«Zu viel Power für einen Schlussstrich»

Eine Mehrheit der angehenden Rentnerinnen und Rentner würde laut einer neuen Studie lieber weiterarbeiten. Dabei steht ihnen nicht nur die Realität auf dem Arbeitsmarkt im Weg.

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Länger arbeiten, um der demografischen Falle zu entgehen. Das sei unumgänglich angesichts der immer höheren Lebenserwartung. Dieses Argument war in den letzten Jahren zentral im Argumentarium von Wirtschaftsvertretern und bürgerlichen Politikern. Linke hielten mit optimistischeren Annahmen bei der Berechnung der Tragbarkeit der Altersvorsorge dagegen. Ausserdem seien Angestellte mit 65 ausgelaugt, eine Weiterbeschäftigung deshalb kaum zumutbar.

Solche starren Vorstellungen zur Arbeit im Alter, ob von rechts oder links, werden der Realität aber nicht oder nur teilweise gerecht. Der Bundesrat schlägt denn auch eine Flexibilisierung des Rentenalters vor. Eine neue Studie legt nahe, dass das den Wünschen vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern entgegenkommt. Demnach würden mehr als die Hälfte der befragten Babyboomer, die kurz vor der Pensionierung stehen, gerne weiterarbeiten. 18 Prozent wünschen sich eine Fortsetzung ihrer aktuellen Arbeit, 38 Prozent würden gerne in reduzierter oder abgeänderter Form über das Pensionierungsalter hinaus beruflich tätig sein. Die Zahlen beruhen auf einer Onlinebefragung von knapp 450 Personen durch das Forschungsinstitut Swiss Education. Die an dem Projekt «Talent Scout 60+» teilnehmenden Personen sind zwischen 1948 und 1953 geboren und stehen entweder kurz vor der Pensionierung oder haben diese bereits angetreten.

38 Prozent wollen ausruhen und Leben geniessen

Studienleiterin Margrit Stamm erklärt die erstaunlich hohe Bereitschaft fürs Weiterarbeiten im Alter einerseits mit einer grossen Zufriedenheit im Beruf. Die Befragten, die auch überdurchschnittlich gut gebildet sind, haben das Gefühl, sie könnten in ihrem Beruf etwas bewirken. Andererseits fühlen sich viele an der Schwelle zum Rentenalter noch fit und jung. «Sie sind motiviert und haben zu viel Power, um einen Schlussstrich zu ziehen», sagt Stamm. Die ehemalige Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Freiburg hatte sich selber vorzeitig emeritieren lassen und Swiss Education in Bern gegründet. Damit hat sie das realisiert, was gemäss ihrer Umfrage vielen anderen angehenden Rentnern auch vorschwebt: ihre bisherige Tätigkeit in abgeänderter Form weiterführen. Das könnte beispielsweise darin bestehen, dass jemand nur noch in der Lehrlingsausbildung seines Unternehmens tätig ist.

Nur wenige Befragte, nämlich 6 Prozent, streben eine völlige Neuorientierung an. So macht eine der befragten Frauen, die zuvor am Postschalter gearbeitet hatte, nach ihrer Pensionierung nun eine Ausbildung als Immobilienmaklerin. Immerhin 38 Prozent sehen die Pensionierung als «Befreiung». Sie freuen sich darauf, auszuruhen, ihr Leben zu geniessen, zu reisen und ihr Erspartes auszugeben.

Heutige Neurentner haben im Durchschnitt noch viele Jahre vor sich. Die Schweiz wies 2013 mit 82,8 Jahren die weltweit höchste Lebenserwartung aus. Den vielen Arbeitswilligen im Rentenalter bläst auf dem Arbeitsmarkt jedoch ein eher frostiger Wind entgegen. Schon Arbeitslose über 50 Jahre haben oft Mühe, eine neue Stelle zu finden. Nichtsdestotrotz forderte jüngst Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt, die Wirtschaft solle vermehrt auf ältere Mitarbeiter setzen. Obwohl er die Aussage im Hinblick auf die Umsetzung der SVP-Einwanderungsinitiative machte, stellte Vogt laut der «Schweiz am Sonntag» schon heute ein beiderseitiges Bedürfnis fest. In seinem Unternehmen Burckhardt Compression frage man bei Bedarf ehemalige Angestellte für temporäre Einsätze an.

Arbeit im Alter braucht Kulturwandel

Um in der Arbeitswelt breitflächig ältere Menschen einzusetzen, braucht es aber einen Kulturwandel, ist Margrit Stamm überzeugt. Heute werde Alter meist mit Reduktion und Verfall gleichgesetzt. Es gelte nun, die Vorzüge des Alters hervorzuheben. Diese gibt es durchaus. Denn Altern ist ein dynamischer Prozess mit Entwicklungsgewinnen und -verlusten. So nimmt etwa die Gedächtnisleistung ab, dafür verfügen ältere Menschen häufig über hohe soziale Kompetenz, grosses Sachwissen, gute Kombinationsfähigkeiten und Strategien zur Fehlererkennung und -vermeidung. Ältere Arbeitnehmer fürchten aber nicht nur eine Geringschätzung durch die Arbeitgeber, sondern offenbar fühlen sich viele auch wenig geschätzt durch ihre jüngeren Kolleginnen und Kollegen. Ein Teil der Studie, in dem die Befragten offene Antworten geben konnten, ist zwar laut Stamm noch nicht systematisch ausgewertet. Sie schätzt aber, dass es etwa 70–80 Prozent sind, welche Meinungen vertreten wie «Die Jungen sind froh, wenn wir gehen.» Viele sehen sich als Opfer, erklärt Margrit Stamm. Dabei stellt sie wenig Selbstkritik fest: Die meisten älteren Menschen fragen sich offenbar nicht, ob sie sich anders verhalten müssten, damit jüngere ihr Wissen aufnehmen würden.

Zu einem Kulturwandel, der zur vermehrten Beschäftigung von Menschen im Rentenalter führt, müsste laut Stamm auch eine frühere Karriereplanung gehören. Eine Flexibilisierung des Rentenalters sei zwar wichtig, reiche aber nicht. «Heute machen sich die Leute meist erst mit 55 Jahren Gedanken, wie sie den Rest des Erwerbslebens gestalten wollen.» Das ist zu spät, findet Stamm. «Man sollte schon mit 45 seine Kompetenzen erweitern.» So könne man die Weichen stellen, um später im Beruf mehr beratende Funktionen zu übernehmen oder in der Schulung tätig zu sein. Oder man könne mit 50 Jahren ein Nachdiplomstudium absolvieren und umsatteln. Es brauche die Bereitschaft zur Weiterbildung der Angestellten – aber auch entsprechende Angebote der Unternehmen und staatliche Unterstützung, ist Stamm überzeugt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.07.2014, 18:58 Uhr)

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