Absurder Strommarkt – Geld erhält, wer Strom bezieht

Unter null sinken die Strompreise in letzter Zeit immer wieder. Wie kann das sein?

Immer mehr Dächer werden mit Solarpanels bestückt – mit Folgen für den Strommarkt. Foto: Mohamad Torokman (Reuters)

Immer mehr Dächer werden mit Solarpanels bestückt – mit Folgen für den Strommarkt. Foto: Mohamad Torokman (Reuters)

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Als am 20. März 2015 unzählige Menschen mit lustigen Brillen in den Himmel blinzelten, weil der Mond für kurze Zeit die Sonne teilweise verdunkelte, da sassen die Stromhändler vor ihren vielen Bildschirmen und waren nervös. Sie waren sich nicht sicher, was nun passieren würde. Zwar wussten sie, dass der Mond, der sich gerade vor die Sonne schob, die Leistung von Solarkraftwerken in ganz Europa einbrechen lassen würde. Sie wussten, dass Aluminiumproduzenten ihre Produktion drosseln würden, wenn es am dunkelsten war. Man hatte sie darum gebeten. Und man hatte vorsorglich Stromreserven geordert. Doch würde das reichen? Oder würden die Strombezüge stark steigen, weil die Leute das Licht anschalten, wenn es dunkel wird?

Die Unsicherheit war gross. Den Händlern war unklar, ob Strom im Moment eigentlich knapp und damit wertvoll war oder nicht. Dies führte zu einer bizarren Situation. An der europäischen Strombörse zahlten Händler praktisch gleichzeitig die unterschiedlichsten Preise. Für Strom, der kurzfristig geliefert werden konnte, für die Zeitspanne zwischen 9.45 und 10 Uhr, kurz nach Beginn der Sonnenfinsternis, zahlten einige Händler bis zu 100 Euro pro Megawattstunde. Andere versuchten, den Strom für dieselbe Zeitspanne zu extremen Tiefpreisen loszuwerden. Und extrem tief heisst nicht gratis, sondern unter null. In Deutschland gab es Preise von bis zu minus 975 Euro pro Megawattstunde.

Strom und Geld obendrauf

Was an der normalen Börse unvorstellbar ist, kommt an der europäischen Strombörse Epex Spot immer wieder mal vor: dass ein Stromproduzent dem Käufer Geld zahlt, damit der ihm den Strom abnimmt. Oder anders gesagt, dass ein Käufer Strom und Geld obendrauf erhält. Das scheint absurd, schliesslich kostet es ja etwas, Strom in Kraftwerken herzustellen. Wie können die Preise also so tief sinken?

Strom kann im Gegensatz zu fast allen anderen Gütern nicht gelagert werden. Er wird sofort ins Netz gespeist. Die Kapazitäten im Netz sind aber beschränkt. Zu jedem Zeitpunkt kann nur so viel Strom eingespeist werden, wie verbraucht wird. Sonst kommt es zu Spannungsschwankungen oder Stromausfällen. Windräder und Solardächer richten sich aber nicht nach der Stromnachfrage. Sie produzieren dann, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht – auch wenn es keinen Strom brauchte. Dann gibt es einen Stromüberschuss. Darauf versuchen die Energiekonzerne zwar zu reagieren, indem sie andere Kraftwerke zurückfahren. Dies lohnt sich jedoch nicht immer. Denn ein Kraftwerk abzustellen und später wieder hochzufahren, kann aufwendig und teuer sein. Unter Umständen lassen die Betreiber die Anlagen also weiterlaufen. Die Preise müssen aber sinken, bis jemand bereit ist, den Strom zu verbrauchen. Zuweilen bis unter null.

Ärgert es die Stromproduzenten, dass ihr Produkt gelegentlich weniger als nichts wert ist? Ralf Minnig ist keiner, der sich schnell ärgert. Für den Chef des kurzfristigen Stromhandels beim Berner Energiekonzern BKW zählt ein simples Kalkül: «Make or buy?». Soll die BKW also Strom herstellen oder ihn einkaufen? Das wird laufend neu entschieden. Fällt der Strompreis im Kurzfristhandel unter die Grenzkosten oder sogar in den negativen Bereich, lohnt es sich nicht mehr, selbst zu produzieren. Dann ruft jemand aus Minnigs Team zum Beispiel die Kraftwerke Oberhasli an und sagt, sie sollen die Stromproduktion reduzieren. Den Strom kauft er dann zum billigeren Preis ein. Am liebsten natürlich zu negativen Preisen. Dann erhält die BKW noch Geld dafür. In solchen Momenten kaufen die Händler Strom und lassen damit das Wasser am Grimsel den Berg hochpumpen, um die Stauseen zu füllen.

