Er wollte einen Kredit von 75'000 Franken aufnehmen

Zwei Firmen mit Sitz in London bieten Schweizer Konsumenten Hilfe bei finanziellen Schwierigkeiten an. Ein Beispiel zeigt, was dabei herauskommt.

Schuldensanierungen können je nach Anbieter ins Geld gehen. Foto: Alamy

Schuldensanierungen können je nach Anbieter ins Geld gehen. Foto: Alamy

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Eigentlich wollte O. C.* einen Kredit aufnehmen, «75'000 Franken für ein privates Investment», wie er sagt. Dazu holte er Angebote von Schweizer Banken ein sowie eine Offerte einer Firma aus dem Internet: der C. Müller Strategie Beratung GmbH mit Postadresse in Au SG. «Der professionelle Internetauftritt sowie die Schweizer Telefonnummer und Adresse überzeugten mich», sagt C. Auch die auf dickem Papier gedruckte Broschüre, die er später von der Firma erhielt, machten auf den Versicherungsangestellten einen guten Eindruck.

Weniger angetan war er vom Inhalt der Nachrichten. Statt des gewünschten Kredits bot ihm die Firma Müller die «Vermittlung einer Finanzsanierung über 75'000 Franken» an. Laut den Unterlagen, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegen, hätte er zu deren Tilgung während 144 Monaten je 607.30 Franken an einen namentlich nicht genannten «Finanzpartner» zahlen müssen, an den er vermittelt worden wäre. Total also 87451.20 Franken.

Nicht nur das: Für die Vermittlung verlangte das Unternehmen eine «Servicegebühr» von 3712.50 Franken, zahlbar innert vier Tagen an eine Executive Treuhand Partner GmbH, ebenfalls in Au SG. Zwei Tage später änderte sie den Zahlungsempfänger in C. Müller Beratung in Berlin. Auch Laufzeit und Monatsraten wurden verändert, eines blieb aber gleich: Wäre O. C. auf das Geschäft eingestiegen, hätte ihn dies unter dem Strich über 16'000 Franken gekostet.

Zuständig ist Gericht in London

«Auf schriftliche Nachfragen habe ich immer nur telefonische Auskünfte erhalten, die sich nicht beweisen lassen», erzählt O. C. «Die Mitarbeiterin sprach einmal von Kreditvermittlung und dann wieder von Finanzsanierung, wohl um mir das Gefühl zu geben, es sei dasselbe.» Ist es aber nicht, wie David Rüetschi vom Bundesamt für Justiz erklärt: «Kreditvermittler dürfen in der Schweiz von ihren Kunden keine Entschädigung verlangen und brauchen eine Bewilligung. Für Schuldensanierungen existieren keine solchen Einschränkungen.»

Wer die Website der C. Müller Strategie Beratung GmbH genauer anschaut, stösst denn auch auf einen Satz, mit dem sich die Firma dagegen absichert, als Kreditvermittlerin zu gelten. «Bitte beachten Sie, dass die C. Müller Strategie Beratung keine Kredite vermittelt oder vergibt», heisst es da inmitten einer langen Reihe von Werbeaussagen wie: «Wir vermitteln Ihnen die Finanzlösung, die Ihnen Luft und Freiraum verschafft.» Auch in den E-Mails der Firma findet sich ganz unten, klein und in blassem Hellgrau der Hinweis «Bitte beachten Sie: Es erfolgt keine Kreditvermittlung».

Dass diese Hinweise leicht übersehen werden, zeigt der Fall eines C.-Müller-Kunden aus Basel, der im Internet schreibt: «Ich habe eine Kreditanfrage in Höhe von 18'500 Franken gemacht und grünes Licht bekommen. Dann hat sich aber gezeigt, dass ich eine Finanzsanierung und keinen Kredit erhalten werde.» Die Vermittlungsgebühr von 815 Franken habe er bereits bezahlt. Sein Geld wird er kaum mehr sehen. In den allgemeinen Vertragsbedingungen von C. Müller heisst es: «Auf das vorliegende Vertragsverhältnis ist United-Kingdom-Recht anwendbar. Der Gerichtsstand ist ausschliesslich London.» Solche Klauseln sind gegenüber Schweizer Konsumenten zwar ungültig, aber auch mit einem Schweizer Gerichtsurteil ist es schwierig, im Ausland Geld einzutreiben.

Dubiose Empfehlung im Netz

Mario Roncoroni, Co-Leiter der Berner Schuldenberatung, kann die Firma Müller für eine Schuldensanierung auch aus anderen Gründen nicht empfehlen. Eine Laufzeit von 144 Monaten (12 Jahre) wie im Fall O. C. sei «jenseits», sagt er. «Gemäss den Richtlinien des Vereins Schuldenberatung Schweiz sollte eine Sanierung nicht mehr als drei Jahre dauern. Auf längere Zeit hinaus kann man nicht planen», begründet der Fürsprecher. Auch an den Zahlungsmodalitäten lässt er kein gutes Haar: «Seriöse Schuldenberater verlangen keine Vorauszahlung.»

