«Die Computer-Revolution ist bereits vorbei»

Robert Gordon, führender Kritiker der Technologie-Optimisten, erklärt, warum die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft abgenommen hat und auch künftig tief bleiben wird.

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Die ganze Welt spricht von einer neuen technologischen Revolution. Wieso zweifeln Sie daran?
Ich sage nicht, es gebe keine Innovationen und keinen Fortschritt mehr. Roboter werden weiterentwickelt, das gilt auch für viele neue Computeranwendungen, mit denen unter anderem menschliche Arbeitskraft ersetzt wird. Aber die Veränderungen kommen nicht immer schneller. Dieser Prozess wird sogar langsamer. Wir sehen die Roboter nirgendwo, ausser in der Güterherstellung. Es gibt praktisch keine Roboter im Weiterbildungs- und Medizinsektor, in Restaurants, im Detailhandel.

Die vorhergesagte grosse ­Umwälzung der Gesellschaft findet also nicht statt?
Die wichtigsten Veränderungen durch die Einführung von Computern haben schon vor langer Zeit stattgefunden: die Bewegung weg vom Papier, die Büro­organisation über einen Personal Computer. Die Geschwindigkeit der Kommunikation hat deutlich zugenommen. Das geschah alles schon, bevor es das Internet gab. Mit dem Internet kamen noch Suchmaschinen, Gratisinformationen und E-Commerce dazu.

Dann ist auch der Einfluss der neuen Technologien auf das ­Produktivitätswachstum vorbei?
Genau das zeigen die Daten. In den USA ist das Produktivitätswachstum in den letzten fünf Jahren dramatisch zurückgegangen. Aktuell liegt es für den Privatsektor bloss noch bei 0,5 Prozent pro Jahr. So tief war es in der Geschichte der modernen Wirtschaft noch nie. Die Computer hatten in den späten 90er-und frühen Nullerjahren einen grösseren Einfluss. Aber das ist jetzt vorbei.

Zumindest bis vor kurzem galt das Gesetz von Moore, gemäss dem die Speicherkapazität auf einem Chip sich jedes Jahr verdoppelt.
Das Problem damit ist vor allem, dass moderne Computer schnell genug für alles sind, was wir brauchen. Die meisten Computer haben überdies eine grössere Speicherkapazität, als die Leute nutzen können. Wir haben ein Plateau erreicht, bei dem technische Innovationen nicht mehr viel bringen. Die Leute verspüren heute viel weniger das Bedürfnis, ihren Computer so rasch wie früher auszutauschen. Mein Laptop kann alles machen, was ich brauche.

Was erwidern Sie auf das Argument, die Produktivität werde schlicht nicht richtig gemessen, weil sie die wichtigsten Neuerungen nicht ­richtig erfassen könne?
Die Messung der Produktivität war in den 90er-Jahren noch viel schlechter – also auf dem Höhepunkt der Internet­revolution. Die Statistiken zur Wirtschaftsleistung haben den Beitrag der Computer und ihre steigenden Fähigkeiten auf die Produktivität damals ungenügend erfasst. Diese Fehlmessungen hatten auch eine viel grössere Bedeutung als heute, weil die Computerentwicklung damals viel revolutionärer war. Heute gibt es viel weniger Raum für solche Fehler.

Was sagen Sie zu viel beschworenen Entwicklungen wie selbstfahrenden Autos?
Sie ermöglichen den Leuten bloss andere Unterhaltungsaktivitäten, während sie fahren. Auch der Chauffeur eines Lastwagens tut einiges mehr, als diesen zu fahren. Er hat auch viel Arbeit im Zusammenhang mit den transportierten Gütern. Daher ist durch selbstfahrende Autos und Lastwagen keine höhere Produktivität zu erwarten.