38 Stunden mit Negativpreisen

Auch während der partiellen Sonnenfinsternis im Jahr 2015 taten sie das. Allerdings rutschten die Preise in der Schweiz damals nur ganz kurz ins Minus, und niemals so stark wie in Deutschland. Weshalb? Schliesslich wird Strom auch über die Grenzen hinweg gehandelt. Der Preis müsste sich also angleichen. Dennoch gibt es in der Schweiz deutlich seltener negative Preise als in Deutschland. In der Schweiz war der Strompreis letztes Jahr an sieben Tagen während total 38 Stunden negativ, wie Zahlen der Strombörse Epex Spot zeigen. Das entspricht jeder 230. Stunde und ist damit ein seltenes Phänomen.

Anders in Deutschland: Dort wurden Wind- und Sonnenenergie stark ausgebaut. Die installierte Leistung, die deutsche Windparks und Solardächer heute theoretisch liefern könnten, entspricht jener von 90 Atomkraftwerken. Vor zehn Jahren war es erst die Leistung von 20 Atomkraftwerken. Die Menge an unregelmässig produziertem Strom stieg also deutlich an, was zu häufigeren Preisausschlägen führt, auch gegen unten: In Deutschland waren die Strompreise letztes Jahr an 25 Tagen und während total 223 Stunden negativ. Das entspricht immerhin jeder 39. Stunde.

Dass die negativen Preise in Deutschland trotz grenzüberschreitendem Handel nur selten in die Schweiz überschwappen, liegt daran, dass nicht unbeschränkt Strom von Deutschland in die Schweiz geliefert werden kann. Die Stromnetze entstanden historisch innerhalb der Länder. Erst später wurden sie über die Landesgrenzen hinweg verknüpft. Die grenzüberschreitenden Kapazitäten sind beschränkt. Sind sie bereits ausgelastet, wenn Windparks in Deutschland den Markt mit noch mehr Strom fluten, dann hat dies auf den Strompreis in der Schweiz keinen Einfluss mehr.

Dennoch werden die Preise nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz künftig öfter ins Minus rutschen. Bereits in den letzten Jahren geschah dies in der Tendenz immer häufiger. Denn auch hierzulande produzieren dank staatlicher Förderung immer mehr Solardächer Strom und es rotieren mehr Windräder. Vor allem an Feiertagen sind negative Preise mittlerweile nicht mehr aussergewöhnlich. In der Schweiz rutschten sie letztes Jahr beispielsweise an Auffahrt oder Pfingsten ins Minus. An Tagen im Frühling also, an denen wegen des schmelzenden Schnees viel Wasser durch die Turbinen fliesst. Gleichzeitig steht die Industrie still, weshalb weniger Energie verbraucht wird.

Was bedeutet das politisch?

Für Kritiker der Energiewende sind die häufigeren Negativpreise Beweis dafür, dass der «Ökostrom» unplanbar sei und damit kein valabler Ersatz für bisherige Technologien wie die Atomkraft. Für Befürworter ist die schlechtere Planbarkeit lediglich eine technische Hürde, der mit leistungsfähigeren und intelligenteren Stromnetzen sowie neuen Formen der Energiespeicherung beizukommen ist.

Die Sonnenfinsternis im März 2015 galt als Testfall für die Energiewende. Dies weil die Stromerzeugung stark schwankte, die Solardächer also kurzfristig deutlich weniger und dann rasch wieder mehr Strom produzierten. Und weil es mit zunehmender Wichtigkeit von Wind- und Solarenergie häufiger zu solchen Schwankungen in der Stromproduktion kommen wird. Wenn bei blauem Himmel beispielsweise Windböen aufkommen oder umgekehrt Wolken aufziehen und der Wind abflaut. Bei der Sonnenfinsternis lief das rund. Zwar spielten die Preise verrückt. Die Schweizer Stromproduzenten profitierten aber davon, weil sie Strom zu hohen Preisen nach Deutschland verkaufen konnten. Zu Stromausfällen kam es nicht. Allerdings war dies ein einzelnes Ereignis, auf das man sich vorbereiten konnte, und kein Dauerzustand. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2017, 06:35 Uhr

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