Mit dem Wunderauto der Dieselkrise entfliehen

Audi bringt das modernste selbstfahrende Auto auf den Markt. Was es kann und wie der Konzern vom jüngsten Baby profitieren will.

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In Barcelona hat gestern Audi in einer pompösen Präsentations-Show das bisher am weitesten gediehene selbstfahrende Auto vorgestellt, das demnächst in den Verkauf kommen soll. Die Luxuskarosse des Unternehmens, das zum Volkswagen-Konzern gehört, heisst A8. Sie soll als erste über die sogenannte Level-3-Technologie des autonomen Fahrens verfügen, die erlaubt, dass der Fahrzeuglenker das Steuerrad und die Pedale gänzlich loslassen und dann zum Beispiel während der Fahrt auf dem eingebauten Bildschirm fernsehen kann.

Allerdings sind diese Fähigkeiten nicht für alle Geschwindigkeiten und Verkehrssituationen gedacht. Die komplette Selbstfahrfunktion ist für Geschwindigkeiten von bis zu 60 Kilometer pro Stunde und für Situationen im Stau oder bei sehr starkem Verkehr vorgesehen. Damit der neue A8 seine Funktionen wahrnehmen kann, ist er mit Radar, Kamera und Ultraschallsensoren ausgestattet. Er kann Verkehrsschilder lesen und dank der elektronischen Verbindung mit anderen Audifahrzeugen sogenannte Schwarmintelligenz nutzen. Damit ist hier gemeint, dass viele Fahrzeuge zusammen Informationen zusammentragen, die der Bordcomputer eines A8 für das Fahrverhalten des Autos nutzen kann.

Nutzung ist nicht erlaubt

Das Problem mit diesen weit gediehenen neuen Möglichkeiten ist allerdings, dass sie laut geltenden Gesetzen nicht verwendet werden dürfen, denn die schreiben praktisch überall vor, dass ein Fahrzeuglenker das Auto im Griff haben muss. Bei Audi ist man aber überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis diese Gesetze angepasst werden.

Video – nicht immer gehts gut mit den selbstfahrenden Autos:

Hier überfährt ein Fahrzeug das Rotlicht.

Das Vorgehen von Audi ist in der Branche umstritten. Hersteller wie Ford und Jaguar Land Rover wollen laut der britischen «Financial Times» erst dann selbstfahrende Autos auf den Markt bringen, wenn sie in jeder Situation vollkommen autonom funktionieren können. Mercedes und Nissan wollen dagegen wie Audi ebenfalls schon Fahrzeuge entwickeln und verkaufen, deren Selbstfahrfähigkeit zwar weit fortgeschritten, aber noch nicht komplett ist und bei denen der Fahrer in Notsituationen wieder übernehmen muss.

Mindestens 90'000 Euro pro Fahrzeug

Ein Auto für jedermann ist der Audi A8 aber ohnehin nicht. Das liegt schon an seinem stolzen Preis von mindestens 90'000 Euro. Dass das neue Fahrzeug zum Erfolg wird, darauf ist Audi jedenfalls dringend angewiesen. Der Gewinn des Unternehmens ist im letzten Jahr um 52 Prozent auf 2,07 Milliarden Euro eingebrochen. 1,8 Milliarden Euro betrugen für Audi allein die Kosten im Zusammenhang mit dem Dieselskandal und den Rückrufaktionen wegen defekter Takata-Airbags.

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Und beim Skandal um die Manipulation der Umweltemissionen bei Dieselfahrzeugen ist Audi noch nicht über den Berg. Das Unternehmen steht nach den USA auch im Fokus von deutschen Strafbehörden. Schon im Frühjahr hat die Staatsanwalt mit Audi das zweite Verfahren gegen ein Unternehmen des VW-Konzerns eingeleitet. Neu ist jetzt auch noch eines gegen die VW-Tochter Porsche eröffnet worden, wie gestern die «Süddeutsche Zeitung» berichtet hat. Bei VW hielt man schon die zwei Verfahren gegen das Stammhaus VW und Audi für ungerechtfertigt, da es sich eigentlich um den gleichen Fall handle. Ein Gericht in München sah das aber anders. Die «Süddeutsche Zeitung» schätzt die Bussgelder, die Audi drohen, auf zwei bis dreistellige Millionenbeträge.

Neuanfang oder sogar Ablenkung

Die Neulancierung des A8 wird vor diesem Hintergrund in der deutschen Presse auch als Versuch eines Neuanfangs oder sogar einer Ablenkung von den Problemen mit den Dieselfahrzeugen beleuchtet. In einem Video-Interview mit dem deutschen «Handelsblatt» sagt dazu der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer, mit Produktnachrichten zu punkten, sei zwar wichtig, aber in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten würde es noch weitere negative Schlagzeilen im Zusammenhang mit dem Dieselskandal geben – und nicht nur zu Audi. Die beste Strategie wäre laut Dudenhöffer, wenn das Unternehmen alle Karten auf den Tisch legen würde, doch das sei nicht zu beobachten.

Angesichts dieser Probleme, des relativ schwachen operativen Stands des Unternehmens und harter Kritik braucht Audi-Chef Rupert Stadler dringend Erfolg mit dem A8, auch wenn er erst im Mai eine Verlängerung seines Vertrags bis ins Jahr 2022 erhalten hat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.07.2017, 14:28 Uhr

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