Das Netz als Arzt und Apotheker

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens soll dem Patienten bessere Behandlungen bringen. Ungelöst sind zahlreiche heikle Fragen beim Datenschutz.

Illustration: Patric Sandri

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Er wertet den Puls, den Blutdruck und die Herzfrequenz aus. Er sieht sich die Krankengeschichte des Patienten an, zieht Informationen von dessen DNA heran und greift auf Laboruntersuchungen zurück. Seine Empfehlung: «Machen Sie aufgrund Ihrer genetischen Veranlagung 20 Minuten Pilates, um so 190 Kalorien zu verbrennen.»

Der Ratschlag stammt nicht etwa von einem Arzt oder einem Fitnesscoach, sondern vom IBM-Supercomputer Watson. Die Verbindung zwischen Nutzer und Watson stellt eine App her. Anhand der Anwendung kann der Nutzer konkrete Fragen zu seiner Gesundheit stellen, die dann von Watson beantwortet werden. Was für viele wie Science-­Fiction klingt, soll noch diesen Sommer Realität werden. Die App namens OME wird von der Start-up-Firma Pathway Genomics in Kalifornien entwickelt. Zu den Investoren zählt IBM selber.

Die zahllosen Apps und die tragbaren Messgeräte (Wearables) sind es, die derzeit die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorantreiben. Von der Yoga­anleitung über Schmerztage­bücher bis hin zur Diabetes-App gibt es mittlerweile rund 100'000 Anwendungen, die von Personen – gerade auch in der Schweiz – intensiv genutzt werden. Der Grund für den Boom liegt im gestiegenen Gesundheitsbewusstsein der Menschen, das sich etwa in der grossen Nachfrage nach Biolebensmitteln oder Wellnessange­boten zeigt, wie der Wirtschaftsberater Deloitte in einer Studie schreibt.

Die Erwartungen an die Apps und Wearables sind gross. Dank ihnen soll der Nutzer beispielsweise chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes vorbeugen. Gleichzeitig wird die Diagnose und die Überwachung von Patienten aus der Ferne einfacher werden, was deutlich weniger Spitalaufenthalte zur Folge hat, so die Hoffnung. Gemäss Schätzungen könnten mit mobilen Anwendungen weltweit rund 290 Milliarden Dollar eingespart werden, immerhin rund 4,5 Prozent der globalen Gesundheitsausgaben.

Enormes Sparpotenzial

Die Apps sind mit Abstand der sichtbarste Teil innerhalb der Digitalisierung des Gesundheitswesens und somit für den Konsumenten greifbar. E-Health geht jedoch weit über Apps und Wearables hinaus. Die Verfechter der Digitalisierung sind überzeugt, dass die Prozesse im Gesundheitswesen dank dem Einsatz moderner Technologien viel ­effizienter gestaltet werden können. Das sind oft weit weniger spektakuläre Massnahmen, aber sie sind für das ganze System viel wichtiger. Nach Ansicht von Experten werden Patienten künftig nicht mehr die gleiche Untersuchung zweimal machen müssen, weil das letzte Röntgenbild gerade nicht greifbar ist. Der Papierkrieg soll eingedämmt werden, indem die Überweisung eines Patienten in ein Spital künftig elektronisch abgewickelt wird, ebenso der Austrittsbericht, der zurück zum Hausarzt geht.

Diese und noch viel mehr Daten sollen künftig im elektronischen Patientendossier (EPD) zusammengefasst werden und für die zuständigen Ärzte, Spitäler und Pflegezentren abrufbar sein – auch für den Patienten selber. Das EPD wird damit zum Dreh- und Angelpunkt für alle Akteure im Gesundheits­wesen.

Greift die Digitalisierung auf allen Ebenen des Gesundheitswesens, sind weit grössere Einsparungen möglich als mit den Apps alleine. Grobe Schätzungen sprechen weltweit von einem Sparpotenzial von 10 bis 20 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben. Allein für die Schweiz rechnen Experten mit Einsparungen in Milliardenhöhe. Als Erstes sollen hierzulande Überweisungen und Austrittsberichte digitalisiert werden. Hier könnten 150 Millionen Franken gespart werden, rechnet die Swisscom in einer Studie vor. Die Ex-Monopolistin im Telecommarkt ist neben der Post der grösste Anbieter von E-Health-Lösungen. Im Vergleich zu den Gesamtkosten des Gesundheitswesens von über 70 Milliarden Franken ist dies wenig. Würden jedoch alle 250 Millionen Papierdokumente im Gesundheitswesen künftig elektronisch übermittelt, so könnten laut Swisscom 2 bis 3 Milliarden Franken an Kosten vermieden werden. Fielen künftig doppelte Untersuchungen weg, liesse sich vermutlich nochmals viel Geld einsparen.

