Der stille Abgang des Doyens

Der Bankier Hans Vontobel ist am Sonntag im 100. Altersjahr verstorben.

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Hans Vontobel war kein normaler Bankier. Es gibt wenige Bankenchefs, bei denen Journalisten nach einem Interview so ins Schwärmen gerieten wie bei ihm. Er war ein angenehmer, kritischer, humoriger und spannender Gesprächspartner. Sein Wissen schöpfte er aus einem riesigen Erfahrungsschatz. Er konnte auf eine vielfältige und jahrzehntelange Karriere auf dem Schweizer Finanzplatz zurückblicken. Oft wurde er als Doyen des Schweizer Finanzplatzes bezeichnet. Also als eine Persönlichkeit, die die Branche besonders geprägt hat. Am Sonntag starb Hans Vontobel 99-jährig.

Seine lange Karriere begann er 1943 bei der von seinem Vater Jakob sieben Jahre zuvor gegründeten Bank. 1951 wurde er Teilhaber des Instituts. 1984 wurde er Verwaltungsratspräsident, ab 1991 ihr Ehrenpräsident. Unter ihm entwickelte sich die Bank Vontobel hervorragend. Als Hans Vontobel in die Bank eintrat, zählte sie ein Dutzend Mitarbeiter. «Acht Krisen später», wie Vontobel einst im Interview mit der «Handelszeitung» sagte, beschäftigt das Unternehmen mehr als 1300 Mitarbeiter und zählt zu den wichtigsten Banken auf dem Zürcher Finanzplatz.

Geld bestimmt nicht das Glück

Vontobel war bei den Mitarbeitern der Bank beliebt. Er suchte das Gespräch, und das Fördern von jungen Talenten war ihm ein Anliegen. Grossen Wert legte er darauf, kurzfristige Entwicklungen nicht überzubewerten und die langfristige Perspektive im Auge zu haben. Als Bankier legte er sein Augenmerk auf Geld, doch es war ihm genauso wichtig, dass Geld eben nicht alles ist und das Glück keine Frage des Reichtums ist. Es war seine Überzeugung, dass Geld nur dann einen Wert hat, wenn es anderen einen Nutzen verschaffe oder Freude bereite. Überrissene Managerlöhne verstand er nicht, genauso wenig wie übertriebene Renditeerwartungen von Bankkunden.

Vontobel eckte mit seiner eigenwilligen Meinung oft an, und doch lag er mit seinen Ansichten vielfach richtig. Er konnte aktuelle Ereignisse mit historischen Begebenheiten vergleichen, die er erlebt hatte. So zog er Parallelen zwischen der Intervention der Schweizerischen Nationalbank zum Euro-Franken-Kurs mit deren Geldpolitik in den 30er-Jahren. Auch wies er schon früh darauf hin, dass das Ende des Bankgeheimnisses für den Finanzplatz zwar schmerzlich, aber nicht entscheidend für den künftigen Erfolg der Branche sei.

Hans Vontobel engagierte sich zudem für die Zürcher Börse, den Schweizer Bankenverband, die Handelskammer Deutschland - Schweiz und die «Neue Zürcher Zeitung». Und er tat sich besonders als grosszügiger Mäzen hervor. Die Vontobel-Stiftung spendet jedes Jahr Millionenbeträge an verschiedene gemeinnützige Zwecke. Vontobel gründete zudem die Stiftung für das kreative Alter, die künstlerisch tätige Pensionäre unterstützt, und die Stiftung Lyra. Diese fördert junge Musiktalente.

Aktien bis 2017 gesperrt

Obwohl er sich schon länger aus dem Tagesgeschäft der Bank zurückgezogen hatte, blieb Vontobel ihr eng verbunden. Sein Einfluss auf das Institut war weiterhin gross. Er ging auch im hohen Alter noch täglich in sein Büro. Stören dürfte er sich daran, dass so kurz nach seinem Tod bereits Übernahmegerüchte zur Bank Vontobel kursieren. Denn genau das Gegenteil wollte er erreichen. Es war ihm ein grosses Anliegen, dass die Bank langfristig von der Familie Vontobel geprägt wird. Bis zu seinem Tod besass er 20,7 Prozent der Aktien der Bank. Was mit seinen Anteilen geschehen wird, ist nicht bekannt.

Ein grosser Teil der Firmenanteile werden von der Vontobel-Stiftung und über die von der Familie kontrollierte Firma Vontrust gehalten. Für rund die Hälfte der Aktien besteht bis Ende 2017 ein Aktionärsbindungsvertrag. Sollte der nicht aufgekündigt werden, wird er um drei Jahre verlängert. Die Spekulationen darüber, ob die Familie die Firmenanteile nach Ablaufen der Frist verkaufen wird, dürften in den kommenden Monaten zunehmen. Bis dahin wird die vierte Generation der Bankiers­dynastie in den Bankgremien Einsitz nehmen. Im April werden zwei Vontobel-Erben in den Verwaltungsrat der Bank gewählt. Es handelt sich um Maja Baumann und Björn Wettergren. Baumann ist Anwältin, Wettergren Partner beim Start-up-Förderer Etventure.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.01.2016, 00:09 Uhr)

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