Der Abwracker der Nation

Heinz Karrer war Chef der Axpo und ist noch Präsident von Kuoni. Beide Konzerne stehen heute nicht gut da. Sich selbst sieht Monsieur Economiesuisse dennoch auf Kurs.

Wenig überzeugende Bilanz als Wirtschaftsführer: Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer. Foto: Daniel Winkler (13 Photo)

Wenig überzeugende Bilanz als Wirtschaftsführer: Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer. Foto: Daniel Winkler (13 Photo)

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Elf Jahre lang war Heinz Karrer, einer der bekanntesten Wirtschaftsführer des Landes, CEO des Stromkonzerns Axpo. Vor gut zwei Jahren ging er von Bord, dann krachte das Axpo-Gebilde zusammen. Verlust 2014: 730 Millionen Franken; Verlust 2015: 990 Millionen. Keiner zeigte auf Karrer und seine Mitstreiter, alle gaben dem Markt die Schuld. Die internationalen Strompreise seien halt in den Keller gerasselt und hätten die Schweizer Atom- und Wasserkraft in ein Verlustloch verwandelt.

Gestern war der Reisekonzern Kuoni mit Hiobsbotschaften an der Reihe. Dort sitzt Karrer seit 2007 im Verwaltungsrat, im April 2014 übernahm er das Präsidium. Das Unternehmen erlitt im zurückliegenden Jahr fast 300 Millionen Franken Verlust. Auch in dieser Niedergangssaga rückte nicht Karrer in den öffentlichen Fokus, sondern das Management. Im Herbst wurde der Kuoni-CEO abgesetzt.

Karrer ist ein Teflon-Manager. Das erstaunt: Immerhin ist er Präsident des Wirtschafts-Dachverbands Economiesuisse. Seine Bilanz als Wirtschaftsführer aber ist wenig überzeugend. Selbst sieht der 56-Jährige seine Leistung anders. «Schon zu meiner Zeit bei der Axpo waren die Grosshandelspreise im Stromgeschäft von 2009 bis 2013 massiv gesunken, von gegen 100 auf 35 Euro pro Megawattstunde und der Euro-Franken-Kurs von über 1.60 auf 1.20», verteidigt er sich. Das Umfeld sei «längst schwierig» geworden, «entsprechend mussten auch Bewertungskorrekturen vorgenommen werden». Trotzdem sei die Axpo «bis 2013 in der Gewinnzone» geblieben.

Motto «Stromlücke Schweiz»

Doch spätestens Ende 2009 zeichnete sich ab, dass durch das Einspeisen von günstigem und subventioniertem Strom vor allem in Deutschland die Preise unter Druck geraten würden – und zwar nachhaltig. Statt sich mit diesem Szenario auseinanderzusetzen, hielten Karrer und seine Axpo-Manager an ihrem alten Credo fest. Die Preise werden langfristig immer nur in eine Richtung gehen: nach oben. Der ungebrochene Glaube an den steten Überhang der Nachfrage nach Strom manifestierte sich in den Worten «Stromlücke Schweiz». Sie wurden zum Leitmotto an Auftritten und in Berichten der Stromlobby. Nicht das sich deutlich abzeichnende Überangebot wurde thematisiert, sondern im Gegenteil die Gefahr einer Unterversorgung wurde von Axpo und anderen Stromkonzernen an die Wand gemalt.

Daraus folgte die Losung, stets mehr Strom zu produzieren. Viel mehr. Kritische Stimmen in den grossen Schweizer Stromfirmen blieben ungehört. «Ewig steigende Strompreise wurden zur Geisteshaltung der gesamten Branche», sagt eine Ex-Axpo-Manager, der in der Phase, als die Preise einzubrechen begannen, dabei war. Das doktrinäre Denken habe zu typischen Missständen geführt. Karrer habe sich mit Gleichdenkenden umgeben, anstatt vorurteilslos Risiko-Analysen durchzuführen und Worst-Case-Szenarien vorzubereiten. Dabei wäre eine Schadensbegrenzung ab 2010 möglich gewesen, meint der Gesprächspartner. In Italien hätte die Axpo damals Kraftwerke verkaufen und dank dem eigenen Handelsgeschäft ihre grossen und teuren Inlandkapazitäten absichern können – das heisst: Strom zum damals noch höheren Preis auf Termin verkaufen und so gegen das Risiko weiter sinkender Preise vorsorgen.

«Die Zahlen lagen auf dem Tisch», meint der Insider, «in Deutschland und anderswo publizierten die Mitstreiter den Ausbau der Kapazitäten.» Erst nach Karrers Abgang riss die neue Axpo-Leitung das Steuer herum. Nun zeichnete sie die Zukunft düster: mit anhaltend tiefen Grosshandelspreisen, welche die inländischen Werke in den Büchern auf lange Sicht hinaus unrentabel machten.

Bei Kuoni, seinem zweiten grossen Unternehmen, war Karrers Timing mehr als unglücklich. Am 14. Januar 2015, einem Mittwoch, gaben er und sein Verwaltungsrat bekannt, dass Kuoni ihr Schweizer und internationales Reisegeschäft abstossen wolle. Ein stolzer Teil des Umsatzes und ein Grossteil der Mitarbeiter sollten bei einem neuen Eigentümer landen. Nur gut 24 Stunden später gab die Nationalbank den Franken frei, der Euro stürzte ungebremst in die Tiefe. Kuoni war davon besonders betroffen. Die schon zuvor dünnen Margen im umkämpften Reisegeschäft drohten ganz zu verschwinden.

Schlecht verhandelt?

Doch das war sicher Pech. Weniger unverschuldet war jedoch, was folgte. Heinz Karrer und seine Leute führten den Verkaufsprozess aus der Defensive heraus – darauf deutet der erzielte Kaufpreis hin. Insgesamt gut 200 Millionen Franken lösten die Schweizer für ihr Kerngeschäft. An internen Mitarbeiterveranstaltungen habe ein Verantwortlicher von Rewe – der Käuferin – von einem deutlich höheren möglichen Verkaufserlös gesprochen, sagt ein Kuoni-Mitarbeiter.

Karrer bestreitet das. Bewusst habe man einen «Bieterwettbewerb für das Schweizer und europäische Reise­geschäft durchgeführt», sagt der Noch-Präsident der Restgruppe, die nun ebenfalls verkauft wird. «Damit», so Karrer, «stellten wir sicher, dass derjenige das Rennen macht, der Kuoni die besten unternehmerischen Perspektiven bieten kann und den besten Preis für das Geschäft offeriert.»

Heinz Karrer sagt, er werde «selbstverständlich» auf die «unternehmerischen Herausforderungen und den Verkauf von Kuoni sowie die Probleme im Schweizer Stromgeschäft angesprochen». Doch das bleibt offenbar ohne Folgen. «Ich erlebe seit meinem Amts­antritt vor zweieinhalb Jahren Unterstützung von den Economiesuisse-Mitgliedern», sagt Heinz Karrer.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.03.2016, 23:01 Uhr)

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