«Beim Einkaufstourismus geht es nicht um gut oder böse»

Der Einkaufstourismus hat ein neues Rekordniveau erreicht. Das Resultat: Ein schmerzhafter Umsatzabfluss. Dazu Patrick Marty vom Detailhandelsverband IG DHS mit einer kontroversen Forderung.

Das inoffizielle Herz in Sachen Einkaufstourismus: Das Einkaufszentrum Lago in Konstanz.

Das inoffizielle Herz in Sachen Einkaufstourismus: Das Einkaufszentrum Lago in Konstanz. Bild: Keystone

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Schweizer Einkaufstouristen haben letztes Jahr 11 Milliarden Franken im Ausland ausgegeben. Ein neuer Rekord. Überrascht?
Dass der Detailhandel über zehn Prozent des Umsatzes ans Ausland verliert, ist schmerzhaft. Und es war zu befürchten, dass die Aufhebung des Mindestkurses den Einkaufstourismus weiter antreibt. Wir haben mit einer Zahl in dieser Grössenordnung gerechnet.

Haben Sie Verständnis, dass die Konsumenten bei diesen Preisen in der Schweiz über die Grenze gehen zum Einkauf?
Ja, es geht ja nicht um gut oder böse. Der Konsument kauft dort ein, wo er am meisten erhält fürs Geld. Die Aufhebung des Mindestkurses durch die Nationalbank hat den Druck auf den Schweizer Detailhandel massiv erhöht. Mittels Preissenkungen gelang es aber, den Druck zu mildern.

Einkaufstouristen sagen, es seien nicht nur die tieferen Preise, die locken – auch die Servicequalität wird gelobt. Was läuft hier im Schweizer Detailhandel falsch?
Die Schweizer Detailhändler bieten einen sehr guten Service. Für den Wochenendeinkauf in Waldshut ist der Preis der grösste Treiber.

Experten rechnen damit, dass sich die Umsätze beim Einkaufstourismus in diesem Jahr auf hohem Niveau stabilisieren werden. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja, sofern sich die Rahmenbedingungen wie etwa der Wechselkurs zum Euro ungefähr gleichbleiben. Wenn sich die Eurokrise zuspitzt oder Grossbritannien aus der EU austritt, sieht alles anders aus.

Mit welchen politischen Forderungen hoffen die Schweizer Detailhändler, die Situation verbessern zu können?
Mit dem Einsatz für kundenfreundlichere Rahmenbedingungen. Etwa bei den Ladenöffnungszeiten. Wir kämpfen dafür, dass die Läden schweizweit werktags bis 20 Uhr und am Samstag bis 18 Uhr geöffnet sein können.

Mehr Wettbewerbsfähigkeit zulasten des Verkaufspersonals …
Für das Personal ist das kein Riesenproblem. Die längeren Öffnungszeiten haben keinen Einfluss auf die Wochenarbeitsstunden. In 17 Kantonen gelten diese Regeln bereits, und die Rückmeldungen sind durchwegs positiv.

Die Ladenöffnungszeiten sind aber kaum die Lösung, um den Einkaufstourismus zu dämpfen …
Klar, einen Franken kann man nur einmal ausgebeben, das stimmt. Allerdings lässt sich der Anteil der Konsumausgaben am verfügbaren Einkommen schon noch steigern. Wenn unsere Läden am Samstag um 16 Uhr noch voll sind, ist das ein klares Zeichen, wo die Konsumentenbedürfnisse liegen. Es gibt aber gleichzeitig auch nicht eine politische Massnahme, die alles auf einen Schlag lösen würde.

Einen Vorschlag hat kürzlich der ehemalige Denner-Besitzer Philippe Gaydoul gemacht. Er regte an, den Ausverkauf wieder zu regulieren. Stichwort: amtlich bewilligt. Was halten die grossen Detailhändler davon?
Das ist keine gute Idee. Wir setzen uns für eine freiheitliche Ordnung ein, nicht zusätzliche Regulierungen. Dass die amtliche Bewilligung beim Ausverkauf vor Jahren abgeschafft wurde, war ein wichtiger Schritt, um die unternehmerische Freiheit weiter zu fördern.

Im Vergleich mit dem Ausland sieht es aus, als ob der Schweizer Detailhandel den Aufbau des Onlineverkaufskanals verschlafen hätte – wie konnte es dazu kommen?
Dass die Entwicklung verschlafen wurde, stimmt nicht. Unsere Mitglieder haben bekanntlich schon früh in den Online-Handel investiert. Man hat sich die nötige Zeit genommen, die Strukturen und die Vorteile daraus zu studieren und verstehen.

Eine Folge davon ist, dass der deutsche Onlinehändler Zalando die Zeit nutzen konnte, auch in der Schweiz eine enorme Marktmacht zu entwickeln …
Diese Entwicklung betrifft den Bekleidungsdetailhandel und besonders die kleineren Anbieter in diesem Bereich. Unsere Mitglieder gehören zu den grossen Unternehmen im Detailhandel und sind gut gerüstet.

Dann jammern Coop, Manor und Migros also einfach nur auf hohem Niveau?
Es sind schwierig Zeiten und der Einkauftstourismus sowohl stationär wie online führt zu einem einschneidenden Umsatzverlust. Insbesondere im Non-Food-Bereich ist dieser sehr markant. Von Jammern kann jedoch keine Rede sein. Die Hausaufgaben wurden gemacht, die Mitglieder der IG Detailhandel Schweiz haben 2015 mit starken Preissenkungen und innovativen Leistungen auf die Herausforderungen reagiert. Die Zukunft ist also nicht zappenduster.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.01.2016, 12:24 Uhr)

Stichworte

Patrick Marty leitet die Geschäftsstelle der IG Detailhandel Schweiz. Dem Verband gehören die Detailhändler Coop, Denner, Manor und Migros an.

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