Für viele Menschen scheint Ihre Analyse der eigenen Erfahrung zu widersprechen. Immerhin ­können sie mit ihren Geräten heute sehr viel mehr tun als noch vor zehn Jahren.
Ich bestreite nicht, dass etwa die Smartphones den Nutzen für ihre Konsumenten deutlich gesteigert haben. Sie können diese Geräte nun zu ihrer Unterhaltung in Situationen nutzen, während denen sie zuvor nichts taten – etwa, wenn sie auf einen Zug warten. Aber die Geräte haben nicht viel Einfluss auf die Produktivität der Unternehmen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es Erfindungen, die den täglichen Nutzen für die Leute deutlich stärker gesteigert haben als das Smartphone. Etwa die Einführung von fliessendem Wasser, der Waschmaschine, des Kühlschranks – oder der Rückgang von ansteckenden Krankheiten. Aber auch diese Vorteile für die Menschen haben sich ungenügend auf die Produktivität oder im Bruttoinlandprodukt niedergeschlagen.

Kann es nicht auch sein, dass die Produktivität als Folge der ­Wirtschaftskrise nur temporär geschrumpft ist?
Wenn es früher eine Rezession gab, ging die Produktivität tatsächlich zurück, weil die Unternehmen sich mit Entlassungen zurückhielten. Weil aber der Absatz zurückging, geschah das auch mit dem Ausstoss pro eingesetzte Arbeitsstunde, also mit der Produktivität. Zumindest in den USA war das in der Rezession von 2009 anders. Die Unternehmen haben dramatisch Arbeitsplätze abgebaut, sogar in einem grösseren Ausmass, als ihr Absatz zurückging. Deshalb ist die Produktivität damals sogar gestiegen. Wenn ich mich auf den Rückgang der Produktivität beziehe, spreche ich von den Jahren seit 2010.

Sie selber betonen immer wieder, dass es viele Jahre brauche, bis technologische Innovationen voll auf die Produktivität durchschlagen. Es kann doch sein, dass die Wirkung der jüngsten Innovationen ebenfalls erst später richtig durchschlägt?
Es gibt zwei Beispiele in der Geschichte, als technologische Innovationen die Produktivität erst mit grosser Verzögerung deutlich erhöhten: Nach der Erfindung des Elektromotors 1880 dauerte das 40 bis 50 Jahre. Das zweite Beispiel ist die Erfindung des ersten Mainframe- Computers in den 60er-Jahren. Der Einfluss dieser Erfindung auf die Produktivität zeigte sich erst in den 90er-Jahren. Er ist bereits Vergangenheit.

Wie steht es um den Ersatz von Beschäftigten durch Computer und Roboter?
Die entsprechenden Ängste sind deutlich übertrieben. Ein Beispiel dafür ist der Bancomat. Seine Erfindung machte zwar weniger Personal pro Filiale notwendig. Die Folge war aber, dass in den USA die Zahl der Bankfilialen wegen der gesunkenen Kosten deutlich zugenommen hat. Ein weiteres Beispiel ist die Einführung des Barcode-Scannings mit Kassenautomaten im Detailhandel. Sie ersetzen in diesem Bereich die Beschäftigten kaum. Gemäss meiner Erfahrung bevorzugen die Leute noch immer, bei einer Kassierin, einem Kassier ihre Ware erfassen lassen und bezahlen zu können.

Sie schreiben hauptsächlich über die Entwicklung in den USA. Wie verhält es sich in der übrigen Welt, etwa in der Schweiz oder Europa?
Ich würde zwischen der entwickelten Welt und den Schwellenländern unterscheiden. Letztere haben noch immer einen weiten Weg vor sich, um zum technologischen Stand der entwickelten Länder aufzuschliessen. Daher werden sie weiterhin rasch wachsen, bis dieser Aufholprozess abgeschlossen ist. Meine Analyse gilt aber auch für andere entwickelte Gebiete, etwa Westeuropa und Japan. Sie haben die gleichen Probleme wie die USA, aber noch ausgeprägter. Das Produktivitätswachstum in Westeuropa und Japan war über die letzten 20 Jahre deutlich geringer als in den USA.