Dagegen ist umstritten, wie stark ­E-Health die Qualität im Gesundheits­wesen verbessern wird. «Die Digitalisierung wird keine Revolution der ärztlichen Behandlungen zur Folge haben», sagt Urs Stoffel, der im Zentralvorstand der Ärztegesellschaft FMH für E-Health zuständig ist. Nur weil das Patientendossier und die Krankengeschichte künftig elektronisch geführt würden, werde ein Blinddarm nicht anders behandelt. Man müsse hier klar unterscheiden: Effizientere Prozesse und das ­Vermeiden von Doppeluntersuchungen ­bedeuteten noch lange nicht bessere ­Behandlungserfolge, sagt der Chirurg.

Mittelfristig könne die Behandlungsqualität sehr wohl von E-Health profitieren, sagt Professor Henning Müller, Leiter des Bereichs E-Health an der Fachhochschule Westschweiz in Siders. Er nennt als Beispiel seltene Krankheiten. Oft behandelten einzelne Spitäler pro Jahr nur wenige Fälle. Die daraus erstellten klinischen Studien könnten aufgrund der geringen Fallzahl zu falschen Schlüssen führen. «Wenn die Resultate mehrerer Spitäler oder ganzer Regionen zusammengefasst werden, können viel verlässlichere Resultate ermittelt werden», sagt Müller. Selbst bei weitverbreiteten Krankheiten wie Herzinfarkten können Daten rasch und besser ausgewertet werden, wenn sie elektronisch verfügbar sind und einheitlich erfasst werden. Daraus liessen sich neue Erkenntnisse für die Behandlung einer Krankheit gewinnen, sagt Müller. Das Stichwort hierzu lautet Big Data.

Zahlreiche Hürden

Noch ist das Gesundheitswesen vielerorts aber technisch noch längst nicht ­soweit, gerade auch in der Schweiz. «Gegenüber Vorreitern wie den USA, Dänemark, Schweden oder Estland steckt die Digitalisierung der Arztpraxen hierzulande noch in den Kinderschuhen», sagt Stoffel. Während in den USA bereits bis zu 80 Prozent der Ärzte irgendeine Art von elektronischer Krankengeschichte nutzen, sind es in der Schweiz lediglich rund ein Drittel.

Verfechter der E-Health-Bewegung nennen oft die Ärzte als Bremser. Gerade jene Generation, die 55 Jahre und älter ist, hat kurz vor der Pensionierung kaum noch einen Anreiz, den Schritt ins digitale Zeitalter zu machen. Die benötigte Software ist teuer, die elektronische Erfassung der Krankengeschichte aller Patienten sehr aufwendig. ­Neben den Ärzten ist die technische Umsetzung eine weitere grosse Herausforderung. Die Gefahr besteht, dass einzelne Kantone und Involvierte im Gesundheitswesen mit Insellösungen starten, die dann aufgrund fehlender Schnittstellen nicht miteinander kommunizieren können. In diesem Fall würde sich das Sparpotenzial deutlich verringern.

Abgesehen von den zahlreichen Hürden, die sich auf dem Weg zur Digitalisierung stellen, haben die Akteure im Gesundheitswesen auf Dauer ohnehin keine andere Wahl, als E-Health voranzutreiben. Die Patienten würden digitale Lösungen immer stärker einfordern, sagt Stefano Santinelli, Leiter Health bei der Swisscom. «Letztlich wollen sie nicht nur ihre Schritte zählen oder ihren Puls messen, sondern jederzeit Zugang zu ihren Gesundheitsdaten haben.»

Die grosse Sympathie für E-Health könnte jedoch rasch kippen, sollte sich herausstellen, dass der Datenschutz und die Sicherheit vor Hackerangriffen nicht gewährleistet ist. Zumindest der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte hat hier klare Vorstellungen. Das elektronische Patientendossier müsse so ausgestaltet sein, dass behandlungsrelevante Daten wie Untersuchungsergebnisse und Diagnosen klar von denjenigen Daten getrennt würden, die der Nutzer mittels Wearables oder Apps generiert und selber hinzufüge. «Eine Auswertung der Patientendaten ist erst dann erlaubt, wenn die betroffenen Nutzer ausdrücklich und freiwillig eingewilligt haben», sagt Sprecher Francis Meier.

