Panama Papers: Fifa-Chef Infantino unterschrieb heiklen TV-Deal

Die Uefa verkaufte TV-Rechte an eine Firma, gegen die nun ermittelt wird. Den fragwürdigen Vertrag hat auch der neue Fifa-Chef unterschrieben.

Entspanntes Kicken: Gianni Infantino an seinem ersten Arbeitstag als Fifa-Präsident. Foto: Valeriano Di Domenico (AFP, Getty Images)

Entspanntes Kicken: Gianni Infantino an seinem ersten Arbeitstag als Fifa-Präsident. Foto: Valeriano Di Domenico (AFP, Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am 29. Februar, dem Tag seines Amtsantritts, lud der neue Fifa-Präsident Gianni Infantino vor dem Fifa-Gebäude am Zürichberg zu einem vergnüglichen Spiel mit ehemaligen Fussballgrössen. Entspannt kickte er bei Schneeregen vor den Augen der Weltpresse den Ball Richtung Tor und steckte die Niederlage in diesem Spiel locker weg. Die Symbolik dieses Akts: Bei der Fifa steht das Fussballspiel wieder im Zentrum. Die Ära Infantino sollte sich damit klar absetzen vom Korruptionssumpf unter Ex-Präsident Joseph Blatter.

Doch nur 37 Tage nach diesem Aufbruch in eine neue Zeit muss sich der ehemalige Uefa-Generalsekretär unangenehmen Fragen stellen. In den Panama-Papieren sind Verträge aufgetaucht, die erklärungsbedürftig sind. Es geht um seine Zeit als Direktor der Uefa-Rechtsabteilung und um fragwürdige Geschäfte mit TV-Rechten der Champions League.

Die Vertragspartner sind in den Dokumenten eindeutig benannt: auf der einen Seite eine Offshorefirma namens Cross Trading, angesiedelt auf der winzigen Koralleninsel Niue im Südpazifik, auf der anderen Seite die Union des Associations Européennes de Football, abgekürzt Uefa, mit Sitz in Nyon. Drei Namen stehen auf einer Seite, die im Herbst 2006 für die Unterschriften angelegt wurde: zwei Uefa-Funktionäre und ein gewisser Hugo Jinkis. Er unterzeichnete für die Cross Trading.

Ausgerechnet Hugo Jinkis. Der argentinische Sportrechtehändler gehört mit seinem Sohn Mariano zu den Hauptbeschuldigten im amerikanischen Fifa-Verfahren. Die USA liessen im Mai vor einem Jahr sieben Fifa-Funktionäre im Luxushotel Baur au Lac in Zürich verhaften. Auch die Jinkis sassen danach in Übersee vorübergehend in Haft. Die US-Ermittler werfen ihnen vor, über die Firma Cross Trading hochrangige Fifa- und andere Fussballfunktionäre bestochen zu haben, um günstig an Fernsehrechte zu kommen – die sie dann mit Aufschlag verkaufen konnten. So sollen von den Jinkis und anderen Sportrechtehändlern gegen 110 Millionen Dollar Bestechungsgelder bezahlt worden sein.

Fehler im System

Die Korruptionsanfälligkeit des Geschäfts liegt im System. Durch die Monopolstellung der Verbände bestimmen diese den Preis für die TV-Rechte – und sie legen fest, welche Sportvermarktungsagentur das lukrative Geschäft vermitteln darf. Im Vertrag zwischen der Uefa und Cross Trading geht es um relativ geringe Beträge. Konkret erwirbt Cross Trading im Herbst 2006 exklusive Fernsehrechte der Uefa Champions League für Ecuador – und zwar für die Spielzeiten 2006/2007, 2007/2008 und 2008/2009. Der Preis: 111 000 US-Dollar. Nicht sonderlich viel, selbst wenn europäische Fussballrechte in Ecuador sicherlich nur einen Bruchteil dessen wert sind, was man in Europa dafür bezahlen müsste. Doch in der Champions League spielen die Weltstars. Wurde wirklich so wenig bezahlt?

Infantino und die Uefa stritten die Beziehungen zuerst ab.

