Die Ölförderländer müssen über die Bücher

Der Ölpreiszerfall um rund 70 Prozent hat tiefe Löcher in die Staatsfinanzen der Produzentenländer gerissen. Nur wer grosse Devisenreserven besitzt, kann den Schock abfedern.

Der Ölpreis ist um 70 Prozent gefallen. Grafik: mrue

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Ali al-Naimi, Saudiarabiens einflussreicher Ölminister, hat alle Hoffnungen in den Produzentenländern auf eine baldige Preiswende am Ölmarkt im Keim ­erstickt. Koordinierten Produktionskürzungen innerhalb der Organisation Erd-öl exportierender Länder (Opec) sowie Absprachen mit Förderstaaten ausserhalb des Ölkartells erteilte der Minister diese Woche auf einer Konferenz in Houston, Texas, eine Absage.

Saudiarabien, so liess Naimi die anwesenden Vertreter der US-Ölindustrie wissen, sei bereit, den Ölpreis bis auf 20 Dollar pro Fass sinken zu lassen (gegenwärtig kostet die Sorte Brent 37 Dollar). Die Saudis und weitere Golfländer sehen den Ölpreiszerfall als Chance, um Produzenten mit hohen Förderkosten zur Aufgabe zu zwingen und so den Ölmarkt wieder ins Lot zu bringen. Derzeit wird über 1 Million Fass pro Tag mehr produziert, als auf dem Weltmarkt nachgefragt wird.

Neues Zeitalter für die Saudis

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Auch wenn Saudiarabien die Einnahmeausfälle im Ölgeschäft weitaus besser zu verkraften vermag als die meisten anderen Produzentenländer – die Bremsspuren in den Staatsfinanzen des Königreiches sind unübersehbar. Um mehr als 50 Prozent sind die Öleinkünfte im letzten Jahr eingebrochen, wodurch das Haushaltsdefizit auf enorme 15,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) anschwellte. Bisher haben die Saudis das Loch weitgehend mit ihren prallen Devisenreserven aufgefüllt, die deshalb 2015 um gegen 100 Milliarden Dollar auf 640 Milliarden geschmolzen sind.

Für das laufende Jahr sieht das saudische Budget einen Fehlbetrag von umgerechnet 87 Milliarden Dollar vor, was gut 14 Prozent des BIP entspricht. Die Regierung will nun aber neue Finanzierungsquellen erschliessen, um die Devisenbestände zu schonen. Erstmals überhaupt plant sie – voraussichtlich noch im Laufe dieses Jahres –, Staatsanleihen für internationale Investoren aufzulegen. Im Gespräch ist ferner eine Teilprivatisierung des staatlichen Energiekonzerns Saudi Aramco, dessen Wert von Analysten auf 2000 bis 3000 Milliarden Dollar veranschlagt wird.

Nicht minder spektakulär für saudische Verhältnisse sind die geplanten Fiskalreformen, mit denen die bisher wenig bis gar nicht besteuerte Bevölkerung etwas stärker zur Kasse gebeten wird. Dies geschieht durch den Abbau von Subventionen auf Energie, Wasser und Elektrizität in den nächsten drei bis fünf Jahren, die Einführung einer Mehrwertsteuer (zusammen mit den übrigen Golfstaaten) sowie zusätzlichen Steuern auf Tabak und Süssgetränken. Vor allem jedoch kommt in den Reformen zum Ausdruck – obgleich sie teilweise sehr vage sind –, dass Saudiarabien noch für längere Zeit von gedrückten Ölpreisen und Staatseinnahmen ausgeht.

Russland muss Löcher stopfen

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Weitaus schwieriger ist die Lage in Russland, dessen Öl- und Gasverkäufe annähernd die Hälfte an die Staatseinnahmen beisteuern. Zusätzlich geschwächt durch die vor gut 18 Monaten verhängten Sanktionen des Westens, ist die Wirtschaft des Landes im letzten Jahr um 3,7 Prozent geschrumpft; für 2016 erwarten Experten nochmals ein Minus. Vor diesem düsteren Hintergrund müsste die russische Notenbank schleunigst die Leitzinsen von aktuell 11 Prozent senken, doch sieht sie davon ab, um den bereits arg geschwächten Rubel nicht zusätzlich unter Druck zu setzen.

Ebenso zu schaffen macht den Währungshütern – und insbesondere der Bevölkerung – die Inflation, die 2015 im Durchschnitt gut 15 Prozent betrug. Die russische Regierung sieht sich vor das Problem gestellt, das diesjährige Haushaltsdefizit auf 3 Prozent zu begrenzen – obwohl den Berechnungen ein Ölpreis von 50 Dollar je Fass zugrunde lag. Erwogen wird deshalb, das Familiensilber anzutasten, sprich: Teile von Staatskonzernen an die Börse zu bringen. Dafür infrage kommen der Ölkonzern Rosneft, die Bank VTB oder die Airline Aeroflot – die schon teilprivatisiert sind – sowie die noch ganz in Staatshand befindlichen russischen Eisenbahnen und Sowcomflot, ein unter anderem im Tankergeschäft tätiger Konzern.

Ausserdem will Russland im laufenden Jahr Staatspapiere im Umfang von mindestens 3 Milliarden Dollar bei internationalen Geldgebern unterbringen – die erste solche Emission seit Verhängung der Sanktionen. Die amerikanische Regierung hat die Wallstreet-Häuser bereits davor gewarnt, sich in irgendeiner Weise an diesem Geschäft zu beteiligen. Allerdings sitzen die Russen immer noch auf einem einigermassen komfortablen Polster – in Gestalt von Währungsreserven, die sich per Ende Januar auf knapp 372 Milliarden Dollar summiert und damit den höchsten Stand in den vergangenen zwölf Monaten erreicht haben.

