Bahnreisen ins Ausland werden teurer

Die Ermässigung Rail Plus für Besitzer von Halbtax-Abo oder GA wird mit dem nächsten Fahrplanwechsel von 25 auf 15 Prozent reduziert.

Die Rabatte für Schweizer Abo-Besitzer sinken: Abteil in einem Nachtzug der Deutschen Bahn am Hauptbahnhof München. Foto: Gordon Welters (Laif)

Die Rabatte für Schweizer Abo-Besitzer sinken: Abteil in einem Nachtzug der Deutschen Bahn am Hauptbahnhof München. Foto: Gordon Welters (Laif)

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«Europa mit dem Zug entdecken». So bewerben die SBB Fahrten ins benachbarte Ausland mit dem Zug. Mit dem nächsten Fahrplanwechsel zu Jahresende werden diese Fahrten für die meisten Bahn­kunden allerdings wieder etwas teurer. Wenn Inhaber eines GA oder Halbtax-Abos ein Ticket ins Ausland lösen, bekommen sie derzeit mit Rail Plus eine Ermässigung von 25 Prozent für den ausländischen Teil der Strecke. Diese Vergünstigung wird ab 10. Dezember 2017 auf 15 Prozent reduziert.

Je länger die Bahnstrecke, desto stärker fällt die Rücknahme der Vergünstigung ins Gewicht. Zwei Beispiele: Eine Fahrt von Zürich nach München kostet heute zum Vollpreis 95 Franken, mit Halbtax und Rail Plus jedoch nur 62 Franken. Ab Dezember 2017 werden es 68 Franken sein. Von Zürich nach Wien zahlt man für ein Billett 2. Klasse mit Halbtax und Rail Plus 89 Franken, mit dem Fahrplanwechsel steigt der Preis auf 98 Franken.

Die Ursache liegt im Ausland

Die Verteuerung geht nicht von der Schweiz aus: Rail Plus ist ein Rabatt, der vor etwa 20 Jahren vom Internationalen Eisenbahnverband (UIC) vorgeschlagen und von den meisten Mitgliedsländern in Europa übernommen wurde. Die Reduktion von Rail Plus wurde nun von einer Mehrheit der Mitgliedsstaaten des UIC beschlossen. Auch die deutsche Bahn, die ÖBB und andere Bahnverwaltungen führen sie durch.

In der Schweiz kostet die Rail-Plus-Karte für Erwachsene 25 Franken pro Jahr. Bei Fahrten nach Deutschland und in Österreich reicht der Kauf eines Billetts mit Halbtax oder GA. Eine Marktforschung habe jedoch ergeben, dass zwei Drittel aller Halbtax- und GA-Kunden den Rail-Plus-Rabatt gar nicht kennen, sagt der Sprecher der SBB, Christian Ginsig. Zudem gebe es jetzt schon keine Ermässigung auf dem Nachtzug nach Deutschland oder dem Eurocity nach Italien, weil es im Ermessen des Carriers liege, den Rabatt zu gewähren. Die vom SBB-Sprecher genannten Züge werden von den ÖBB und von Trenitalia betrieben. Und diese akzeptieren die ­Ermässigung nicht.

Auch wenn die SBB nicht federführend beim Entscheid waren, Rail Plus zu reduzieren, verteidigen sie ihn: Die ­Bahnen zielten damit nicht darauf ab, weniger Rabatte als Ganzes zu geben, sagt SBB-Sprecher Ginsig. Sie wollten den Kunden gezielt attraktivere Preise anbieten, und zwar durch Sparbillette, die deutlich günstiger seien und zudem von den Kunden bis zu einem halben Jahr im Voraus bestellt werden könnten: «Dies ist für die Kunden in der Schweiz ein grosser Vorteil».

Fahrgastvertreter und Lobbyisten des öffentlichen Verkehrs können diese Argumente nicht nachvollziehen. Durch die Preissteigerung sei zu befürchten, dass mehr Menschen auf Auto oder Flugzeug umsteigen, sagt Matthias Müller vom Verkehrsclub Schweiz, «aus Sicht der Umwelt wäre das eine schlechte ­Entwicklung». Preiserhöhungen bei der Bahn werden allerdings eher hinge­nommen als im Flugverkehr.

Proteste bei Flugtickets

Als die Zürcher SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf vergangene Woche mit einem Vorstoss den Bundesrat beauftragte, die Einführung einer Abgabe auf Flugtickets zu prüfen, hagelte es sofort heftige Proteste aus der Branche und der Politik: Die Abgabe würde der Wirtschaft schaden und den Umweltschutz keineswegs fördern.

Gegen die Verteuerung der Bahn­tickets regt sich bis jetzt noch kein Protest. Allerdings wird sie von den Bahnverwaltungen auch nicht kommuniziert. Lediglich klein gedruckte Hinweise finden sich auf den Websites einiger Bahnverwaltungen. Die Sparbillette der Bahn seien zwar eine super Sache, aber für Züge mit starker Auslastung kaum erhältlich, sagt Verkehrs-Club-Sprecher Matthias Müller. Die Einnahmen aus den Generalabonnementen hingegen seien für die SBB gut planbar und tragen zur Deckung der Fixkosten wesentlich bei: «Es wäre deshalb wichtig, dass GA-Kunden weiterhin von Vorzugskonditionen profitieren können.»

Kurt Schreiber, Präsident der Interessensvertretung Pro Bahn Schweiz, sieht noch einen weiteren Nachteil der Sparbillette: Sie müssten weit im Voraus gelöst werden und sind an einen bestimmten Zug gebunden. «Verpasst man ihn, gibt es keine Erstattung, und es muss dann gleichwohl ein neues, normales Billett gekauft werden.»

Öffentlich bekannt gemacht wurde die Reduktion von den SBB noch nicht. Der Präsident von Pro Bahn wusste davon nichts und findet das Vorgehen «völlig unverständlich». Gerade im Konkurrenzkampf mit Billigflugangeboten sei Rail Plus ein wichtiges, willkommenes Tarifangebot gewesen. Die Kürzung des Rabatts von 25 auf 15 Prozent sei sehr kurzsichtig, sagt Kurt Schreiber: «Damit wird die Eisenbahn für regelmässige Kunden unattraktiv gemacht – und dies geschieht ausgerechnet durch die ­Bahnverwaltungen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2017, 07:29 Uhr

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