So flunkert China beim Wirtschaftswachstum

Dass die offiziellen Statistiken der chinesischen Regierung beschönigen, ist klar. Eine Studie zeigt jetzt: Die Abweichungen sind beträchtlich.

In Chinas ausgewiesenen Wachstumsraten steckt viel Luft - Arbeiter malen die Wand eines Regierungsgebäudes in Hangzhou. Bild: Chance Chan /Reuters

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Am 15. April werden die chinesischen Behörden mitteilen, wie stark die weltweit zweitgrösste Wirtschaft im ersten Quartal 2016 gewachsen ist. Niemand zweifelt daran, dass sich die Steigerungsrate des realen Bruttoinlandprodukts (BIP) einmal mehr in einer Bandbreite von 6,5 bis 7 Prozent bewegen und damit den Vorgaben der Pekinger Führung für dieses Jahr entsprechen wird. Das Zürcher Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners (W & P) hat eigene Berechnungen zum Wachstum in China angestellt – mit deutlich abweichenden Ergebnissen. Demnach legte das chinesische BIP von Januar bis März im Vorjahresvergleich um lediglich 5,7 Prozent zu.

Dass die offiziellen Statistiken die wirtschaftliche Verfassung und Dynamik im Reich der Mitte stark beschönigen, ist eine Binsenwahrheit. Die von W & P erstellte BIP-Statistik für China – die im Jahr 2000 beginnt – soll deshalb zeitnah verfügbar sein und darüber hinaus ein «realistischeres und verlässlicheres Bild vermitteln», wie Chefökonom Felix Brill heute vor Medienvertretern ausführte. Dabei stützte man sich stark auf das für ein Schwellenland überraschend reichhaltige Angebot an Produktions- und Verkaufsdaten aus einzelnen Industrien. Monatlich werden entsprechende Angaben von über 30 Wirtschaftszweigen publiziert, und dieses Material erachtet Christa Janjic-Marti, bei W & P für Schwellenmärkte zuständig, als ziemlich glaubwürdig – im Unterschied zu den aggregierten Daten der nationalen Buchhaltung.

Ab 2012 mehren sich die Fragezeichen

Den starken Industriefokus hält Janjic-Marti für vertretbar, weil sich mit dem Industrie- und Bausektor knapp zwei Drittel der Konjunkturschwankungen sowie 56 Prozent der Wertschöpfung in China abdecken lassen. Die deutlich geringere Datenbasis für den Agrar- und den Dienstleistungsbereich liess W & P hingegen keine andere Wahl, als auf die offiziellen Wertschöpfungsdaten zurückzugreifen.

Wie ein Vergleich der BIP-Statistik von W & P mit den offiziellen chinesischen Daten offenbart, weisen die beiden Zeitreihen zwischen 2000 und 2012 mit ihren konjunkturellen Ausschlägen einen über weite Strecken identischen Verlauf auf. Dann aber ändert das Bild: In den vergangenen drei Jahren zeigen die offiziellen BIP-Daten praktisch keine Schwankungen mehr, vielmehr «kleben» sie geradezu am (sinkenden) langfristigen Trendwachstum des Landes. Eine derart geglättete Wirtschaftsentwicklung ist aus Sicht von Brill «sehr ungewöhnlich und verstärkt unsere Zweifel an den ausgewiesenen Wachstumsraten».

Zugleich weicht die BIP-Kurve von W & P seit 2012 immer stärker von der offiziell ausgewiesenen Entwicklung ab. So haben die Zürcher Consultants für das vierte Quartal 2015 ein chinesisches Wachstum von 5,8 Prozent errechnet, das damit um einen vollen Prozentpunkt unter dem offiziellen Wert von 6,8 Prozent liegt. Für das gesamte letzte Jahr ist die Differenz kaum geringer: 6 Prozent versus 6,9 Prozent. Zu vergleichbar starken Abweichungen zwischen den beiden Zeitreihen kam es bislang in den Jahren 2004 und 2008, und in beiden Fällen, so Janjic-Marti, hätten die offiziellen Daten schliesslich in Richtung der BIP-Statistik von W & P korrigiert. «Für die aktuelle Entwicklung der chinesischen Wirtschaft verheisst das nichts Gutes», sagte die Ökonomin.

Am Rande der Rezession

Nach der von W & P ermittelten weiteren Abkühlung im ersten Quartal bewegt sich China laut Janjic-Marti «nun gar am Rande der Rezession». Dass es bislang nicht Schlimmer gekommen ist, sei einzig dem Dienstleistungssektor zu verdanken; die Industrie wie auch der Bau steckten bereits in der Rezession. Die in Industriestaaten verwendete Definition für eine Rezession – zwei Quartale in Folge mit Negativwachstum – ist für Schwellenmärkte mit ihren gemeinhin höheren Wachstumsraten wenig zweckmässig. Aussagekräftiger ist vielmehr ein Vergleich des laufenden Wachstums mit dem langfristigen Wachstumspotenzial des betreffenden Landes. Im Fall von China ist diese «Wachstumslücke» inzwischen so gross, dass laut Felix Brill «die kritische Grenze, ab der von einer Rezession ausgegangen werden muss, erreicht ist». Diese Einschätzung beruht laut dem Chefökonomen von W & P auf einer Analyse von über 30 Ländern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.04.2016, 21:35 Uhr

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