Die Antwort liegt in einem zweiten Vertrag – der von einer Quelle in Ecuador stammt und dem TA vorliegt. Der Vertrag wurde zwei Monate früher abgeschlossen. Darin zeigt sich Erstaunliches: In den fraglichen Jahren strahlte die ecuadorianische Mediengruppe Teleamazonas die Champions League im Fernsehen aus – und bezahlte dafür 311'170 US-Dollar an Cross Trading. Fast das Dreifache. Die Jinkis operierten demnach mit einer Marge von 180 Prozent und verdienten mehr als 200'000 US-Dollar allein damit, die TV-Rechte weiterzuleiten. Teleamazonas überwies das Geld auf ein Cross-Trading-Konto bei der Bank of America in Miami, Florida.

Und es geht weiter: In den Panama-Papieren findet sich ein weiterer Vertrag, diesmal datiert auf den 23. März 2007, wieder zwischen der Uefa und Cross Trading. Dieses Mal geht es um die ecua­dorianischen Ausstrahlungsrechte des Uefa-Cups für die gleichen Spielzeiten wie bei der Champions League sowie für den Super Cup 2007 und 2008. Cross Trading bezahlte für alles zusammen 28'000 US-Dollar an die Uefa. Auch diese Rechte landeten bei Teleamazonas. Und auch diesmal verkaufte Cross Trading die Rechte mit einer Traumrendite weiter: nämlich für 126'200 US-Dollar, das Viereinhalbfache also.

Zusammengefasst: Die Jinkis verkauften allein in Ecuador Uefa-Rechte für fast 440'000 Dollar, die ihnen der Europäische Fussballverband für nicht einmal 140'000 US-Dollar überlassen hatte. Ein Gewinn von 300'000 Dollar.

Branchenkenner sehen zwei Probleme. Erstens: Eine Marge von 180 Prozent sei sehr unüblich – selbst dann, wenn der Sportrechtehändler gewisse Leistungen erbracht habe. Eine Quelle sagt: «Das schmeckt nicht gut.» Zweitens: Fragen wirft der fix vereinbarte Preis auf. Da der Vertrag mit dem Sender Monate vor der Vereinbarung zwischen Jinkis und der Uefa abgeschlossen wurde, bedeutet dies, dass Cross Trading von Anfang an wusste, wie viel Geld herausspringen wird. Üblich sei, dass ein Sportverband mit einer Agentur lediglich einen Betrag als Garantie vertraglich festlege und gleichzeitig eine Teilung des Gewinns vereinbare. Davon ist in dem Uefa-Cross-Trading-Vertrag aber nichts zu finden. Dazu Dominik Schmid, früher jahrelang im Geschäft mit Sportvermarktung und ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet: «Wenn keine Gewinnbeteiligung vereinbart ist und dann das Dreifache gelöst wird, ist entweder der Verantwortliche beim Verband so inkompetent, dass er sofort gefeuert werden müsste, oder man könnte vermuten, dass es Abreden gab.»

Wer ist verantwortlich?

Das führt direkt zur Frage, wer damals bei der Uefa die Verantwortung für solche Verträge trug. Den Uefa-Cup-Vertrag von 2007 unterschrieben zwei Uefa-­Direktoren. Den Champions-League-Vertrag von 2006 unterzeichnete der damalige stellvertretende Generalsekretär und – Gianni Infantino, damals Direktor der Rechtsabteilung.

Umso mehr erstaunt, dass der Verband in den letzten Monaten auf mehrere Anfragen hin wiederholt behauptete, mit den 14 Angeschuldigten im Fifa-Strafverfahren der USA und deren Firmen in den letzten 15 Jahren nie in Beziehung gestanden zu haben. In der Anfrage wurden die Namen von Hugo und Mariano Jinkis und weiteren Beschuldigten sowie deren Firmen ausdrücklich aufgeführt. Auch die Fifa antwortete Anfang März: «Gianni Infantino hat in keiner seiner Funktionen bei der Uefa persönlich mit einer der unten genannten Personen oder Organisationen geschäftlich oder wissentlich anderwärtig zu tun gehabt.»

Konkret auf den von Infantino unterzeichneten Vertrag angesprochen, sagt die Fifa-Sprecherin heute: Die Antwort von Gianni Infantino habe sich auf Informationen der Uefa abgestützt. Dies alles sei eine Uefa-Angelegenheit. Und Fifa-Präsident Infantino sagt: «Ich habe persönlich weder Geschäfte mit der Firma Cross Trading noch mit deren Besitzern getätigt, da die Verhandlungen von TEAM Marketing im Namen der Uefa geführt wurden.»

