Der Ladenöffner

Die noch kurze Geschichte von Lidl in der Schweiz ist bewegt. Sogar über einen Rückzug wurde spekuliert. Jetzt will der Lidl-Schweiz-Chef mit mehr Transparenz punkten.

Nächtliche Ruhe vor dem täglichen Ansturm: Lidl-Filiale in Hofstetten-Niederglatt. Foto: Reto Oeschger

Nächtliche Ruhe vor dem täglichen Ansturm: Lidl-Filiale in Hofstetten-Niederglatt. Foto: Reto Oeschger

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Der Detailhandel durchlebt schwierige Zeiten. Die bisher veröffentlichten Zahlen zum letzten Jahr zeigen, dass sowohl Coop als auch Migros stagnieren oder gar Umsätze in ihren Supermärkten verloren haben. Doch nicht alle im Markt sind gleichermassen von dieser Detailhandelskrise erfasst worden. Der Discounter Lidl hat laut Branchenbeobachtern den Umsatz von 800 auf rund 870 Millionen Franken steigern können. Das wäre ein Umsatzwachstum um fast 9 Prozent. Georg Kröll, Chef von Lidl Schweiz, spricht von «einem deutlichen einstelligen Plus», das erzielt worden sei. Obwohl auf dem Sortiment die Preise um weit über 3 Prozent gesunken seien.

Krölls Aussage überrascht in ihrer Deutlichkeit. Für Lidl-Verhältnisse plaudert der neue Chef schon fast Geheimnisse aus. Der deutsche Discounter ist sonst sehr zurückhaltend mit Angaben zum Geschäftsverlauf. Dass Kröll mehr Einblick zulässt, ist Teil einer Strategie für den Schweizer Markt. Es geht darum, mehr Transparenz zu schaffen und damit glaubwürdiger und vertrauenswürdiger zu erscheinen.

Im Hintergrund hat diese Öffnung schon vorher eingesetzt. Bereits Krölls Vorgänger hat in diese Richtung gewirkt und versucht, Lidl besser in der Schweiz zu verankern. Kröll geht diesen Weg nun weiter. Er unterteilt die bisherige Geschichte von Lidl in der Schweiz in drei Abschnitte:

  • Lidl 1.0: Die Phase vor und nach dem 19. März 2009, als die ersten 13 Lidl-Filialen ihre Türen öffneten. An der Spitze von Lidl Schweiz stand damals Andreas Pohl, der erste von drei Lidl-Chefs innerhalb von sechs Jahren. Pohl setzte sich für einen Gesamtarbeitsvertrag mit den Gewerkschaften ein. Er verliess Lidl im Herbst 2011. An seine Stelle trat Matthias Opitz. «Ein Bayer, der die Schweizer Produkte als Faktor entdeckte», wie Urs Schneider, stellvertretender Direktor des Schweizerischen Bauernverbandes und Präsident von Agro-Marketing Suisse, sagt. Schneider trifft die Lidl-Spitze regelmässig zum Austausch.
  • Lidl 2.0: Unter Opitz begann die nächste Phase, während der das Unternehmen die Swissness gegenüber den Kunden bis zur Schmerzgrenze auszureizen begann. In der Ära Opitz konnte Lidl auch erstmals einen Gewinn ein­fahren. Ziemlich genau drei Jahre nach dem Markteintritt, wie Insider sagen. Zudem sei es Opitz gelungen, Lidl zu einem zweistelligen Umsatzwachstum zu verhelfen. Aufgrund seiner Leistung wurde er im Herbst 2014 in den Länder-Vorstand befördert und ist nun für mehrere Länder zuständig, darunter auch die Schweiz. Nachfolger Kröll kam von Lidl Griechenland in die Schweiz.
  • Lidl 3.0: Mit Kröll soll sich nun der Detailhändler weiter öffnen und noch schweizerischer werden. Ein Beispiel dafür ist das neue Konzept «Klein, aber fein». In Anlehnung an die Migros-Variante «Aus der Region für die Region» und «Miini Region» von Coop vertreibt Lidl ab diesem Monat lokale Spezialitäten im ganzen Schweizer Filialnetz. Die Aktion soll für die Kunden den deutschen Discounter zum Schweizer Supermarkt machen. Gleichzeitig hat sie auch zum Ziel, den Kontakt mit Produzenten herzustellen. Schliesslich wurden aus 650 Produktvorschlägen rund 100 ausgewählt, die für das Programm infrage kamen.

