Der Elektrobus ohne Leitung rollt an

Kein Kabelsalat am Himmel mehr, keine aufwendigen Weichen und Kreuzungen: Wie der Industriekonzern ABB die Fahrleitungen für Busse zum Verschwinden bringen will.

Freie Sicht zum Himmel: Schnell ladende Batterien könnten solche Busleitungen zum Verschwinden bringen. Foto: Mauritius Images

Freie Sicht zum Himmel: Schnell ladende Batterien könnten solche Busleitungen zum Verschwinden bringen. Foto: Mauritius Images

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Wer an eine Grossstadt denkt, der denkt früher oder später auch an den ÖV. An die Trams, die Busse und ihre zahlreichen Oberleitungen, die den Himmel ob der Strasse wie Spinnennetze überziehen. Doch gerade Letztere könnten in nicht allzu langer Zeit der Vergangenheit angehören. Daran arbeiten jedenfalls Industriefirmen wie ABB, Siemens oder die Hess AG.

ABB etwa forscht schon seit Jahren am Elektrobus ohne Oberleitung. 2016 dürfte die Firma ihrem Ziel ein gutes Stück näher kommen. In Belgien ist soeben das zweite Projekt von ABB mit Volvo Buses gestartet. Die Stadt Namur, Hauptort der wallonischen Region mit rund 100'000 Einwohnern, bekommt bis Ende 2016 elf neue Elektrohybridbusse. Das Besondere: Zum Aufladen ihrer Batterien müssen die Busse nicht mehr ins Depot zurückkehren. Das passiert innert weniger Minuten direkt bei den Endhaltestellen.

5 Millionen für den Praxistest

In der Schweiz geht es vor allem in Genf vorwärts. Schon 2013 wurde dort der erste elektrische Gelenkbus ohne Oberleitung von ABB eingeweiht. Auch diese Busse fahren zum Laden nicht in die Depots. Sie erledigen das direkt bei den Stopps an den Haltestellen über eine spezielle Vorrichtung im Dach. Der Pilotbetrieb mit diesem System dauerte bis 2014 und kostete rund 5 Millionen Franken. Im Frühling letzten Jahres wurde bekannt: Aus dem Pilotprojekt wird ein Praxistest. Ab Dezember 2016 verkehren die leitungslosen Busse auf der Linie 23 durch Genf und Umgebung. Bis anhin waren dort Dieselbusse unterwegs.

«In Genf geht ABB sogar noch einen Schritt weiter als in Belgien, weil die Genfer Busse rein elektrisch betrieben werden», sagt Michael Schwertner vom Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme der ETH Zürich. Auch Schwertner glaubt, dass die langfristige Zukunft oberleitungsfrei sein werde. Das mache die Busfahrt flexibler, weil die Bindung an die Oberleitungen entfalle. Ausserdem brauche es keine aufwendigen Installationen wie beispielsweise Weichen und Kreuzungen mehr. Andere betonen vor allem den optischen Vorteil, so etwa Verkehrsministerin Doris Leuthard. Die Fahrleitungen störten viele Stadtbilder beträchtlich, sagte sie bei der Einweihung des Pilot­betriebs in Genf.

Sind die neuen Systeme aber auch billiger als die bewährten? Die Genfer Verkehrsbetriebe (TPG) rechnen jedenfalls nicht mit höheren Kosten als beim heutigen Betrieb. Verkehrsexperte Schwertner ist noch etwas vorsichtiger. «Die Batterien durchlaufen beim ständigen Wiederaufladen mehr Ladezyklen und altern deshalb schneller. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie während der Lebensdauer einer Busflotte ersetzt werden müssen, was das System verteuert.» Weil die reinen Elektrobusse aber nirgends längere Zeit im Einsatz gestanden seien, lasse sich der Kosteneffekt noch nicht abschätzen. Anders sieht es laut Schwertner bei Verkehrsbetrieben aus, die noch immer mit Dieselbussen unterwegs sind. «Für sie lohnt sich der Umstieg auf ein System ohne Oberleitungen, weil er kaum teurer als der Umstieg auf den Trolleybus werden dürfte.» Er sieht hier denn auch das grösste Potenzial für die neue Technologie.

VBZ «prüfen Systeme»

Bei ABB rechnet man jedenfalls fest damit, dass das eigene System in der Schweiz eines Tages auch ausserhalb Genfs zum Einsatz kommen werde. «Die lokalen Behörden oder Schweizer Städte werden entscheiden, ob sie mit Hybridfahrzeugen wie in Namur beginnen oder vollständig elektrisch angetriebene Busse wählen», sagt Unternehmenssprecherin Sandra Wiesner.

Bis die oberleitungsfreien Busse zum Alltag werden, dürften allerdings noch einige Jahre vergehen. Das zeigt sich am Beispiel der Stadt Zürich. Hier ist gerade eine Ausschreibung für neue Busse im Gang, der Zuschlag erfolgt laut den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) voraussichtlich im kommenden Sommer. Infrage kommen laut Sprecher Thomas Rieser allerdings nur klassische Hybridbusse, bei denen der Elektro- den Diesel­antrieb unterstützt, und zwar ohne externe Aufladung der Batterie. Der Grund: Für die Schnellladesysteme brauche es zusätzliche Infrastruktur auf der Strecke. «Die VBZ sind aber dabei, die Möglichkeiten der Systeme auf dem Weg zum reinen Batteriebus zu prüfen», sagt Rieser. «Wir werden sie allenfalls auch einsetzen, sollte sich dies als sinnvoll erweisen.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.02.2016, 20:50 Uhr)

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