Die Kosten des Krieges

Seit sechs Jahren wird in Syrien gekämpft. Der Bürgerkrieg kostete das Land bisher 218 Milliarden Franken. Das ist erst der Anfang.

Die zerstörte Infrastruktur ist nur das kleinste Problem: Mann in einem demolierten Haus in der Stadt Daraa.

Die zerstörte Infrastruktur ist nur das kleinste Problem: Mann in einem demolierten Haus in der Stadt Daraa. Bild: Alaa Faqir/Reuters

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Der Konflikt dauert schon länger als der Zweite Weltkrieg. Im März 2011 begann der Aufstand gegen die Regierung von Bashar al-Assad. Sechs Jahre später wird in Syrien heftiger denn je gekämpft. Zwischen 400'000 und 470'000 Menschen sind bereits gestorben, Millionen sind auf der Flucht, 316'650 Gebäude wurden zerstört oder stark beschädigt – darunter Schulen, Spitäler, Wasserwerke und Energieversorgungszentralen. Das Leid der Bevölkerung ist unermesslich.

Neben der menschlichen Tragödie gibt es auch eine ökonomische. Wie die Weltbank in einer neuen Studie schreibt, kostete der Bürgerkrieg in Syrien bis Ende letzten Jahres 226 Milliarden Dollar oder umgerechnet 218 Milliarden Franken – in der Form verlorener Wirtschaftsleistung. Vor Ausbruch des Konfliktes lag das jährliche Bruttoinlandprodukt (BIP) Syriens bei 56 Milliarden Dollar. Inzwischen ist es auf weniger als 21 Milliarden oder um 63 Prozent geschrumpft.

Infrastruktur, Humankapital und Chaos

Es sind drei zentrale Ursachen, welche die Experten der Weltbank für den Einbruch der Wirtschaftsleistung Syriens ausmachen:

  • Zerstörung der Infrastruktur: Der Krieg hat Fabriken, Geschäftsräume, Maschinen und Computeranlagen vieler Firmen ebenso zerstört wie Strassen, Eisenbahnlinien, Flughäfen oder Anlagen der Ölindustrie. Dadurch sinkt der Ausstoss der syrischen Wirtschaft. 538'000 Arbeitsplätze sind als Folge davon pro Jahr verloren gegangen. Inzwischen gehen drei von vier Erwachsenen keiner beruflichen Tätigkeit mehr nach.
  • Verlust an Humankapital: Die tiefsten Schätzungen sprechen von 320'000 Toten, die Weltbank aber geht von 435'000 Menschenleben aus, die der Bürgerkrieg bisher gekostet hat. Das ist nicht nur eine Tragödie für die Angehörigen, sondern auch schlimm für die Wirtschaft. Hinzu kommen die Millionen von Menschen, die das Land wegen der Auseinandersetzung verlassen haben. Die Männer und Frauen fehlen als Arbeitskräfte.
  • Chaos: Am schlimmsten wiegt aber ein anderer Punkt – das Chaos, das wegen des Konflikts ausbrach. Gut eingespielte Abläufe und Netzwerke wurden wegen der Kämpfe zerstört. Auch die staatlichen Dienste funktionieren nur noch schlecht. Hinzu kommt ein Anstieg der Korruption. Das bremst die Wirtschaft.

Weitere Faktoren, welche die Weltbank als wichtig empfindet, aber nicht berechnen konnte, kommen dazu: Folgen für die Umwelt, die Kultur, die Politik oder die Sicherheit. Sie seien ebenfalls wichtig, aber nicht messbar, so die Experten der Organisation.

Die lange Frist

Die Zahlen sind gigantisch. Doch sie zeigen nur die bisherigen Schäden – die Gesamt-Schadensbilanz des Bürgerkrieges wird also noch viel höher ausfallen. Würde er 2017 enden, könnte die syrische Wirtschaft bis 2021 deutlich wachsen. Das Bruttoinlandprodukt würde dann immerhin wieder rund 58 Prozent des Vorkriegs-Standes betragen. Doch die Folgen spürt man lange. Im Jahr 2031 stünde die Wirtschaftsleistung bei 88 Prozent des Wertes von 2010.

Die Weltbank-Ökonomen haben auch durchgerechnet, was passieren würde, wenn der Krieg noch lange weitergeht, wonach es derzeit durchaus aussieht. Das Resultat ist klar: Die Erholung fällt schwächer und langsamer aus. Halten die Kämpfe noch vier Jahre an, berechnen sie für das Jahr 2021 ein Bruttoinlandprodukt Syriens, das nur noch ein Drittel desjenigen von vor Beginn des Konflikts beträgt. Danach würde es wieder steigen, und 2031 würde es 85 Prozent erreichen. Und was, wenn der Bürgerkrieg noch länger weitergeht? Dann sagen die Ökonomen für 2031 eine Wirtschaftsleistung von 31 Prozent des Vorkriegs-Standes voraus.

Die Studie der Weltbank «The Toll of War: The Economic and Social Consequences of the Conflict in Syria» können Sie hier herunterladen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.07.2017, 16:57 Uhr

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