Wohneigentum ist doof

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 08.09.2010 99 Kommentare

Die Wirtschaftskrise wird unsere Gesellschaft langfristig verändern: Erfolgreiche Menschen sind kreativ, flexibel und leben in Städten. Der Besitz eines Eigenheims wird zur überflüssigen Last.

Das Eigenheim im Grünen behindert den Erfolg: Das «Maison Blanche» von Le Corbusier in La Chaux-de-Fonds.

Das Eigenheim im Grünen behindert den Erfolg: Das «Maison Blanche» von Le Corbusier in La Chaux-de-Fonds.

Reset

Richard Florida, «Reset», Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010. 250 Seiten

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Die Wirtschaftskrise wird nicht nur die Banken und das internationale Finanzsystem verändern, sondern ist im Begriff, die gesamte Gesellschaft umzukrempeln. Davon sind eine wachsende Zahl von Experten überzeugt. Zu ihnen gehört der renommierte Wirtschaftsgeograf Richard Florida. Er ist überzeugt, dass wir uns auf einen Umbau der modernen Gesellschaften vorbereiten müssen und bezeichnet diesen Vorgang als «Reset» (siehe Box). «Jede grosse Wirtschaftsära bringt eine eigene charakteristische Geografie hervor», stellt Florida fest. «Auch der gegenwärtige grosse Reset wird mit einer neuen Wirtschaftslandschaft und einer ganz neuen Lebensweise einhergehen, die der kommenden ökonomischen und sozialen Realität unserer Zeit entsprechen.»

Grosser Verlierer dieses Resets wird das traditionelle Eigenheim im Grünen sein. Der Traum der Menschen in den Industriegesellschaften wird zum Albtraum in der postindustriellen Gesellschaft. Das Häuschen im Grünen ist zu teuer, bindet zu viel Finanzmittel und fesselt die Eigentümer an eine bestimmte Gegend. «In einer Wirtschaft, in der sich alles um Mobilität und Flexibilität dreht, wird ein unverkäufliches Haus zu einer ökonomischen Falle, die Menschen hindert, dorthin zu gehen, wo sich wirtschaftliche Chancen bieten», stellt Florida fest.

Das Eigenheim behindert die erforderliche Flexibilität

Die Gewinner der Zukunft sind mobile Menschen in kreativen Berufen. Sie sind gewaltig auf dem Vormarsch. In modernen Gesellschaften sind heute bereits rund 30 Prozent der Erwerbstätigen in diesem Bereich tätig, in der Industrie bloss noch rund 10 Prozent. Diese Tendenz wird sich mit der Auslagerung der Produktion in Billigstandorte noch verschärfen.

Das Eigenheim im Grünen war der Traum der Menschen im Industriezeitalter. Sie bleiben oft ihr gesamtes Arbeitsleben beim gleichen Unternehmen und investierten daher einen guten Teil in ihr Haus. Heute ist diese Lebensweise international nicht mehr gefragt. «Den schlimmsten Schaden hat die Immobilienkrise nicht unbedingt auf den Finanzmärkten angerichtet, sondern in den langfristigen Wettbewerbsnachteilen, die durch unflexible Arbeitskräfte entstanden», stellt Florida fest.

Der Drang zurück in die Stadt

In der postindustriellen Gesellschaft drängt es die Menschen wieder zurück in die Städte. Sie üben eine starke Anziehungskraft auf junge, mobile und gut ausgebildete Leute aus. Es entstehen so Megaregionen, die mit Hochgeschwindigkeitszügen verbunden werden. In diesen Städten wird das Velo zum Statussymbol dieser neuen Schicht. Auto und Eigenheim verlieren an Anziehungskraft. Stattdessen müssen wir anfangen, «sowohl die städtischen Räume als auch die umliegenden Vorortringe klüger zu nutzen, komfortablen erschwinglichen Wohnraum für mehr Mensch zu schaffen und dabei für höhere Lebensqualität zu sorgen», fordert Florida.

Der Autor schreibt aus einer amerikanischen Perspektive. Doch sein Reset trifft in mancher Hinsicht auch auf die Schweiz zu. So hat die Credit Suisse in diesem Frühjahr eine Studie veröffentlicht, die zum Schluss kommt, dass gerade die Eigenheime im Grünen tendenziell an Wert verlieren und nicht mehr besonders gefragt sind. Zudem entwickelt sich die Schweiz als Ganzes immer mehr zu einer Mega-Region im Sinne von Florida. Sie wird zu einer «Weltstadt», zu einem Anziehungspunkt für junge Talente aus der ganzen Welt. Diese verbringen einen Teil ihrer Karriere irgendwo zwischen Zürich, Basel und Genf und finden es alles andere als cool, ihr Geld in Wohneigentum zu investieren, das sie später nur schwer und möglicherweise mit Verlusten wieder loswerden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.09.2010, 15:20 Uhr

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99 Kommentare

Ulrich Künzi

09.09.2010, 03:23 Uhr
Melden 1 Empfehlung

@Marco Pfiffner, Sie haben es erfasst. Nur würde mir die Bezeichnung "Lebensqualität" besser gefallen. Ich lebe seit Jahren im friedlichen Teil von Mexico. habe mir die PK auszahlen lassen und davon ein Häuschen gebaut. Ich lebe bescheiden von der AHV die mich in der CH verhugern lassen würde. Ich habe das Wichtigste im Leben erreicht: Ich bin zufrieden mit dem was ich habe. Darum gehts doch. Antworten


Nadine Grüninger

09.09.2010, 13:49 Uhr
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Man will also ein Eigenheim im Grünen. Aber der Nachbar links auch. Und der rechts ebenfalls. Und eh man es sich versieht, steht das Häuschen nicht mehr im Grünen, sondern im Grauen. Pro Sekunde wir in der Schweiz ein Quadratmeter verbaut. Und dann brauchts noch ein Strässchen mehr, damit man mit dem Auto zum Arbeiten in die Stadt fahren kann, denn Jobs gibts im Eigenheimgarten leider keine... Antworten



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