Wer für den globalen Markt arbeitet, gehört zu den Gewinnern

Besonders bei der inländischen Privatwirtschaft stagnieren die Löhne. Andere Branchen haben es besser.

Mitarbeiter von Pharma- und Chemieunternehmen können sich über steigende Löhne freuen. Foto: Justin Hession (Keystone)

Mitarbeiter von Pharma- und Chemieunternehmen können sich über steigende Löhne freuen. Foto: Justin Hession (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der fehlende Lohnfortschritt der letzten Jahre sorgt für Unmut. Die registrierten Löhne, sogenannte Nominallöhne, sind im letzten Jahr nur um plus 0,4 Prozent gestiegen. «Die Geduld für jahrelange Nullrunden in vielen Branchen, längere und immer noch flexiblere Arbeitszeiten und ein hoher Arbeitsdruck müssen ­entschädigt werden», forderte gestern Arno Kerst, Präsident der Gewerkschaft Syna an einer Pressekonferenz der Dachgewerkschaft Travailsuisse, die elf Gewerkschaften mit 150 000 Mitgliedern vertritt.

Der Verband Angestellte Schweiz, ein Sprachrohr des lohnmässigen Mittelstands, glaubt, dass Arbeitgeber den freien Personenverkehr mit der EU missbrauchten, um «gerade Berufsein­steigern» viel tiefere Löhne zu zahlen, als hierzulande üblich ist. Die Statistik deutet dies mit deutlich tieferen Einstiegslöhnen an.«Lohndumping schadet dem Arbeitsklima und schwächt das Lohnniveau derjenigen, die nicht einem Mindestlohnregime unterstehen», sagt Geschäftsführer Stefan Studer.

Der Arbeitgeberverband sagt, der Druck auf die Löhne sei geprägt von «anhaltend sinkenden Preisen, der leicht ­erhöhten Erwerbslosenquote und der tiefen Profitabilität exportierender Firmen». Auch führten der harte Franken und der Brexit zu Unsicherheit. Nullrunden bei den Löhnen sind nicht in allen Branchen Tatsache und zeigen auch nicht die ganze Wahrheit. Weil Preise sinken – letztes Jahr um durchschnittlich 1,1 Prozent – ist die Kaufkraft der An­gestellten real gestiegen. Man rechne: 0,4 Prozent Lohnsteigerung plus 1,1 Prozent tiefere Preise, ergibt eine «Reallohnerhöhung» von 1,5 Prozent. Ähnliches passierte 2011 bis 2014. Die nominellen Löhne stiegen kaum an, aber tiefere Preise machten sie wett.

Mehr Lohn bei den Multis

Grund zur Euphorie gibt es trotzdem nicht. Die realen Lohnsteigerungen lagen zwischen null und 1 Prozent. Kommt hinzu, dass Krankenkassenprämien, die im Preisindex nicht enthalten sind, sich seit 2010 um 10 Prozent erhöhten. So ­haben viele Angestellte das Gefühl, lohnmässig seit Jahren nicht vom Fleck zu kommen.

Die Wirtschaftshistorikerin Gisela Hürlimann von der ETH Zürich erklärt dies mit vier Phänomen. Erstens ist die Wirtschaft in den 40er- bis 70er-Jahren viel stärker gewachsen als dies heute der Fall ist. Dies führte damals jährlich zu Reallohnsteigerungen von 2 bis 8Prozent – 35Jahre lang ununterbrochen mit einer Ausnahme. 1973 geriet der Wirtschaftsmotor ins Stocken und stotterte bis Mitte der 80er-Jahre. Die Reallöhne erhöhten sich viel weniger stark (maximal plus 3Prozent) und dies nur während dreier Jahre in einem Jahrzehnt. Die 90er-Jahre waren ein fast verlorenes Jahrzehnt und in den Nullerjahren haben Angestellte nur in einem Jahr stark profitiert, nämlich 2009, als krisen­bedingt alles billiger wurde, während die Löhne sich hielten.

Zweitens konnten Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbände bis in die 70er-Jahre viel höhere Löhne durchsetzen, als dies heute der Fall ist. Dann begann der Abstieg, der sich seit den 90ern beschleunigte. Früher war ein Viertel ­aller Arbeiter und Angestellten Mit­glieder einer Gewerkschaft. Heute sind das aktiv noch rund 11 Prozent aller Erwerbstätigen. Dominierend sind sie nur noch im Bau, in gewissen Industrie­zweigen, bei Lehrern und weiteren Staatsangestellten sowie im Verkehr.

