«19 Banken nehmen wieder US-Bürger als Kunden auf»

US-Botschafterin LeVine sagt, sie habe die Schweizer Banker zum Umdenken gebracht.

«Die duale Berufsbildung ist die grosse Entdeckung»: Suzan LeVine in der Berner Residenz. Foto: Raffael Waldern (13 Photo)

«Die duale Berufsbildung ist die grosse Entdeckung»: Suzan LeVine in der Berner Residenz. Foto: Raffael Waldern (13 Photo)

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Sie sind auf Twitter sehr aktiv. Was bringt das?
Soziale Medien sind ein wunderbarer Weg, um Leute kennen zu lernen und Offenheit zu leben. Schon als ich mich per Videobotschaft vorstellte, kontaktierte uns ein Tessiner auf Facebook. Er führte einen Anlass für Menschen durch, die krebskranke Verwandte haben. Er war sehr überrascht, als wir zusicherten, zu kommen. Bei einem Twitter-Bier-Treff in  Chur trafen wir einen Zugingenieur, einen Künstler, Arbeitssuchende — Leute, die wir sonst als Diplomaten nicht einfach kennen gelernt hätten. Ich habe in den zweieinhalb Jahren hier 49 Schulgruppen getroffen. Allen habe ich meine Social-Media-Adresse gegeben. Oft erhalte ich so spannende Fragen.

Es gab aber auch einen Shitstorm, als Sie sich über Twitter über das chaotische Schlangenstehen vor Adelbodner Skiliften beschwerten.
Zuerst schrieb ich, es sei ein grossartiger Skitag gewesen, und ich fragte nach Ratschlägen im Umgang mit diesen Schlangen. Es war ein gutes Beispiel, wie Sätze aus dem Zusammenhang gerissen werden. Vielleicht haben Sie auch gesehen, dass wir nach Adelboden zurückgekehrt sind und mit einem Pistenfahrzeug begrüsst wurden, das als «Snow Force One» getauft wurde.

Im Oktober ernteten Sie Kritik, weil Sie sich bei den Schweizer Banken beschwerten, dass sie keine US-Kunden mehr aufnähmen.
Seit ich hier ankam, hörte ich oft die Klage von US-Bürgern, dass sie keine Bank mehr finden — zum Teil handelt es sich auch um schweizerisch-amerikanische Doppelbürger. Ich habe darum viele Banker gefragt, ob sie nicht wieder US-Bürger akzeptieren könnten. Die ­Reaktionen waren sehr positiv.

Inwiefern?
Vontobel, Postfinance oder die Migros-Bank haben ohnehin nie aufgehört, US-Kunden aufzunehmen. Bei Gesprächen und Treffen haben uns aber auch UBS, Credit Suisse, die Cornèr Bank und die Waadtländer Kantonalbank mitgeteilt, unter welchen Bedingungen sie wieder in dieses Geschäft einsteigen. Daraufhin haben wir unsere Offensive ausgeweitet. Im Januar 2017 werden wir eine Liste mit 24 Schweizer Banken publizieren, die US-Bürger als Kunden aufnehmen. 19 davon haben damit erst dank meines Rundschreibens wieder angefangen. Ich bin stolz, dass wir dies für US-Bürger erreichen konnten.

Snowden soll in die USA zurückkehren. Er soll sich wegen Verbrechen einem Gericht stellen.

Können Sie nicht verstehen, dass die Schweizer Banken keine Lust mehr auf US-Kunden hatten – nach all dem, was sie mit der US-Justiz erlebt haben?
Als ich 2014 in die Schweiz kam, schwebte wegen der Schwarzgeldkonten tatsächlich eine Wolke über den bilateralen Beziehungen. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass unsere Beziehungen nicht nur unter diesem Gesichtspunkt gesehen werden. Es ging ja auch nie um die Schweiz als Land, sondern um US-Bürger, die ihre Steuern nicht bezahlten.

Viele Schweizer ärgern sich bis heute, dass die USA hart gegen die Schweizer Banken vorgingen, selber aber ein Schwarzgeld-Hafen sind.
Die Obama-Administration hat sich stark bemüht, diese Schlupflöcher zu schliessen. Doch es ist der Kongress, der die entsprechenden Gesetzesvorschläge verabschieden muss.

Ein Problem hat auch die Thurgauer Firma Nüssli, die den US-Pavillon an der Expo Mailand gebaut hat. Sie wartet bis heute auf die Bezahlung ihrer Rechnungen in Millionenhöhe.
Ein US-Gesetz verbietet es unserem Aussenministerium, Geld für Weltausstellungen auszugeben. Daher hat es den Auftrag für die Expo Mailand an eine private Organisation vergeben. Trotzdem hat das Aussenministerium dem Kongress beantragt, einen Betrag für die ausstehenden Rechnungen im Budget 2017 einzustellen. Leider hat der Kongress das noch nicht getan. Wir hoffen aber, dass er im April das nötige Geld sprechen wird. Das Team von Präsident Trump wird entsprechend gebrieft.