Der Europäische Fussballverband erklärt jetzt, eine Zusammenarbeit mit Hugo und Mariano Jinkis habe er in der ersten Anfrage verneint, weil er Tausende Verträge habe. Es brauche Zeit, diese zu sichten. Zudem hätten die Jinkis damals, als die Verträge abgeschlossen wurden, nicht unter Verdacht gestanden. Die Uefa habe keine Hinweise auf unredliche Geschäfte gehabt.

Zu den konkreten Verträgen erklärt der Verband, die Cross Trading habe im Auftrag des TV-Senders Teleamazonas die Sportrechte von der Uefa gekauft. Die TV-Station habe – offenbar via Cross Trading – in einer Ausschreibung mit 111'000 Dollar das beste Angebot gemacht. Das widerspricht Aussagen von Teleamazonas. Eine Quelle dort sagt: «Wir haben nie 111'000 Dollar geboten.» Sondern 311'000 Dollar, wie im Vertrag zwischen Cross Trading und Teleamazonas festgehalten.

«Das ist fahrlässig»

Die Uefa führt weiter aus, sie wisse nichts von irgendwelchen Abkommen zwischen Cross Trading und Teleamazonas und einem Weiterverkauf zum dreifachen Preis. «Das ist deren Angelegenheit und nicht unsere Sache», sagt ein Uefa-Sprecher. Sie hätten die Verträge zwischen Cross Trading und Teleamazonas nie gesehen und seien auch nicht im Besitz einer Kopie.

Das wirkt nun nicht gerade wie ein Gechäftsmodell, das vor Missbrauch schützt. Dominik Schmid, Spezialist für Sportvermarktung, sagt: «Wenn ein Verband keine Kopien der Verträge zwischen der Agentur und dem TV-Anbieter hat, ist das fahrlässig.» Zumal es in diesem Markt um sehr viel Geld geht. Allein für die Champions League verkaufte die Uefa zwischen 2006 und 2009 TV-Rechte für 2 Milliarden Franken.

Hat der Verband in diesem korruptionsanfälligen Geschäft wirklich TV-Rechte an Agenturen verkauft, ohne zu prüfen, was damit geschieht? Hat er damit zugelassen, dass die Cross Trading beide Seiten – die Uefa und den TV-Anbieter – geschickt gegeneinander austrickste? Oder gab es andere Gründe für den billigen Einkauf der Rechte und den teuren Weiterverkauf?

Jedenfalls erklärt nun der Verband, man führe derzeit eine interne Unter­suchung durch, um Verbindungen zu im US-Verfahren angeklagten Personen oder deren Firmen festzustellen. Einen Fund habe man allerdings schon gemacht, sagt die Uefa in ihrer Antwort: Es gebe für die Euro 2016 für Brasilien ein Abkommen mit der Firma Traffic Sports Europe. ­Dahinter steht der brasilianische Geschäftsmann José Hawilla. Er hat sich in den Fifa-Ermittlungen bereits der Geldwäscherei schuldig bekannt.

recherchedesk@sonntagszeitung.ch

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.04.2016, 19:57 Uhr

Artikel zum Thema

Panama Papers: Wer im Fokus steht

Infografik Präsidenten, Premiers, Assads Cousin: Das Datenleck wirft Licht auf eine illustre Schar, die daran keine Freude haben wird. Eine interaktive Übersicht. Mehr...

Panama Papers: Die wichtigsten Fragen

Video Oliver Zihlmann über das Datenleck, die Betroffenen und mögliche Auswirkungen auf die Schweiz. Mehr...

Der Mann der Versprechen

Gianni Infantino will mehr Geld verteilen, mehr Teams an der WM und so viel arbeiten, dass die Fifa ganz schnell wieder respektiert wird. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kommentare

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen. Flexibel und jederzeit kündbar
Neu nur CHF 18.- pro Monat

Die Welt in Bildern

Grusel, Grusel: Taranteln krabbeln den Arm einer Frau in Kambodscha hoch, nachdem sie diese eingefangen hat 21. Juni 2017).
(Bild: Samrang Pring) Mehr...