Die Abwehrschlacht des Dieter Behring

Der Gerichtstermin naht. Aber Financier Dieter Behring versucht, den Prozess im letzten Moment zum Platzen zu bringen – indem er seinen eigenen Anwalt angreift.

Seit über elf Jahren ermittelt die Justiz gegen Dieter Behring, im Juni soll es zum Prozess kommen. Foto: Fabian Biasio (Keystone)

Seit über elf Jahren ermittelt die Justiz gegen Dieter Behring, im Juni soll es zum Prozess kommen. Foto: Fabian Biasio (Keystone)

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Der Palazzo in der Basler Innenstadt ist längst Vergangenheit, den Widerstand organisiert er von einem Häuschen in Gipf-Oberfrick AG aus. Hier lebt Dieter Behring, Angeklagter im grössten Betrugsfall der jüngeren Schweizer Geschichte, hier schreibt er seine Brandreden und lädt Konrad-Adenauer-Zitate auf seine Website («Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, nichts hindert mich, weiser zu werden»). Auch nach über elf Jahren scheint er des Kampfes nicht müde.

Aber seine Lage spitzt sich zu. Nach ausufernden Ermittlungen, Dutzenden Gerichtsentscheiden, über 1500 Medienberichten und einem gescheiterten Chefermittler hat eine Taskforce der Bundesanwaltschaft gegen ihn Anklage erhoben. Im Juni soll der Prozess stattfinden, teilte ihm das Bundesstrafgericht in Bellinzona mit. Der Vorwurf: gewerbsmässiger Anlagebetrug und Geldwäscherei. 800 Millionen Franken sollen im Umfeld seiner Moore-Park-Gruppe verschwunden sein. 2000 Personen sagen, sie hätten Geld verloren.

«Schmierenstück»

Man würde erwarten, dass bei einem solchen Fall ein Team von prominenten Strafverteidigern die Millionen Aktenseiten durchkämmt, um sich für den ebenso prominenten Angeklagten einzusetzen.

Aber so ist es nicht. Behring hat seinen aktuellen Anwalt Roger Lerf seit über zwei Jahren nicht mehr gesprochen. Davor waren nacheinander zwei Anwaltsduos ein- und wieder abgesetzt worden. Um die Frage der Verteidigung ist ein erbitterter Streit entbrannt, der das ohnehin schon verworrene Verfahren weiter in Schieflage bringen könnte. Der Angeklagte nennt seinen heutigen Anwalt einen «schönen Lausbuben» und will ihn mit allen Mitteln loswerden.

Alleine ist er trotzdem nicht. Bruno Steiner steht ihm zur Seite. Der Zürcher Ex-Richter und Anwalt, der aus Protest schon aus einer laufenden Gerichtsverhandlung marschiert ist, arbeitet nach eigenen Angaben «pro bono» für Behring, also unentgeltlich, im Schatten des amtlichen Verteidigers. Er hatte zuerst versucht, das Amt offiziell zu kriegen. Weil er aber bereits Behrings Frau verteidigte, die zu Beginn der Untersuchung auch angeschuldigt war, stoppte ihn das Bundesstrafgericht. Es sah einen Interessenkonflikt. Steiner und Behring rannten erfolglos gegen den Entscheid an.

Inzwischen hat Bruno Steiner Hunderte Stunden in das Verfahren investiert. Behring und er sind über die Jahre hinweg Freunde geworden. Wenn der Anwalt ein Fest feiert, sitzt auch Behring mit am Tisch. «Das ist mein letzter Fall», sagt der 67-jährige Zürcher Jurist.

Und den will er nicht kampflos verlieren. Für ihn ist der Prozess ein «Schmierenstück der Sonderklasse», ein «Paradebeispiel für die Missachtung von Verteidigerrechten». In einer neuen, 87-seitigen Streitschrift ans Bundesstrafgericht verlangt er, dass der ganze Fall nochmals neu aufgerollt werde. Man habe ihn als Verteidiger «wie eine Stehlampe ausgeknipst». Stattdessen werde der Angeklagte nun von einem aufgezwungenen Verteidiger vertreten.

