AHV ist der zweiten Säule überlegen

Nur wenige Ökonomen sagen öffentlich, was viele denken: Die Lohnabzüge für die zweite Säule zu erhöhen, ergibt derzeit kaum Sinn.

Grund zur Sorge beim Sonnen? Die Schweizer Bevölkerung wird immer älter, gleichzeitig wirft das angesparte Altersguthaben kaum mehr Gewinne ab.

Grund zur Sorge beim Sonnen? Die Schweizer Bevölkerung wird immer älter, gleichzeitig wirft das angesparte Altersguthaben kaum mehr Gewinne ab. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Plan des Parlaments, die zweite Säule mit höheren Lohnabzügen zu ­sanieren, kommt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Das staatliche Zwangssparen führt zu immer weniger Er­trägen, denn das extrem tiefe Zinsniveau bestraft das Alterssparen. Vieles spricht dafür, dass dieser Zustand viele Jahre anhalten und die Pensionskassen­anlagen auf Dauer schädigen wird.

In diesem Kontext erhält die Volks­initiative «AHV plus», über die in einer Woche abgestimmt wird, neue Bedeutung. Der Genfer Wirtschaftsprofessor Cédric Tille, Finanzmarktexperte und Bankrat der Nationalbank, rät dem Stimmvolk, der Initiative zuzustimmen: «Es ist vernünftig, die Bedeutung der zweiten Säule zu begrenzen und die erste Säule auszubauen, so wie es die Initiative «AHV plus» vorschlägt». Seine Argumente sind nicht politischer, sondern ökonomischer Natur:

  • Langanhaltende Zinsbaisse: Das tiefe Wirtschaftswachstum sowie das bescheidene Bevölkerungswachstum in entwickelten Ländern werden den realen Zins auf lange Zeit tief halten. Dies schwäche die zweite Säule auf Dauer. Tille beruft sich dabei auf ähnlich lautende Voten der Weltbank sowie des Harvardprofessors Lawrence Summers, der im April das Problem der Renditeschwäche im Aufsatz «The Age of Secular Stagnation» (Das Zeitalter der wirtschaftlichen Langzeitstagnation) beschrieben hat.

  • Druck zu höheren Risiken im BVG: Tiefen Zinsen und die Voraussetzung, dass Renten laufend bezahlt werden müssen, zwinge Pensionskassen zu Anlagen mit höheren Kapitalmarktrisiken. Diese höheren Risiken würden Probleme bergen, derer sich die Schweiz zu wenig bewusst sei.

Ergibt unter diesen Voraussetzungen eine Erhöhung der Lohnbeiträge für die zweite Säule noch Sinn, wie sie das Parlament mit der Altersreform 2020 vorsieht? «Ich habe dies nicht durchgerechnet und will mich nicht dazu äussern», sagt Tille. Doch genau diese Frage ist aus der Sicht der Versicherten entscheidend – nämlich, wo sich das vom Lohn ab­gezogene und für die Altersvorsorge eingesetzte Geld mehr lohnt: in der ersten oder in der zweiten Säule?

«In AHV besser eingesetzt»

Drei von Tagesanzeiger.ch/Newsnet angefragte Ökonomen von politisch unterschiedlicher Orientierung kommen zum gleichen Schluss: «Ohne Verzinsung ist ein Lohnfranken im Umlageverfahren wie das der AHV besser eingesetzt. Ein Umlageverfahren ist in der gegenwärtigen Nullzinsphase der effizientere Weg, um sichere Leistungen zu garantieren», sagt der Basler Finanzmarktprofessor Heinz Zimmermann. Umlageverfahren bedeuten, dass die AHV-Lohnbeiträge direkt auf laufende Renten umgelegt werden. «Es ist klar, dass bei tiefen Zinsen das Kosten-Ertrag-Verhältnis der zweiten Säule schlechter ist. Sie ist deshalb ­weniger effizient und für die Versicherten und Firmen teurer ist als die AHV», sagt der Ökonom und frühere Preisüberwacher Rudolf Strahm. «In der jetzigen Situation ist die Umlagefinanzierung gegenüber der Kapitaldeckung im Vorteil», bestätigt auch der St. Galler Finanzmarktprofessor Manuel Ammann. Kapitaldeckung heisst, dass jeder sein Alterskapital selbst anspart – also die zweite Säule.