Drittens sind die Löhne in der Privatwirtschaft vor allem in jenen Branchen angestiegen, die ihre Profite im globalisierten Weltmarkt erzielen. Allen voran Pharma und Chemie, der Rohstoffhandel und die Finanzbranche. Nicht umsonst werden dort Durchschnittslöhne von 8000 bis 10 000 Franken pro Monat bezahlt. Branchen, die ihre Produkte und Dienste aufs Inland ausrichten, ­hatten das Nachsehen. Deren Durchschnittslöhne belaufen sich auf 4000 bis 8000 Franken. Dies zeigt sich exemplarisch etwa am Lohn eines Architekten (Binnenwirtschaft), der im Schnitt 7000 Franken verdient, während es in der Telekommunikation (globalisiert) 8700 Franken sind. Das zeigt sich aber beispielsweise auch an der Reallohn­entwicklung von 2013 bis 2014. Am meisten legten in der Privatwirtschaft die Löhne der Angestellten von Versicherungen, Banken, Handel und IT zu, während die Löhne im Detailhandel, Gewerbe und Gastronomie stagnierten.

Viertens bezahlt der Staat für Angestellte in vergleichbarer Funktion heute steigende und oft bessere Löhne als die Privatwirtschaft. Staat heisst nicht nur Verwaltung, sondern auch Universitäten, Schulen, Spitäler und Verkehrsbetriebe. «In der Tendenz zieht es viele Leute – gut und weniger gut ausgebildete – dorthin», sagt Hürlimann. Diese Gruppe erhielt real höhere Löhne als eine von der Ausbildung her vergleichbare Gruppe in der Privatwirtschaft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2016, 21:43 Uhr

Lohnforderungen

50 bis 150 Franken mehr

Gestern präsentierten die Dachgewerkschaft Travailsuisse und der Verband Angestellte Schweiz ihre Lohnforderungen für 2017. Travailsuisse formulierte sie in absoluten Zahlen. Im Bau und in der grafischen Industrie seien generelle Lohnerhöhungen von mindestens 50 bis 100 Franken pro Monat angebracht. Mindestens 100 Franken mehr angemessen wären in der übrigen Industrie, bei Dienstleistungen und im Gesundheits­sektor. Plus 150 Franken gelten für Chemie und Pharma. Angestellte Schweiz beziffert die Lohnforderungen in Prozenten des Lohns. Im Maschinenbau, der Elektrobranche und im Metallbau (MEM) sowie in der chemischen Industrie seien ein Plus von 0,5 bis 0,8 Prozent das Mindeste, für die Pharmaindustrie mindestens plus 1 Prozent.

Der Arbeitgeberverband schliesst Lohnerhöhungen nicht aus. Doch diese müssten dem unsicheren wirtschaftlichen Umfeld Rechnung tragen. Dieses Umfeld jetzt schon einzuschätzen, sei unmöglich. Deshalb sei es «verfrüht», die Lohndiskussion abschliessend zu führen. Branchenbezogene Forderungen kommentiert der Verband nicht. (val )

Artikel zum Thema

Schweizer Löhne sinken bis zu 8 Prozent

Gewerkschaften werfen den Arbeitgebern vor, die Personenfreizügigkeit zu missbrauchen. Mehr...

«Diese Entwicklung sollte uns Sorgen machen»

Interview Laut Seco-Bericht wandern immer mehr Minderqualifizierte ein. SGB-Chefökonom Daniel Lampart betont, dass dadurch auch die Löhne sinken. Mehr...

Schweizer Löhne sind 2015 um 1,5 Prozent gestiegen

Zum vierten Mal in Folge lag das Nominallohnwachstum 2015 unter einem Prozent. Dank der negativen Teuerung stiegen die Reallöhne trotzdem um 1,5 Prozent. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kommentare

Anzeigen

Die Welt in Bildern

Mystischer Rauch: Eine Gläubige betet zum Gedenken an ihre verstorbene Mutter während des Muttertags in Kathmandu, Nepal (26. April 2017).
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...