Sie kamen im Juni 2014 nach Bern. Nach nur drei Monaten haben Sie im Fall Edward Snowden bereits beim Bundesamt für Justiz interveniert. Weshalb?
Diplomaten führen die ganze Zeit Gespräche, um ihre Positionen zu vertreten. Ich kann nicht in die Details gehen.

Das Bundesamt für Justiz bestätigt, dass Sie über Snowden reden ­wollten. Zuvor hatte es in der Schweiz Überlegungen gegeben, den Whistleblower zu schützen. Was brachten Sie vor?
Die Haltung der USA ist bei Edward Snowden seit Beginn unverändert: Er ist angeklagt, klassifizierte Dokumente geleakt zu haben. Snowden soll in die USA zurückkehren. Er soll sich wegen Verbrechen einem Gericht stellen.

Soll Snowden begnadigt werden?
Die US-Haltung ist konsistent: Snowden ist eines Verbrechens angeklagt.

Marc Rich, der in Zug lebte und von den USA wegen Steuervergehen gesucht wurde, ist im Jahr 2001 von Präsident Bill Clinton kurz vor dessen Amtsende begnadigt worden. Obama könnte bei Snowden das Gleiche tun.
Ich kommentiere das nicht.

Bevor Sie Diplomatin wurden, waren Sie eine Technik-Person . . .
. . . ich bin immer noch ein Geek.

Dann müssten Sie Snowden dankbar sein. Er hat mehr Bewusstsein dafür geschaffen, wie auch Ihre digitale Kommunikation ausgespäht wird.
Snowden ist angeklagt, klassifizierte Dokumente herausgegeben zu haben. Das muss man klar trennen von der Frage, wie man Sicherheit und Privatsphäre in der elektronischen Kommunikationen ausbalanciert. Darüber hat Präsident Obama im Januar 2014 eine grosse Rede gehalten. Jedes Land braucht eine offene Diskussion über solche Fragen.

«Ich möchte in meiner Heimatstadt die duale Berufsbildung verbreiten. Das ist die grosse Entdeckung, die ich in der Schweiz gemacht habe.

Dank Snowden gibt es diese Debatte.
Das startete in den USA viel früher und wurde intensiver nach 9/11. Man kann nicht 100 Prozent Sicherheit und 100 Prozent Privatsphäre haben. Die USA tun viel, um grösstmögliche Transparenz in diesem Bereich zu gewährleisten. Barack Obama hat versichert, normale Bürger, welche die nationale Sicherheit nicht bedrohten, würden nicht überwacht.

Die Snowden-Papiere zeigen, dass sogar eine Genfer NGO ausspioniert wurde, die sich um fairen Handel für afrikanische Bauern kümmert. Wie erklären Sie das dem NGO-Chef, einem Schweizer Ex-Diplomaten?
Ich kann nicht über etwas diskutieren, das vielleicht gar nicht stattgefunden hat. Es würde zudem eine Zeit betreffen, als ich noch nicht in der Schweiz war.

Was tun Sie, wenn Ihr Mandat in der Schweiz am 20. Januar endet?
Ich weiss es noch nicht. Meine bisherige Karriere verlief sehr unlinear, doch mein Leitstern war immer, in dieser Welt etwas zu bewirken. Daran möchte ich mich orientieren. Ich vermute aber, dass mein neues Tätigkeitsfeld mit Berufslehren zu tun haben wird.

Mit Berufslehren?
Ich möchte in meiner Heimatstadt Seattle die duale Berufsbildung verbreiten. Das ist die grosse Entdeckung, die mein Mann und ich in der Schweiz gemacht haben. Sie hat mich unglaublich beeindruckt. Wir haben mehrere Hundert Firmen besucht und Hunderte, wenn nicht Tausende von Lehrlingen getroffen. Auch mein grösster Erfolg als Botschafterin war in diesem Bereich.

Inwiefern?
Wir haben eine Absichtserklärung zwischen unseren Regierungen unterzeichnet, um die Zusammenarbeit in diesem Sektor zu stärken. Und ich konnte über 20 Schweizer Firmen dazu bewegen, in den USA solche Ausbildungsplätze zu schaffen. Ich hoffe, dass mein Mann und ich in den USA zu einer Renaissance der Berufslehre beitragen können.

Werden Sie eine Politikerin wie Don Beyer, Ihr Vorgänger in Bern?
Ich weiss es nicht. Zunächst gehen wir nun einmal zurück nach Seattle. Sicher aber bin ich, dass wir auch in Seattle oft Raclette essen werden. Und ich will ­lernen, selber Pizokel zu kochen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2016, 22:27 Uhr

Zur Person

Suzan LeVine

Noch bis zur Amtseinführung von Donald Trump ist Suzan LeVine US-Botschafterin in Bern. Davor arbeitete die 47-Jährige als Managerin bei Microsoft und Expedia. Diplomatin wurde sie als Dank für die Spenden, die sie für Barack Obama gesammelt hatte. LeVine war die erste amerikanische Amtsträgerin, die ihren Amtseid auf einem E-Reader ablegte. In der Schweiz war LeVine sehr präsent in den sozialen Medien. (hä)

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