Musterschüler Aserbeidschan

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Wie steht es aber mit den schwächeren, ebenfalls ausgeprägt von Ölexporten abhängigen Schwellenmärkten, die mit zunehmenden Haushaltslöchern, schwächelnden Währungen und abflauendem Wirtschaftswachstum konfrontiert sind? Mit Ländern also wie Nigeria, Aserbei­dschan oder Venezuela? Dieser Staatengruppe gilt das ganz besondere Augenmerk von Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), weil sie «in äusserst kurzer Zeit ihr Geschäftsmodell umgestalten» und sich anpassen müssten «an eine ganz neue Realität, die länger bestehen bleiben wird, als manche denken».

Aus Sicht von Experten werden manche dieser Länder kaum umhinkommen, beim IWF um einen Notkredit zu ersuchen. Mit Aserbeidschan finden bereits Gespräche über einen 4-Milliarden-Dollar-Kredit statt. Dabei hat die frühere Sowjetrepublik, deren Staatseinnahmen zu 60 bis 70 Prozent aus Öl- und Gasverkäufen gespeist werden, bisher gut auf den Ölpreiszerfall reagiert, wie ihr von den Londoner Wirtschaftsforschern von Oxford Economics attestiert wird.

Zu diesen Schritten zählten die Wechselkursfreigabe der Landeswährung Manat gegenüber dem Dollar kurz vor dem Jahreswechsel, was zu einer Abwertung um 35 Prozent und im gesamten letzten Jahr zu einer solchen von gut 50 Prozent führte. Ausserdem hat Aserbeidschan das laufende Budget auf der Basis eines neuen Ölpreises von 25 Dollar pro Fass (bisher: 50 Dollar) gestrafft, doch dürfte das Defizit 2016 mit rund 8 Prozent dennoch höher ausfallen als im letzten Jahr mit geschätzten 5 Prozent. Da die Regierung in Baku Wirtschaftsreformen gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen ist, sollte der angestrebte Kredit des IWF wohl gesprochen werden.

Nigeria ringt mit dem IWF

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Mit Nigeria verhält es sich anders. Präsident Muhammadu Buhari sträubt sich vehement dagegen, auf die IWF-Forderung nach einer Abwertung der Landeswährung Naira einzutreten. Laut Experten hat der Naira allein seit Jahresbeginn rund ein Drittel seines Wertes gegenüber dem Dollar verloren. Doch Buhari schreckt vor einer Abwertung zurück, weil der dadurch ausgelöste Inflationsschub aus seiner Sicht vor allem die Armen treffen würde. Dem hält der Währungsfonds entgegen, dass die in Nigeria praktizierten Kapitalkontrollen und Importrestriktionen die private Wirtschaft erheblich einschränkten und der damit angerichtete volkswirtschaftliche Schaden letztlich wesentlich grösser sei.

Nigeria ist indes auf Kredite von aussen angewiesen, gilt es doch, ein Haushaltsdefizit von nicht weniger als umgerechnet 15 Milliarden Dollar zu decken. Im diesjährigen Budget stammt lediglich noch ein Fünftel der Einkünfte aus der Ölförderung, verglichen mit 70 bis 80 Prozent in früheren Zeiten. Das Land hat deshalb unter anderem um einen Kredit von 3,5 Milliarden Dollar ersucht – aber nicht beim IWF, sondern bei der Weltbank und der Afrikanischen Entwicklungsbank.

Man erhofft sich von diesem Schritt, günstiger und vor allem mit geringeren wirtschaftspolitischen Auflagen zu den Mitteln zu gelangen als im Falle eines IWF-Kredits. Ob Nigeria dies gelingt, werden andere potenzielle Kandidaten für Notkredite genau beobachten. Unabhängige Experten warnen indes vor einem Präzedenzfall: Nigeria und andere Ölproduzenten haben es mit akuten Ungleichgewichten in den Budgets und den Leistungsbilanzen zu tun, und diese zu beheben ist die Domäne des IWF (während sich die Weltbank primär mit mittel- und längerfristigen Entwicklungsprojekten befasst).

Venezuela droht Staatsbankrott

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Nirgendwo sonst ist die Lage aber so verheerend wie in Venezuela, wo die Wirtschaft faktisch zusammengebrochen ist. Laut IWF wird das Bruttoinlandprodukt 2016 um etwa 10 Prozent schrumpfen, nachdem es bereits im Vorjahr einen 5,7-prozentigen Einbruch verzeichnet hat. Darüber hinaus steht die gepeinigte Bevölkerung vor einer Hyperinflation: Um die 700 Prozent werden die Konsumentenpreise gemäss Prognosen im laufenden Jahr hochschiessen – eine Folge der allgegenwärtigen Mangelwirtschaft.

Der Ölpreiseinbruch um rund 70 Prozent seit Mitte 2014 hat Venezuelas Misere gewiss verschlimmert; gut 95 Prozent des Exports kommt aus dem Ölgeschäft. Doch wurde das Land bereits zuvor durch seinen früheren Präsidenten Hugo Chávez sowie dessen Nachfolger und heutigen Amtsinhaber Nicolás Maduro in den Abgrund gerissen. Sie haben die Öleinkünfte mit überrissenen Sozialprogrammen verprasst, ohne an Investitionen zur langfristigen Zukunftssicherung des Landes zu denken. Gleichzeitig zwängten sie die Privatwirtschaft in ein immer engeres Korsett. Heute muss das mittellose Land einen riesigen Schuldenberg abtragen – ein baldiger Staatsbankrott erscheint unausweichlich.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.02.2016, 22:45 Uhr)

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