Viele App-Nutzer sind sich nicht ­bewusst, was sie mit den gesammelten Daten alles preisgeben. «Auch auf den ersten Blick unverfängliche Informationen können viel über unser Verhalten, unsere Gewohnheiten oder unsere ­körperliche und psychische Verfassung aussagen», sagt Meier. An solchen Daten können Arbeitgeber oder Ver­sicherer ein grosses Interesse haben. Der eidgenössische Datenschützer rät deshalb zu ­grosser Zurückhaltung. «Der Nutzer soll sich gut überlegen, welche Dienste er nutzen will und was der ­Anbieter mit den gesammelten Daten macht», sagt Sprecher Francis Meier.

Der gläserne Patient

Letztlich wäre es für gewisse Firmen dereinst ein Leichtes, ein ausgeklügeltes Risikoprofil eines Kunden zu erstellen. Ein Branchenkenner, der nicht genannt sein will, macht ein Beispiel mit Unternehmen wie etwa Coop. Der Detailhändler sammelt über seine Sparten und Tochtergesellschaften verschiedenste Daten, von der Supercard über die hauseigene Apothekenkette Vitality bis hin zur Bank Coop. Daraus könne die Versicherungstochter von Coop ein Profil ­erstellen, um etwa genetisch vorbelastete Menschen auszuschliessen. Selbstverständlich werde jede Firma bestreiten, eine solche Verknüpfung der Daten auch nur ansatzweise anzustreben. Technisch möglich wäre es dennoch ohne weiteres.

Das Parlament hat diesen Sommer ein Gesetz zum elektronischen Patientendossier verabschiedet, welches den Anforderungen des obersten Datenschützers des Landes genügt. Entscheidend sei aber nun, wie die Verordnung zum Gesetz ausgestaltet werde, sagt Meier. «Wir werden grosses Gewicht ­darauf legen, wie zentrale Aspekte wie die Freiwilligkeit auf Patientenseite und die dezentrale Datenspeicherung in der Verordnung verankert werden.»

Korrekt (Nachtrag vom 4. September 2015):
Nicht im Besitz von Coop

Dieser Artikel impliziert, dass sich die Bank Coop im Besitz von Coop befindet. Dies ist falsch. Die Bank Coop ist eine Tochtergesellschaft der Basler Kantonalbank. Coop legt Wert auf die Feststellung, dass sie keine Versicherung besitzt. So ist etwa die Coop-Rechtsschutzversicherung, anders als der Name dies vermuten liesse, nicht im Besitz von Coop. Das Unternehmen hält zudem fest, dass die im Artikel beschriebene Art des Datenaustauschs nicht stattfindet und es keine Anhaltspunkte gibt, dass Coop dies plant. (TA)

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.08.2015, 19:43 Uhr)

Korrekt

Nicht im Besitz von Coop

Der Artikel «Das Netz als Arzt und Apotheker» impliziert, dass sich die Bank Coop im Besitz von Coop befindet. Dies ist falsch. Die Bank Coop ist eine Tochtergesellschaft der Basler Kantonalbank. Coop legt Wert auf die Feststellung, dass sie keine Versicherung besitzt. So ist etwa die Coop-Rechtsschutzversicherung, anders als der Name dies vermuten liesse, nicht im Besitz von Coop. Das Unternehmen hält zudem fest, dass die im Artikel beschriebene Art des Datenaustauschs nicht stattfindet und es keine Anhaltspunkte gibt, dass Coop dies plant. (TA)

Digitalisierung

Wie sich unser Leben verändert

Das Internet vernetzt die Gesellschaft, die Automatisierung verändert die Industrie, Roboter übernehmen unsere Arbeit: Die Digitalisierung dringt immer weiter in unser Leben vor. Bereits gibt es Ökonomen, die der technischen Entwicklung eine grössere Wirkung vorhersagen als etwa der Erfindung von Dampfmaschine oder Elektrizität. Der TA geht dem Phänomen in einer Serie nach und beleuchtet die Folgen der Veränderung.

Nächste Folge: 3-D-Drucker (10)

«Tages-Anzeiger»-Forum Health 2.015

Die Digitalisierung verändert eine Branche nach der anderen. Gerade im Gesundheits­wesen sind die Chancen, aber auch die Herausforderungen der digitalen Transformation besonders gross. Am «Tages-Anzeiger»-Forum «Health 2.015 – Die neuen Spielregeln des digitalen Gesundheitssystems» am 1. September 2015 treffen sich Visionäre und ausgewiesene Praktiker aus den Gesundheitsinstitutionen, den öffentlichen Ämtern, der Versicherungsindustrie und der ICT-Welt, um die nächsten Schritte der digitalen Transformation im Gesundheitswesen zu identifizieren. Gewinnen Sie ein Ticket zur Konferenz unter www.forum-executive.ch/health2015/gewinnspiel. (TA)

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