Demografisches Problem

Ammann versteht unter der «jetzigen Situation» einen Giftcocktail aus «weniger nachkommenden Jungen im arbeitsfähigen Alter» und «vielen Alten mit grossem, angespartem Kapitalstock, dessen Produktivität sinkt». Vereinfacht gesagt: Das von Pensionären angesparte Rentenkapital rentiert nicht mehr. Die wenigen Jungen müssen die Einbusse der Alten decken. «Dies führt im BVG zur Umverteilung zwischen Arbeitnehmern und Rentnern von jährlich 5 bis 6 Milliarden Franken», schätzt Zimmermann.

Einigkeit herrscht auch in der Frage, wonach die erste Säule das demografische Problem – die Überalterung der Gesellschaft – besser lösen könne. Die zweite Säule könne diese Entwicklung «weniger gut oder nicht auffangen», sagt Strahm. Ammann sagt, sei wohl «nicht geeigneter, die anstehenden demografischen Herausforderungen zu meistern». Er ist überzeugt, dass das in der Schweiz angesparte BVG-Alterskapital nicht beliebig angelegt werden könne. Die Schweiz sei von Kapital gesättigt, sagt Ammann, und es sei «völlig unrealistisch, zu denken, dass eine Gesellschaft grosse Teile ihres Alterskapitals fern der Heimat in wachsenden Volkswirtschaften mit junger Bevölkerung und hoher Kapitalproduktivität erfolgreich anlegen» könne.

Ammann sieht bezüglich der Aussichten der heutigen zweiten Säule schwarz. «Sie ist schlecht für negative Kapitalmarktrenditen gerüstet.» Dies liege an den im Gesetz festgelegten Garantien im Obligatorium, so etwa dem Mindestzins aufs Freizügigkeitskapital, der garantierten Höhe für laufende Renten oder dem garantierten Umwandlungssatz, der die künftige Höhe der Renten bestimmt.

Zimmermann kritisiert den von Bundesbern angepeilten Ausbau der zweiten Säule. «Die generelle Erhöhung der ­Sparbeiträge des BVG, wie sie die Altersreform 2020 vorschlägt, sind wenig zielführend, um die Höhe der Renten zu sichern.» Aus ökonomischer Sicht sollten «das Rentenalter erhöht und der Umwandlungssatz gesenkt werden». Vermögende Leute benötigten «kein verbessertes Sicherheitsnetz». Stattdessen sollte der Ausbau der ersten Säule in den Fokus rücken. «Sozialpolitik muss Gegenstand der ersten Säule sein. Dafür eignen sich Kapitalanlagen des BVG nicht», sagt Zimmermann. Die AHV solle verstärkt und die zweite Säule liberalisiert werden. Dies gelte «vor allem unter der Perspektive der Überalterung und stark steigender Gesundheitskosten».

«Weniger unsozial»

Strahm sagt, der Leistungsausbau der AHV, wie es die Volksinitiative fordere, sei «ökonomisch rational» und richtig. Was ihn störe, sei, dass «AHV plus» über höhere Lohnabzüge finanziert werden soll. Dies verteuere Arbeitsplätze («Faktor Arbeit»). Strahm sagt, die Gewerkschaften sollten eine Finanzierung über die Mehrwertsteuer anstreben. «So würden die 1,6 Millionen Rentner und die 100'000 BVG-Kapitalbezüger die AHV stärker mitfinanzieren.» Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer sei «weniger un­sozial, als die Gewerkschafter dies predigen», sagt SP-Mitglied Strahm.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2016, 23:31 Uhr

Artikel zum Thema

Für die AHV-plus-Initiative wird es knapp

Junge lehnen höhere Renten klar ab, Alte sind dafür. Das zeigt die neuste Tamedia-Umfrage. Auch die Initiative «Grüne Wirtschaft» findet keine Mehrheit mehr. Mehr...

Um das geht es bei der neuen AHV-Initiative

Heute startet die Kampagne der Befürworter der AHV-plus-Initiative. Sechs Fragen, sechs Antworten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Hinter den Kulissen: Models werden an der Moskauer Fashion Week geschminkt uns posieren für Selfies (24. März 2017).
(Bild: Maxim Shipenkov) Mehr...