Kampf um Knospe und Käfer

Gleichzeitig will Kröll punkto Nachhaltigkeit vorwärtskommen. Zum ersten Mal überhaupt kommuniziert der Discounter spezifische Nachhaltigkeitsziele bei Rohstoffen. Bereits heute arbeitet Lidl mit verschiedenen Labels – von Fair Trade mit Max Havelaar bis FSC und MSC für Holz und Fisch. Auch ein Bio-label ist dabei – allerdings nur ein hauseigenes. Bei den Schweizer Kunden etablierte Labels, wie dem Marienkäfer von IP Suisse und der Knospe von Bio Suisse, ist der Discounter nicht involviert. Obwohl er Produkte von zertifizierten Produzenten im Angebot hat, dürfen die Logos nicht aktiv für die Produktewerbung eingesetzt werden. Lidl bemüht sich aber offenbar derzeit intensiv darum, sich stärker zu engagieren.

Erst vor wenigen Tagen hat Lidl mit IP Suisse Kontakt aufgenommen, um in einen Dialog zu treten, wie Geschäftsführer Fritz Rothen bestätigt. «Für ein erstes Gespräch ist IP Suisse bereit», sagt Rothen. Auch mit Bio Suisse ist Lidl in Kontakt. Sprecher Lukas Inderfurth attestiert dem Discounter: «Das Verständnis für den Biolandbau in der Schweiz hat sich bei Lidl seit dem Markteintritt verbessert. Wir sind stets offen für Gespräche.» Über den Fortschritt der Verhandlungen und wo die Positionen noch nicht übereinstimmen, will Bio Suisse keine näheren Angaben machen. Dass die Branchenverbände dem Discounter gegenüber grundsätzlich wohlwollend gestimmt sind, hat auch mit dessen Einkaufspolitik zu tun. Der befürchtete Preisdruck auf die Produzenten ist nämlich ausgeblieben. «Lidl zahlt vergleichbare, marktgerechte Preise. Bei Obst und Gemüse haben wir Rückmeldungen von guten Preisen», sagt Urs Schneider.

Umbau für mehr Umsatz

Offen ist, wie gross der Druck der grossen Konkurrenten, namentlich Coop und Migros, auf die Verbände bleibt. Die haben sicher keine Freude, wenn Lidl sich mit einem Label schmücken kann, welches ihnen Wachstum und schöne Margen verspricht.

Neben dieser Öffnung gegenüber Verbänden und Produzenten will Lidl-Chef Kröll auch die Beziehung zu den Kunden verbessern. Hier steht auf der Prioritätenliste ganz oben der Umbau der Filialen. Bis Ende letzten Monat hat Lidl 40 der 100 Standorte erneuert. Bis Ende 2016 soll das Projekt abgeschlossen sein. Der Frischebereich mit Gemüse und Obst erhält mehr Platz und wird in die Nähe des Eingangs gerückt. Dafür wird der Platz für die Tiefkühlware reduziert. Auch die Kassen sind vom Umbau nicht ausgenommen. Für die Kunden soll es angenehmer werden, die Waren aufs Band zu legen und einzupacken, nachdem die Kassierin sie über den Scanner gezogen hat. Bei der Neugestaltung werden die teilweise erst wenige Monate alten Kassen ebenfalls ersetzt – sie sollen verkauft werden.

Der Grossumbau erfolgt, nachdem Lidl gerade einmal sechs Jahre auf dem Schweizer Markt ist. Lidl lässt ihn sich mehr als 30 Millionen Franken kosten. Insgesamt hat Lidl laut Kröll seit Markteintritt 1 Milliarde Franken in das Schweizer Geschäft investiert. «Eine Investition in dieser Höhe innerhalb von sechs Jahren ist bei einem Unternehmen unserer Grösse beispiellos», sagt Kröll. Aus den Erfahrungen mit den ersten umgebauten Filialen leitet er ab, dass sich der Umbau rasch auszahlen wird. Kröll gibt sich deshalb optimistisch. «Wir gehen davon aus, dass wir auch in diesem Jahr eine positive Umsatzentwicklung erreichen werden. Flächenbereinigt», so der Lidl-Mann.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.03.2016, 23:29 Uhr)

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