Die Superstar-Firmen bändigen

Megakonzerne wie Facebook oder Google sollen an die kurze Leine, fordert eine Wirtschaftsprofessorin. Ihre Begründung, die Chancen.

Den Internetriesen wie Facebook ist kaum beizukommen: Mehr Nutzer bedeuten eine grössere Macht. Foto: Dado Ruvic (Reuters)

Den Internetriesen wie Facebook ist kaum beizukommen: Mehr Nutzer bedeuten eine grössere Macht. Foto: Dado Ruvic (Reuters)

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Google, Facebook, Amazon, Microsoft oder Apple – diese und weitere Grosskonzerne aus der digitalen Welt will die Ökonomin Dalia Marin einer schärferen Wettbewerbskontrolle unterwerfen. Die lokalen Kontrollbehörden der einzelnen Staaten hält sie für zu schwach, um diesen weltumspannenden Unternehmen die Stirn bieten zu können. Deshalb fordert die an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrende Ökonomin ein weltweites Wettbewerbsnetzwerk ­aller nationalen Behörden, das mächtig genug wäre, den sogenannten Superstar-Firmen – wie sie und andere Ökonomen die digitalen Giganten nennen – etwas entgegenzusetzen. Mit dem Netzwerk verbunden werden soll ein effektiver internationaler Rechtsrahmen. Die Untersuchungen und Durchsetzungsentscheidungen der nationalen Behörden sollen koordiniert werden. Adressat des Vorstosses der Professorin sind die G-20-Staaten der mächtigsten Wirtschaftsnationen aus den Industrie- und Schwellenländern. Ihr nächstes Treffen findet am 7. und 8. Juli unter dem Vorsitz von Deutschland in Hamburg statt.

Das Anliegen lässt sich ökonomisch gut begründen. Die Superstar-Firmen aus der digitalen Welt sind vor allem dank den besonderen Eigenschaften der neuen digitalen Technologien zu ihrer Macht gekommen. Diese Technologien verhelfen den Ersten, Innovativsten und Besten in ihrer Branche zu mehr Rückenwind und erschweren den Markteintritt von Konkurrenten massiv. Ökonomen sprechen vom «Winner takes most»-Phänomen: Der Gewinner erhält das meiste. Das liegt auch am sogenannten Netzwerkeffekt.

Je mehr Menschen zum Beispiel ein Facebook-Konto eröffnen oder die Software von Google oder Apple nutzen, desto wertvoller wird das Angebot für weitere Nutzer. Dies, weil deren Nutzen gerade davon abhängt, wie viele andere es ebenfalls brauchen und darüber kommunizieren. Wer neu in einen solchen Markt einsteigt und kaum Anwender hat, hat auch entsprechend geringere Chancen.

Sinkende Kosten

Während jeder weitere Nutzer im Internet ihr Angebot wertvoller macht, sinken aufseiten dieser Firmen die Kosten ihrer Dienste für jeden zusätzlichen Nutzer (die sogenannten Grenzkosten). Denn die Hauptkosten bestehen im Aufbau des Angebots: der Erstellung des Programms und der Infrastruktur. Wer deshalb neu in einen solchen Markt eintritt und nur über wenige Nutzer verfügt, hat pro Kunde sehr viel höhere Ausgaben und braucht höhere Preise (etwa für geschaltete Werbung), um seinen Aufwand zu decken, als ein Anwender mit einer weltweiten Nutzerschaft. Ein Superstar-Unternehmen kann deshalb tiefere Preise verlangen und einiges sogar gratis anbieten und dennoch hohe Gewinne erwirtschaften.

Doch hat ein Unternehmen wie Apple, Google oder Facebook einmal eine weltweite Machtstellung erreicht, kann es diese auch nutzen, um über weniger ehrenhafte Wege hohe Gewinne zu sichern. Eine Möglichkeit dazu ist das Umgehen von Steuern, indem ein solches Unternehmen von seinem weltweiten Firmennetzwerk Gebrauch macht.

