Wir müssen da durch! Nur wohin?

Wirtschaftsminister Schneider-Ammann kündigt harte Zeiten an. Und sonst nichts. Wie könnte seine Politik aussehen, wenn er eine hätte?

Bundesrat Johann Schneider-Ammann rüstet sich für eine schwierige Zukunft. Foto: Keystone

Bundesrat Johann Schneider-Ammann rüstet sich für eine schwierige Zukunft. Foto: Keystone

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Alstom: 1300 Stellen. Credit Suisse 4000 Stellen. Swisscom: 700 Stellen. So weit die grössten Jobverluste im jungen Jahr 2016. Am Wochenende sprach der Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann zur Lage und sagte: «Wir müssen da durch.» Und kündigte weiteren Stellenabbau an.

Was er nicht sagte, wohin man eigentlich durch müsse. Sein Toprezept war die Hoffnung, dass sich der Frankenkurs abschwäche. Doch genau das Wohin wäre sein Job.

Immerhin gibt es wenig Interessanteres als eine Wirtschaftsstrategie für die Schweiz. Schon wegen des Nebels über der Zukunft: Niemand weiss, was in 15 Jahren an Technik, an Jobs, an Geldern genau da ist: Klar ist nur, dass es ruppig wird. Und überraschend.

Viele Berufe werden verschwinden

Das Problem, das Schneider-Ammann hat, ist das moorsche Gesetz: dass Geschwindigkeit und Speicher der Computer sich etwa alle 18 Monate verdoppeln. Die Folgen davon sind unvorhersehbar, ausser in einem Punkt: Unsere Kinder werden in einer völlig anderen Wirtschaft leben als wir. Passieren wird in etwa:

  • Eine Reihe völlig verschiedener Berufe und Branchen wird verschwinden: Chauffeure, Kassiererinnen, Ärzte, Bankberater, Buchhalter, Arbeiter etc. werden durch selbst fahrende Autos, Diagnose- und andere Roboter, Algorithmen und 3-D-Drucker teils oder ganz ersetzt.
  • Soziologisch heisst das: Die Mittelschicht hört auf zu existieren. Was bleibt, sind sehr billige Jobs und riesige Gewinne für die wichtigen Spezialisten und vor allem für die, die das Kapital haben, in Software und Roboterparks zu investieren.Die Preise vieler Produkte werden gegen null sinken: Das Schicksal der Musik- und Medienbranche wartet auch auf die Industrie, wenn Dinge wie Geschirr, Autos, Häuser gedruckt werden.
  • Das entscheidende Doppel der Wirtschaft, Energie und Produktion, werden dezentral.
  • Die Herrscher der Zukunft sind die Betreiber der Netzwerke. Google & Co. sind schon dabei, sich die Claims zu sichern: in der Stromwirtschaft, der Information, dem Banking.

Wie kann man sich auf eine derartige Revolution vorbereiten? Zunächst mit der Frage, womit man nicht rechnen kann: 1. Man wird die alten Jobs kaum verteidigen können. «Die Maschine wird den Menschen ersetzen», sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger Wassily Leontief, «so wie der Traktor das Pferd.» 2. Löhne und Steuern werden einbrechen, da Kapital und Jobs flüchtig sind.

Was bleibt? Das Einzige, was nicht verlagerbar und automatisierbar ist, ist das Know-how. Nähe ist unabdingbar für das Entstehen von Ideen – man müsste also gezielt kleine Kolonien für möglichst brillante Leute schaffen, so wie die Schweiz schon heute Zentren für Robotik, Pharma, Ingenieurskunst hat. Wissen ist das Kerngeschäft, um das sich Dienstleistung und Zulieferer rundherum ansiedeln.

Der ruppige Übergang von heute zum Morgen

Das Zweite, was nicht verschwindet, sind die Menschen: Beratung, Psychologie, Entertainment, kurz: Seelsorge sind Zukunftsberufe. Plus, in einer alternden Gesellschaft, die Pflege.

Schon allein weil der Übergang von heute zum Morgen ruppig wird: Man müsste Modelle wie ein bedingungsloses Grundeinkommen testen, zumindest debattieren.

Verbitterung, überbacken mit Nationalstolz.

Nun ja. Sieht Schneider-Ammann in die reale Politik, passiert etwa Folgendes: Mit Masseneinwanderungsinitiative, immer neuen Hürden für die Einbürgerung, Durchsetzungsinitiative wird alles getan, kluge Köpfe ausser Landes zu halten. +++ Dass die Schweiz durch obige Initiativen aus den internationalen Forschungsprogrammen zu fliegen droht, sind dabei Peanuts. +++ In der Bildung laufen auf allen Stufen Sparprogramme an. +++ Die Zukunftstechnologie dezentraler Stromversorgung wird zurückgeschraubt: Die Energiewende soll auf Eis gelegt werden. +++ Milliarden investiert werden nicht in Ideen, Informatik oder eigene Netze, sondern in Beton: in Tunnels, Autobahnen, Bauern, Armee.

Kurz: Die Strategie der Schweizer Wirtschaftspolitik besteht darin, in Zukunft vor allem ein Produkt hervorzubringen: Verbitterung, überbacken mit Nationalstolz.

Vielleicht ist es nur Realismus, dass Schneider-Ammann kein Wort über die Zukunft äussert. Und keine andere Hoffnung hat als die auf einen weicheren Schweizer Franken. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.02.2016, 22:47 Uhr)

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