Das Arztgeheimnis ist nicht sakrosankt

Ärztinnen und Ärzte sind in manchen Fällen verpflichtet, die Behörden einzuschalten.

Ärzte müssen nicht alles geheim halten: Eine Patientin während eines Gesprächs mit ihrem Doktor. Bild: Keystone/Christian Beutler

Ärzte müssen nicht alles geheim halten: Eine Patientin während eines Gesprächs mit ihrem Doktor. Bild: Keystone/Christian Beutler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Fall eines Mannes, der vor einer Operation den Ärzten im Spital anvertraute, er konsumiere täglich Alkohol, und der als Folge dieser vertraulichen Information heute nur noch unter strengen Auflagen weiter Auto fahren darf, lässt aufhorchen. Er macht deutlich, dass das Arztgeheimnis keineswegs sakrosankt ist. Es gibt mehrere rechtlich definierte Ausnahmen, in denen Ärztinnen und Ärzte von der Schweigepflicht befreit sind, ohne dass sie dafür die Zustimmung ihrer Patienten benötigen.

Zu diesen Ausnahmen gehören einzelne Melderechte, die es Ärztinnen und Ärzten erlauben, ihre Kenntnisse an die Behörden weiterzugeben, ohne dass sie dies jedoch tun müssten. So dürfen sie etwa die Behörden einschalten, wenn sie von einem Kapitalverbrechen erfahren oder von strafbaren Handlungen an Kindern. Melden dürfen sie auch, wenn sie Hinweise haben, dass einer ihrer Patienten oder Patientinnen aufgrund seiner gesundheitlichen Verfassung nicht mehr in der Lage ist, ein Fahrzeug sicher zu lenken – so wie das auch im eingangs erwähnten Beispiel der Fall war. Dieses Melderecht, das im Strassenverkehrsgesetz festgehalten ist, gilt als unbestritten, wenn es um Lenker geht, die über 70 Jahre alt sind. Doch ist es keineswegs auf bestimmte Altersgruppen oder bestimmte gesundheitliche Aspekte beschränkt: Vielmehr liegt es im Ermessen des Arztes, wann er eine Meldung für angebracht hält, erklärt Urs Stoffel von der Ärztevereinigung FMH.

Mediziner halten sich zurück

Stoffel verteidigt dieses umstrittene Melderecht aus dem Strassenverkehrsgesetz: Im Vordergrund stehe dabei die Sicherheit der Bevölkerung. Unternimmt ein Arzt nichts, obwohl er deutliche Anzeichen hat, dass einer seiner Patienten nicht fahrtauglich ist, ist er es, der am Pranger steht, wenn dieser Patient einen Unfall verursacht. Er sei überzeugt, dass Ärzte von diesem Melderecht nur sehr zurückhaltend Gebrauch machen würden, so Stoffel. In der Regel bespreche sich der Arzt mit seinem Patienten, wenn er die Absicht habe, Meldung zu erstatten. Dies vor allem auch, um das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient nicht zusätzlich zu strapazieren.

Nebst den Melderechten gibt es für Ärzte auch vereinzelte Meldepflichten, so zum Beispiel bei ansteckenden Krankheiten. Die Krankheiten, die darunter fallen, sind auf einer Liste des Bundesamts für Gesundheit aufgeführt, welche laufend aktualisiert wird. Oft müssen die Mediziner den Gesundheitsbehörden nicht nur die Krankheit selber melden, sondern auch den Namen der infizierten Person angeben. So etwa bei Masern, Tuberkulose und Hepatitis. Die Identifikation der infizierten Person sei nötig, damit die Gesundheitsbehörden allfällige Massnahmen treffen könnten, um das Umfeld des Erkrankten zu schützen, teilt die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich auf Anfrage mit.

Meldung führt nicht zwangsläufig zu Massnahmen

Es gibt auch Meldepflichten, die nur für einzelne Ärztegruppen gelten. Fliegerärzte zum Beispiel haben die Aufgabe, das Bundesamt für Zivilluftfahrt einzuschalten, wenn sie bei der Untersuchung eines Piloten zum Schluss kommen, dessen Flugtauglichkeit sei infrage gestellt. Erinnert sei hier auch an die Auseinandersetzungen vom vergangenen Frühjahr, als mehrere Politiker forderten, diese ärztliche Meldepflicht auszuweiten. Dies nachdem bekannt geworden war, dass der Co-Pilot, der eine Maschine der Fluggesellschaft German Wings zum Absturz gebracht hatte, schon seit längerem unter psychischen Beschwerden gelitten hatte. Es waren die Ärztinnen und Ärzte, die sich vehement gegen die Forderung wehrten, die Meldepflicht auszuweiten.

Ob Meldepflicht oder Melderecht: Wenn ein Arzt sich an die Behörden wendet, hat dies für die betroffenen Patientinnen und Patienten noch keine unmittelbaren Konsequenzen. Vielmehr ist es Sache der informierten Behörde, die nötigen Abklärungen vorzunehmen und dann über allfällige Massnahmen zu entscheiden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.09.2015, 13:17 Uhr

Artikel zum Thema

Strassenverkehrsamt erhält sensible Patientendaten

Recht & Konsum Autofahrer, die ihren Alkoholkonsum einem Arzt offenbaren, müssen mit Konsequenzen rechnen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Blogs

Von Kopf bis Fuss Warum Dr. Google nicht so schlecht ist

Blog Mag Perfekte Angebote?

Die Welt in Bildern

Hinter den Kulissen: Models werden an der Moskauer Fashion Week geschminkt uns posieren für Selfies (24. März 2017).
(Bild: Maxim Shipenkov) Mehr...