Was Firmen im Netz über Bewerber suchen

Unternehmen durchforsten private soziale Medien, etwa um allfällige Ungereimtheiten in Bewerbungsunterlagen aufzudecken. Für Kritiker ist diese Art der Recherche Ausdruck einer Kultur des Misstrauens.

Herausfinden, ob Stellenbewerber geeignet sind: Internetrecherchen. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Herausfinden, ob Stellenbewerber geeignet sind: Internetrecherchen. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer sich heute für eine Stelle bewirbt, muss damit rechnen, vom Gegenüber via Internet durchleuchtet zu werden. Soziale Netzwerke ermöglichen es den Unternehmen, selber aktiv nach Informationen über Kandidaten zu suchen. Rund 70 Prozent der Firmen checken mindestens gelegentlich Profile von Bewerbern in sozialen Netzwerken. Das zeigt der neueste Trend-Report zur Onlinerekrutierung in der Schweiz, der letzte Woche veröffentlicht wurde.

Die einen Unternehmen beschränken sich dabei auf Plattformen wie Xing und Linkedin, auf denen nur berufsbezogene Profile zu finden sind. Andere gehen weiter und machen eigentliche Backgroundchecks. Das heisst sie forschen via Google und soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter nach Informationen zum persönlichen Hintergrund von potenziellen Stellenkandidaten. Eine kurze Umfrage des TA bei einigen Firmen zeigt: Manche klopfen regelmässig das Internet nach Hinweisen zur Person des Bewerbers ab (Adecco, IWC Uhren), andere von Fall zu Fall (Post, Swiss Life), wieder andere geben an, gar keine Backgroundchecks vorzunehmen (Swisscom, UBS, Helsana, IBM).

Stöbern nach Schummeleien

Doch wonach suchen die Unternehmen in den privaten sozialen Netzwerken? Zum einen prüfen sie, ob die Angaben in den vom Bewerber eingereichten Unterlagen plausibel und korrekt sind. «Wenn einer schreibt, er beherrsche die englische Sprache in Wort und Schrift, und ich finde im Netz von ihm verfasste englische Texte, die von Fehlern durchzogen sind, dann muss ich annehmen, dass etwas nicht stimmen kann», sagt José M. San José, Sprecher des Personalvermittlers Adecco Schweiz. Andere erhoffen sich Aufschluss darüber, ob jemand wichtige Informationen wie etwa eine Nebenbeschäftigung oder gar eine eigene Firma verschweigt. Die Überprüfung der Ehrlichkeit steht auch bei der Post im Vordergrund. Das sei aber nur bei sicherheitsrelevanten Funktionen, wie etwa beim Geldtransport, von Bedeutung. Da könne es vorkommen, dass man eine Kandidatenrecherche via Google durchführe.

Für den Uhrenhersteller IWC geht es dagegen in erster Linie darum, herauszufinden, wie sich Kandidaten in sozialen Netzwerken präsentieren. «Wir müssen wissen, ob die Person geeignet ist, die Luxusbranche zu vertreten, das ist auch für die firmeninterne Kultur wichtig», sagt Jenny Dinich, Personalverantwortliche bei IWC. Ähnlich die Swiss Life: Die Erfahrung der letzten Jahre zeige, dass über Suchmaschinen wie Google und verlinkte Treffer auf soziale Medien teilweise wesentliche zusätzliche Erkenntnisse zu den Bewerbenden gefunden würden, die das Gesamtbild mitbeeinflussen könnten, schreibt Mediensprecher Dajan Roman.

Oft werden die Kandidaten nicht von vornherein über mögliche Internet­recherchen aufgeklärt. Jedoch betonen alle angefragten Firmenvertreter, man nutze selbstverständlich nur Informationen, die öffentlich zugänglich seien – als ob sie sich für ihr Vorgehen entschuldigen wollten.

Tatsächlich ist das Erforschen privater sozialer Netzwerke rechtlich umstritten. Einzelne Juristen wie der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte vertreten die Auffassung, dies sei zulässig, solange es sich dabei um öffentlich zugängliche Daten handle. Dem widersprechen namhafte Arbeitsrechtler: Arbeitgeber dürften nur Informationen sammeln, die mit der infrage kommenden Stelle zu tun hätten, was beim Durchsuchen privater Netzwerke nicht garantiert sei. Aus ebendiesem Grund ist es auch den öffentlich-rechtlichen Arbeitgebern des Kantons Zürich nicht gestattet, Nachforschungen via Internet zu betreiben. So steht es in einem Merkblatt des kantonalen Datenschutzbeauftragten. Von den vom TA befragten Unternehmen gab einzig die Helsana-Versicherung an, aus rechtlichen Gründen keine privaten Informationen im Netz zu suchen.

Backgroundchecks haben auch bei manchen Fachleuten keinen guten Ruf. Sie seien Ausdruck einer Misstrauenskultur sowie von mangelhafter Professionalität der Personalverantwortlichen, heisst es. Deshalb sind auch Onlinerecherchen bei der Swisscom kein Thema, wie der für die Mitarbeiterrekrutierung verantwortliche Alexander Senn sagt. «Wir prüfen Kandidaten mit unserem professionellen Auswahlprozess. Backgroundchecks sind nicht die Art, wie wir mit Bewerbern umgehen wollen.» Senn stellt auch die Aussagekraft der im Netz gefundenen Informationen infrage. «Ich kenne ja die Umstände nicht, unter denen sie entstanden sind, und herauszufinden, ob sie korrekt sind, ist schwierig, wenn nicht unmöglich.»