Laut dem britischen «Economist» hat zum Beispiel Google auf seinen nicht in den USA erzielten Profiten zwischen 2007 und 2009 nur gerade 2,4 Prozent Steuern bezahlt. Dies dank dem Herumschieben der Profite über verschiedene Staaten.

Apple wiederum wird von der Europäischen Kommission beschuldigt, 13 Milliarden Euro über 10 Jahre eingespart zu haben. Dies, indem der Konzern über spezielle Firmenkonglomerate die ausserhalb der USA erzielten Profite und Umsätze nach Irland transferiert und dort von einer mit der Regierung erzielten Sonderregelung profitiert hat.

Die Beeinflussung von Regierungen über ein Heer von Lobbyisten ist Superstar-Firmen angesichts ihrer Macht sehr viel leichter möglich. Besonders problematisch ist aber, dass die Superstar-Firmen aus der Digital-Welt die wichtigste Ressource unserer Zeit monopolisieren: Daten. Die Benutzung von Facebook, Whatsapp oder der Google-Suche kostet kein Geld.

Wir bezahlen mit Daten über uns, unser Verhalten, unsere Vorlieben, unseren Tagesablauf und unser soziales Umfeld. Diese Kenntnis verschafft den Superstar-Firmen eine grosse Marktmacht. Sie benachteiligt auch potenzielle Konkurrenten und schafft ein riesiges Missbrauchspotenzial.

Steigende Ungleichheit

Die Ökonomin Dalia Marin stellt bei ihrer Forderung nach einer besseren weltweiten Kartellaufsicht über die Superstar-Firmen noch ein anderes Argument in den Vordergrund: Sie sieht in deren Macht einen zentralen Grund dafür, dass die Einkommen der Beschäftigten schrumpfen und die Ungleichheit zunimmt. Dabei stützt sie sich unter anderem auf eine Studie eines Ökonomenteams, bei dem auch der in Zürich lehrende David Dorn mitgearbeitet hat.

Die Studie zeigt auf, dass der schrumpfende Anteil am Gesamtprodukt der Wirtschaft, der den Beschäftigten entspricht, gut durch die Machtzunahme der Superstar-Firmen erklärt werden kann. Wie die erwähnten Kosten- und Netzwerkeffekte zeigen, können sie ihre Gewinne und ihren Umsatz ausdehnen, ohne dass sie dafür mehr Leute einstellen müssen. Je grösser daher ihr Anteil an der Gesamtwirtschaft, je geringer ist die durchschnittliche Beschäftigung und je grösser die Macht der Kapitaleigner gegenüber den Beschäftigten. Umso grösser wird deshalb auch der Druck auf die Löhne.

Geringe Umsetzungschancen

Die Chancen von Professorin Dalia Marin, den Superstar-Firmen ein international starkes Wettbewerbskontroll-Netzwerk gegenüberzustellen, stehen schlecht. Zu stark sind die nationalen Eigeninteressen, als dass Länder wesentliche Entscheidungskompetenzen an internationale Gremien abgeben. In der Schweiz bestätigt das auch der Vizedirektor der Wettbewerbskommission (Weko), Patrik Ducrey.

Eine über die bestehenden Strukturen hinausgehende internationale Zusammenarbeit der Wettbewerbsbehörden sei nicht geplant, sagt er, und sie sei auch nicht sehr wahrscheinlich. In loser Form reden die nationalen Wettbewerbsbehörden zwar jetzt schon im Rahmen des International Competition Network (ICN) miteinander. Doch handelt es sich nur um einen informellen Erfahrungsaustausch. Es bestehen dafür kaum Strukturen und auch nicht die Kompetenzen. Auch in Deutschland ist keine weitergehende Zusammenarbeit der Wettbewerbsbehörden in Planung, wie die «Süddeutsche Zeitung» auf Anfrage erfahren hat. Den Vorstoss der Wirtschaftsprofessorin Marin wollte man da nicht kommentieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2017, 06:31 Uhr

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