Die Hochfrequenzhändler scheuen das Licht

Nach seinem verfilmten Wallstreet-Buch «Big Short» will Michael Lewis jetzt auch den Hochfrequenzhandel ins Kino bringen. Und so die «Flash Boys» bremsen.

Hochfrequenz-Börsenhandel: Millionengewinne in Sekundenbruchteilen. Foto: EVEX

Hochfrequenz-Börsenhandel: Millionengewinne in Sekundenbruchteilen. Foto: EVEX

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Der Bruchteil eines Wimpernschlags genügt, um an den Börsen Gewinn zu machen. Weniger als 350 Mikrosekunden erlauben es den Hochfrequenzhändlern, andere Anleger zu übervorteilen und Milliardenprofite einzustreichen. Die US-Börsenaufsicht (SEC) tolerierte diese Form des Computerhandels bisher, steht nun aber an einer Wegscheide. Sie muss entscheiden, ob sie eine neue Handelsplattform zulassen will, die den Hochfrequenzhandel unterbinden will. Bedroht sehen sich damit die etablierten Börsen, die mit den «Flash Boys» zusammenspannen und damit mehr Geld verdienen als mit den Handelskommissionen selber.

«Hochfrequenzhandel ist eine legalisierte Form des Insiderhandels», sagt Michael Lewis. «Keine Frage, eigentlich sollte er untersagt werden.» Der Autor von «Big Short», dem Bestseller über die Missbräuche an der Wallstreet, die zur Finanzkrise führten, und der derzeit als Film die Kinokassen füllt, glaubt aber nicht daran, dass die Aufsichtsbehörden mit einem Verbot eingreifen sollten. «Gelöst werden muss das Problem durch den Markt und vor allem Konkurrenz.»

Konkurrenz würde in diesem Fall die Zulassung der Investor’s Exchange (IEX) als öffentliche Börse bringen. Die IEX ist knapp drei Jahre alt und wurde vom kanadischen Banker Brad Katsuyama als direkte Antwort auf den Hochfrequenzhandel gegründet. Derzeit ist sie noch eine private Handelsplattform und bestreitet etwa 1,5 Prozent des täglichen Handelsvolumens in den USA. Benützt wird sie vorwiegend von Pensionskassen und Anlagefonds, deren Aktivitäten das tägliche Futter für die Hochfrequenzhändler bilden. Für sie ist die IEX ein Weg dazu, den überall lauernden Flash Boys zu entkommen.

Technische Bremsschwelle

Die Investorenbörse unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von anderen Börsenplätzen. Ihr Handelssystem ist mit einer «Verkehrsberuhigung» versehen, quasi einer technischen Bremsschwelle. Diese besteht aus einer 61 Kilometer langen Zusatzschlaufe zwischen der IEX-Handelsplattform in Manhattan und den Datenservern in New Jersey. Die Schlaufe verzögert die Ausführung eines Auftrags um 350 Mikrosekunden. Das reicht, um den Vorsprung des Hochfrequenzhandels zunichtezumachen. «Bei uns haben alle Anleger die gleichen Chancen. Käufer und Verkäufer können sicher sein, dass sie nicht von einem Hochfrequenzhändler ausgesogen werden», erklärte IEX-Gründer Katsuyama jüngst bei einem Besuch im Silicon Valley, wo er bei Hightechfirmen Unterstützung für sein Zulassungsgesuch bei der Börsenaufsicht zusammentrommelte.

Wie aber erreichen die Flash Boys ihren unfairen Vorsprung? Hochfrequenz-händler zahlen Millionen, um ihre Computerserver unmittelbar neben den Servern der etablierten Börsen aufstellen zu dürfen. Sie erreichen so einen minimal schnelleren, aber eben entscheidenden Zugang zu den Aufträgen anderer Kunden. Solche Daten erlauben, Tausende von fingierten Aufträgen pro Sekunde zu generieren und minimale Preisdifferenzen auszunützen. Normalanleger hätten keine Ahnung, dass die Börsen und die Hochfrequenzhändler gemeinsame Sache machten, meint David Swensen, Chefinvestor der Yale-Universität. Tatsache sei leider, dass die Börsen «das dreckige Spiel der Hochfrequenzhändler» begünstigten und die US-Börsenaufsicht (SEC) dies zulasse.

Unklar ist, wie stark die Allgemeinheit der Anleger geschädigt wird. Lewis schätzt die Profite der Flash Boys auf jährlich bis zu 15 Milliarden Dollar. Dies scheint realistisch, zeichnet der Hochfrequenzhandel in den USA täglich doch für mehr als 60 Prozent aller Aufträge verantwortlich. Bekannt ist, dass die Citadel-Gruppe, ein führender Tempo-Trader, in vier Jahren nur an einem einzigen Tag keinen Gewinn machte. So wasserdicht ist die Kollusion zwischen Hochfrequenzhandel und Börsen wie der Nasdaq oder der New York Stock Exchange.

Die Börsenaufsicht tut sich schwer mit einem Entscheid. Eine unheilige Allianz von Börsenplätzen und Hochfrequenzhändlern hat sie mit einer Fülle von Eingaben eingedeckt und beklagt, die neue Konkurrenz sei unfair. Gestützt wird das Gesuch auf der anderen Seite von Anlagefondsfirmen wie Franklin Templeton, Versicherungen wie der Mass Mutual sowie grossen Pensionskassen wie jener der Lehrer in Texas. Das sind auch die Hauptopfer der Flash Boys. «Wir stehen an einer für den ganzen Finanzsektor sehr wichtigen Wegscheide», sagt Lewis. «Wenn die SEC die IEX ablehnt, so wischt sie auch das Konzept eines gerechten Marktes für alle Anleger beiseite.» Der Status quo helfe nur wenigen, so Lewis, aber sie profitierten überdurchschnittlich davon.

Denn sie wissen, was sie tun

So liegt denn auch die Idee nahe, die Flash Boys zu einem Film zu machen und so den Druck für eine Reform zu erhöhen. Drehbuchautor Aaron Sorkin und Sony waren sich im letzten Frühling bereits einig, das Projekt in Angriff zu nehmen, bevor Sorkin Zweifel kamen, die Hauptrolle des IEX-Gründers ideal besetzen zu können. Das Projekt wurde auf Eis gelegt. Doch Lewis gibt nicht auf. «‹Big Short› ist so erfolgreich, dass der Film genug Zug auch für die ‹Flash Boys› entwickeln wird», sagt er und deutet an, dass «mein Freund Brad Pitt» im neuen Film mitmachen würde.

«Flash Boys» wäre aber nicht der übliche Wallstreet-Film. Der Vorteil von «Big Short» ist, dass er laut Lewis «den Betrug und die schiere Stupidität an Wallstreet leicht erkennbar abbildet». Bei den Hochfrequenzhändlern sei dies anders. «Diese Leute sind nicht dumm. Sie wissen sehr genau, was sie tun. Dies macht es auch so schwer, gegen sie vorzugehen.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.01.2016, 21:58 Uhr)

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