Fragwürdig auch: Die C. Müller Strategie Beratung GmbH unterbreitet Angebote mit einer festen Laufzeit und fixen Raten, ohne die Situation des Kunden zu kennen. Ob eine Sanierung überhaupt Erfolg verspricht, wie aufwendig sie wäre, wer die Gläubiger sind: All das interessiert die Firma nicht. Auf ihrer Website wirbt sie sogar mit dieser Haltung: «Wir vertrauen unseren Kunden und durchleuchten weder ihre Bonität noch mögliche Einträge bei Kreditauskunfteien.».

Unentschlossene Kunden ködert die Firma mit dem Hinweis: «Unser Unternehmen wird auf dem Verbraucherportal Finanzsanierung.ch ausdrücklich empfohlen.» Tatsächlich erschien die C. Müller Strategie Beratung GmbH dort bis vor kurzem auf einer Liste empfohlener Anbieter. Nach der Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet bei C. Müller war die Firma zunächst von der Empfehlungsliste entfernt worden, mittlerweile ist sie aber wieder aufgeschaltet.

Hinter Finanzsanierung.ch steht laut der Website ein «Verein für Menschen in Not». Auf dessen Homepage heisst es, der Verein existiere nicht mehr («Menschen in Not has closed»). Unter «Projekte» ist genau ein Hilfsprojekt aufgeführt: Im Jahr 2008 sammelte der Verein Geld für ein Mädchen aus Kenia, das an einem Herzfehler gelitten haben soll.

* Name der Redaktion bekannt (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2016, 06:52 Uhr

Kommerzielle Schuldensanierung

Zwei Firmen, eine Methode

Auf den ersten Blick wirkt die Firma C. Müller Strategie Beratung GmbH wie eine hiesige Firma. Schweizer Telefonnummer, Schweizer Postadresse; Website und E-Mail-Adresse enden auf .ch. Wer auf die 071er-Nummer anruft, landet jedoch bei einer Telefonistin in Deutschland. Und die Adresse in Au SG führt zu einem Businesscenter, wo die Firma bloss einen Briefkasten hat.

Der Hauptsitz der Firma Müller befindet sich gemäss Briefkopf und Mailsignatur in London. Auch dort hat das Unternehmen aber offenbar keine eigenen Büros. In der Gründungsurkunde ist eine Kontaktperson bei der Firma Companies24 Ltd. angegeben, die an derselben Adresse domiziliert ist: F37 Waterfront Studios, 1 Dock Road, London. Dort waren auch andere Finanzsanierer gemeldet, über die Konsumentenmedien früher berichtet haben.

Gegründet wurde die Firma am 17. Juni 2015 als Universal Investment GmbH. Ende Juli 2015 wurde sie in Universal Investment AG umbenannt und einen Monat später in C. Müller Strategie Beratung GmbH. Unter diesem Namen darf sie auch in der Schweiz auftreten, obwohl sie hier nicht im Handelsregister eingetragen ist. Eine Eintragungspflicht besteht laut Gesetz nur für Zweigniederlassungen – ein Briefkasten reicht dafür in der Regel nicht.

Gegründet hat das Unternehmen der Deutsche Frank Kytzia, der sich auch «Frank the Bank» nennt und als «Veränderungsspezialist, Cashflow-Experte und Stratege für Erfolg» im Netz verschiedene Methoden anpreist, wie man mit wenig Aufwand zu viel Geld kommt. Er war auch Gründer der Aurelis Beratung GmbH in Zug, die nach dem gleichen Muster geschäftet wie die C. Müller Strategie Beratung GmbH und ebenfalls an der genannten Londoner Adresse domiziliert ist. Kytzia schreibt Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Ich war bei beiden Gesellschaften nur als Gründer-Geschäftsführer angedacht, bevor sie überhaupt aktiv wurden. Seit zwei Monaten bin ich auch offiziell nicht mehr Geschäftsführer und distanziere mich von diesen Unternehmen, was keine Bewertung darstellen soll.»

Seit März 2016 ist der Deutsche Gustavo Alvarez Eigentümer und Geschäftsführer sowohl von C. Müller als auch von Aurelis. Er schreibt dem TA zum Fall von O. C.: «Wir vermitteln keine Kredite, sondern exklusiv Finanzsanierungen zur Regulierung von Schulden. Diese werden von den vermittelten Sanierungspartnern professionell und seriös umgesetzt. Sicherlich kommt es vereinzelt zu Missverständnissen oder anderen Erwartungshaltungen von Kunden wie bei O. C. Wir können aber auf sehr viele zufriedene Kunden verweisen.» (tm.)

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