«Obstruktives Verhalten»

Aus Sicht der Bundesanwaltschaft ist Behring für dieses Unheil selbst verantwortlich. Sie wirft dem Financier «obstruktives Verhalten» vor und lässt keinen erneuten Wechsel des Verteidigers zu. Behring wolle nur den Fall verzögern. Er habe das Vertrauen seiner Anwälte gezielt untergraben, verunglimpfe sie als «grössenwahnsinnig» oder «Handlanger der Bundesanwaltschaft», kritisiere sie öffentlich auf Facebook und greife sie verbal an.

Alles begann damit, dass Behrings erster Anwalt, mit dem die Zusammenarbeit gut funktionierte, im Jahr 2011 schwer erkrankte. Als Ersatz organisierte die Bundesanwaltschaft nacheinander zwei Zweierteams, die beide innert kurzer Zeit ihr Mandat niederlegten. Das Vertrauensverhältnis zum Klienten sei «erheblich gestört», schrieben sie. Behring wollte Steiner.

Stattdessen erhielt 2012 der Berner Anwalt Roger Lerf den Job. Bundesanwalt Michael Lauber persönlich sprach mit ihm, um ihn dafür zu gewinnen. Das Wirrwarr um die Verteidigung hatte die ohnehin schleppende Untersuchung verzögert, und die Ermittler befürchteten, dass Behring sich in die Verjährung retten könnte.

Man entwarf einen Notfallplan: Sollte zwischen Lerf und dem Angeschuldigten ein Streit ausbrechen, müsste der Anwalt nur noch kontrollieren, ob das Verfahren formell korrekt ablaufe: Ist das Protokoll einer Zeugenbefragung komplett? Werden Deadlines eingehalten? Ansonsten habe er «keine weiteren Handlungen» vorzunehmen, und er sei auch «nicht zuständig für die Erarbeitung einer Verteidigungsstrategie». So steht es im Auftrag, der dem TA vorliegt.

Lerf war einverstanden. Nach einigen Monaten lehnte Behring den «lustlosen» Verteidiger wegen «unprofessionellen Verhaltens» ab – Lerf hatte offenbar angeboten, sich einmal pro Monat zu treffen, Behring hatte mehrere Sitzungen pro Woche gefordert, um den Aktenberg in den Griff zu bekommen. Aus seiner Sicht nahm sich Lerf nicht genug Zeit, um sich einzuarbeiten. Das sei keine Überraschung: «Der auserwählte Lakai der Bundesanwaltschaft wird niemals die Hand beissen, die ihn füttert», ätzt Behring auf seiner Website.

Seither hat Lerf seine Tätigkeit reduziert. Er traf sich nicht mehr mit Behring, an Zeugen-Interviews schickte er meist eine Praktikantin. Trotzdem haben seine Assistenten und er rund 2000 Stunden Arbeit angesammelt – Geldverschwendung, kritisiert Anwalt Steiner.

Die Bundesanwaltschaft gibt zum Verfahren keinen Kommentar ab, Roger Lerf ebenso wenig. Unabhängige Spezialisten zeigen indessen Verständnis für das ungewöhnliche Vorgehen der Bundesanwaltschaft. Der Zürcher Strafverteidiger Thomas Fingerhuth sagt, es müsse möglich sein, dass ein Anwalt gegen den Willen des Angeklagten eingesetzt werde – «ansonsten könnten Prozesse vollkommen blockiert werden». Auch die Kritik Behrings und Steiners, dass Anwalt Lerf «unnötig stundenlang Akten studiere», lässt Fingerhuth nicht gelten: Selbst ein aufgezwungener Verteidiger müsse alles dafür tun, das Beste für seinen Mandaten herauszuholen. Und was genau in dessen Interesse liege, könne ihm niemand sagen. Das müsse er selbst beurteilen.

Verteidiger gegen Verteidiger

Nun steht der Entscheid des Gerichts über Bruno Steiners Eingabe an. Sollten die Richter das Verfahren zurückweisen, wäre das die bisher grösste Niederlage für Bundesanwalt Michael Lauber. Die Strategie, voll auf Dieter Behring selbst zu zielen und die anderen Verdächtigen ausser Acht zu lassen, wäre gescheitert. Und damit womöglich der ganze Fall.

Andernfalls kommt es im Sommer zum Prozess. Aber bevor man über Behrings mutmassliches Schneeballsystem spräche, würden die beiden Anwälte Behrings aufeinandertreffen, um nochmals über die Verteidigung zu debattieren. «Aufeinander losgehen», wie sich Steiner ausdrückt: «Ich bin als streitlustig bekannt.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.01.2016, 19:38 Uhr)

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