zuwarten, so wird argumentiert, würde nur zu noch weiteren spekulativen Kapitalzuflüssen ins Land führen und damit die Devisenreserven der CNB entsprechend anschwellen lassen. Schon jetzt muss die Notenbank mit empfindlichen Bewertungsverlusten auf dem Fremdwährungsbestand rechnen, wenn die Krone nach der Aufgabe des Mindestkurses drastisch aufwertet. Je länger sie diesen Schritt hinauszögert und weiter am Markt Devisen aufkauft, desto grösser dürften schliesslich die Bewertungsverluste ausfallen. Wünschen wir Thomas Jordan angenehmere Träume als ein Jobwechsel nach Prag. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.03.2017, 13:39 Uhr

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