Das sieht Cornel Müller, Betreiber der Jobsuchmaschine Jobagent.ch und Experte für Stellenbewerbungen, etwas anders. Ein gezielter Backgroundcheck bei exponierten Positionen könne durchaus sinnvoll sein. Ein Beispiel: «Von einem aktiven Nutzer sozialer Netzwerke, etwa im Kurznachrichtendienst Twitter, bekommt ein Rekrutierer schnell wichtige Indikatoren über dessen Interessen und Engagements.» Lauter Hinweise, die beim Entscheid über eine ­Anstellung nützlich sein können. Müller betont jedoch, dass erfolgreiche Recherchen ein entsprechendes Know-how ­voraussetzten, was bei manchen Firmen nicht gegeben sei.

Mangels Untersuchungen ist nicht ­bekannt, welche Unternehmen Backgroundchecks betreiben und wie gross ihr Anteil ist. Müller schätzt, dass er ­geringer sei als angenommen und deutlich unter 50 Prozent liege.

Anstellung verhindert

Dass ein unbedachtes Auftreten in sozialen Medien Folgen haben kann, ist bekannt. Erinnert sei an den Fall der Schülerin, die 2011 ihre Lehrstelle nicht bekam, weil sie auf Facebook ihre Lehrerin beleidigt hatte. Und im erwähnten Trend-Report gaben 13 Prozent der Rekrutierer an, eine negative Onlinereputation habe schon einmal die Anstellung eines Bewerbers verhindert. Im Jahr davor sagten dies gar 20 Prozent. Die tiefere Quote könnte ein Hinweis sein, dass die Nutzer von sozialen Medien sorgfältiger geworden sind. Dies hat auch José M. San José von Adecco festgestellt. Es sei gut, wenn den Leuten vermehrt bewusst sei, was sie preisgeben. Ein überlegter Umgang mit den sozialen Medien sei der beste Schutz vor unliebsamen Folgen. Gestärkt wird die Position der Nutzer auch durch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs von letzter Woche. Demnach muss Google auf Wunsch und unter bestimmten Voraussetzungen die Links zu sensiblen Daten entfernen. Das gibt dem Einzelnen mehr Kontrolle über die eigenen Daten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2014, 02:29 Uhr

Handhabung von sozialen Medien

Optimieren Sie den Auftritt im Netz
Wer sich in soziale Netzwerke begibt, sollte unbedingt folgende Regeln beherzigen.*


  • Privatsphäre wahren: Fragen Sie sich vor der Veröffentlichung Ihrer Angaben jedes Mal, ob Sie mit den gemachten Angaben in einem Bewerbungsgespräch konfrontiert werden möchten, auch noch in ein paar Jahren. Zudem kann es naiv wirken, wenn jemand alle Inhalte zugänglich macht. Heikle Inhalte und Fotos sollten auf jeden Fall nur einem begrenzten, Ihnen bekannten Personenkreis vorbehalten sein.

    Respektieren Sie auch die Privatsphäre anderer, veröffentlichen Sie keine Personendaten von Dritten.

  • Texte prüfen: Achten Sie auf korrekte Schreibweisen. Sind Ihre Beiträge mit Fehlern durchsetzt, ist das ein schlechtes Zeugnis für sprachliche Fähigkeiten.

  • Üble Nachrede vermeiden: Beschimpfungen, insbesondere von Arbeitgebern und Vorgesetzten, sind ein Karrierekiller. Kein Arbeitgeber möchte jemanden beschäftigen, der schlechte Informationen über Chefs verbreitet. Verbreiten Sie auch keinerlei diskriminierende Inhalte, auch nicht über Kolleginnen und Kollegen.

  • Zeitliche Beschränkung: Wenn Sie nicht beruflich damit arbeiten, sollten Sie es vermeiden, im Stundentakt Kommentare übers Netz zu verbreiten. Insbesondere tagsüber während der Arbeitszeiten, das könnte sonst gegen Ihre Produktivität sprechen.

  • Chancen des Netzes nutzen: Wer die sozialen Netze komplett meidet, kann bei Arbeitgebern den Eindruck hinterlassen, er sei nicht auf dem neuesten Stand. Nutzen Sie die Möglichkeit, sich ein Profil auf einer beruflichen Plattform (Xing oder Linked­in) zu erstellen, gestalten Sie es attraktiv und halten Sie es aktuell. Achten Sie auf wahrheitsgetreue Angaben.

  • Sich selbst googeln: Suchen Sie selbst das Internet regelmässig nach Ihrem eigenen Namen ab. So finden Sie heraus, welche Inhalte Personalfachleute über Sie im Netz finden und welchen Eindruck Sie vermitteln. (Andrea Fischer)




* Quellen: www.jobnet.ch sowie Empfehlungen des eidgenössischen Datenschützers; www.edoeb.admin.ch > Datenschutz > Internet > Onlinedienste > soziale Medien.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ganz in Weiss: Ein Hindu raucht im Hof des Pashupatinath Tempels in Kathmandu seine Pfeife. Die Männer reisen für das Shivaratri Festival, welches am 23. Februar stattfinden, an (21. Februar 2017).
(Bild: Niranjan Shrestha) Mehr...