Als Grund für eine schwächere Wirtschaftsentwicklung nennen Sie eine Reihe von Gegenwinden. ­Können Sie das erklären?
Der Einbruch beim Produktivitätswachstum bezieht sich auf eine geringere Produktion pro Arbeitsstunde. Es gibt zwei mächtige Kräfte, die verhindern, dass die Produktion pro Person so stark zunimmt wie die Produktivität: Der eine ist der demografische Gegenwind – die Alterung der Gesellschaft. Das bedeutet, dass die Arbeitsstunden gemessen an der Gesamtbevölkerung sinken. Deshalb sinkt auch der Output pro Person. Der andere Gegenwind ist die Ungleichheit. Sie ist in den USA schlimmer als in ­Europa.

Inwiefern beeinflusst die ­Ungleichheit die wirtschaftliche Entwicklung?
Die Hälfte aller Einkommensgewinne gehen in den USA an die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung. Die übrigen 90 Prozent müssen die andere Hälfte unter sich aufteilen. Insgesamt komme ich auf eine Prognose für das künftige Produktivitätswachstum von 1,2 Prozent, das Wachstum beim Output pro Person beläuft sich dagegen lediglich auf 0,8 Prozent. Das Wachstum des Outputs einer Person in der Mitte der Einkommensverteilung – dem sogenannten Median – wird nur noch bei 0,4 Prozent liegen. Das bedeutet, dass das Einkommen der Person in der Mitte praktisch nicht mehr wachsen wird.

Welche Gegenwinde sehen Sie noch?
Die abnehmende Teilnahme an der Bildung in grossen Teilen der Bevölkerung und die wachsenden Budgetprobleme der Regierungen. Die Entwicklung der Bildung senkt das Produktivitätswachstum direkt. Wegen des demografischen Wandels steigen die Kosten für die Pflege von Älteren und deren Pensionen, was die Regierungen bei ihren Ausgaben unter Druck setzen wird. Die bisher getroffenen Vorkehrungen dafür sind nicht ausreichend. Was die Bevölkerung künftig deshalb mehr für die Älteren ausgeben muss, reduziert das verfügbare Einkommen der Bevölkerung weiter.

Ihre Analyse hat Parallelen zu jener des Ökonomen Larry Summers, der überzeugt ist, dass wir bereits in einer Jahrhundertstagnation sind. Teilen Sie seine Einschätzung?
Die Analyse ist sehr ähnlich. Summers fokussiert vor allem auf die geringen Investitionen und die tiefen Zinsen. Ich betone dagegen den sinkenden Einfluss der Innovationen. Ich meine, der Grund für die geringen Investitionen liegt darin, dass die Erfindungen und Innovationen nicht ausreichend überzeugen, damit Unternehmen in sie investieren. Wir haben in den USA Unternehmen, die auf Barbeständen von 2 Billionen Dollar sitzen, die eifrig ihre eigenen Aktien zurückkaufen, statt in neue Strukturen zu investieren und neue produktive Anlagen zu kaufen. Die einzige Erklärung dafür ist, dass die Innovationen auf die Wirtschaft einen immer geringeren Einfluss haben.

Was würden Sie Europa oder der Schweiz empfehlen?
Ich habe grosse Achtung vor dem System der Berufslehren, wie es auch die Schweiz kennt. So gelingt es deutlich besser, Leute in die Arbeitswelt zu integrieren. Die Probleme in Europa liegen vor allem im Süden, wo rigide Arbeitsmärkte die Produktivität tief halten. Italien hat seit zehn Jahren praktisch kein Produktivitätswachstum mehr. Reformen sind nötig, um die scharfe Trennung zwischen denen aufzuheben, die einen festen Job haben, und jenen, die nur temporär Zugang zum Arbeitsmarkt ­haben.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.03.2016, 23:07 Uhr)

Robert Gordon

Produktivitäts-Fachmann

Mit seinem eben erschienenen 800-Seiten-Wälzer über die industriellen Revolutionen in den USA («The Rise and Fall of American Growth») sorgt der Professor der North­western University in der Ökonomenszene für Furore. Robert Gordon zweifelt darin unter anderem an den Vorhersagen einer vierten industriellen Revolution, die zu einem starken Anstieg der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft führen und Arbeit weitgehend überflüssig machen soll. Schon vor seinem neuen Buch galt Gordon als führender Skeptiker in diesem Zusammenhang. (mdm)

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