Die totale türkische Tourismuskrise

Schweizer meiden die Türkei. Reisebüros berichten von einem Buchungsrückgang von bis zu 60 Prozent. Besserung ist nicht in Sicht – im Gegenteil.

Die Sonnenschirme bleiben zu: Der ehemals beliebte Strand von Antalya.

Die Sonnenschirme bleiben zu: Der ehemals beliebte Strand von Antalya. Bild: Kaan Soyturk/Reuters

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Liegestuhl und Sonnenschirm muss man nicht vor dem Frühstück reservieren. An den Stränden der türkischen Riviera findet man den ganzen Tag über Platz. Und das, obwohl sich im Hintergrund Berge in die Höhe recken, Orangenhaine die grünen Hügel zieren, das klare Meer türkisblau schimmert und so zusammen mit den warmen Temperaturen und der herzlichen Gastfreundschaft für eine perfekte Urlaubskulisse sorgen. Die nationale Fremdenverkehrszentrale hat durchaus recht, wenn sie sagt, dass die Türkei «alles bietet, was für einen perfekten Traumurlaub nötig ist». Bloss nimmt das niemand ernst.

Der Tourismus in der Türkei steckt in der tiefsten Krise seiner Geschichte. Vergangenes Jahr gingen die Besucherzahlen um 30 Prozent zurück. Auf diverse Terroranschläge folgte der mysteriöse Putschversuch und zuletzt die Verlängerung des Ausnahmezustandes. Das schreckt die Reisenden ab – jene aus der Schweiz besonders.

Nur noch 215'000 Eidgenossen reisten 2016 in die Türkei. Das sind 43 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Eine lange touristische Erfolgsgeschichte geht zu Ende.

Dramatischer Rückgang der Buchungen

Das spüren auch die hiesigen Reiseveranstalter. «Für die letzten Sommerferien verzeichneten wir bei den Türkei-Buchungen ein Minus von 70 Prozent. Die Herbstferien liefen zwar etwas besser, waren mit minus 60 Prozent aber immer noch schlecht», erklärt eine Sprecherin von Hotelplan. Bei Kuoni sind die Zahlen ebenso dramatisch. Beim Traditionskonzern wurden 2016 rund 60 Prozent weniger Buchungen fürs europäisch-asiatische Land getätigt. «Die Türkei ist bei Kunden derzeit einfach unbeliebt», so eine Sprecherin.

Der Türkei-Spezialist Bentour hat deshalb sein Geschäftsmodell anpassen müssen. «Die Situation hat sich immer weiter verschlechtert», sagt Geschäftsführer Deniz Ugur. Heute macht der Reiseanbieter die Hälfte seines Umsatzes mit anderen Destinationen. Dabei befindet er sich an sich in einer angenehmeren Situation, weil viele Liebhaber bei ihm buchen, die noch immer ins Land reisen. Darum war das Minus bei Bentour 2016 mit 15 Prozent im Vergleich zur Konkurrenz relativ bescheiden. Schmerzen tut es indes nicht minder.

Eine Verbesserung der Lage ist nicht absehbar. Dies gilt umso mehr, als sich die Stimmung wegen der aktuellen politischen Eskalation zwischen dem Westen und der Türkei gerade noch einmal verschlechtert. Dabei hilft auch nicht, dass nach dem deutschen Aussenministerium auch die Schweiz die Reisehinweise für das Land verschärft hat. Vor und nach dem Referendum über eine Stärkung der Macht von Präsident Recep Tayyip Erdogan sei im ganzen Land mit einer erhöhten «politischen Empfindlichkeit in der Bevölkerung» zu rechnen, heisst es nun auf der Website des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA). «Aufgrund der teils kritischen Berichterstattung im Ausland können Proteste gegen Ausländerinnen und Ausländer nicht ausgeschlossen werden», fährt es fort. Man solle deshalb wachsam sein.

Westen statt Osten

Und so geht es weiter wie zuvor. «Wir rechnen noch nicht mit einer Erholung im laufenden Jahr», erklärt Hotelplan. Nach elf Wochen liegt die Migros-Reisetochter bei den Türkei-Buchungen erneut im Minus. «Wir liegen aktuell 31 Prozent unter Vorjahr.» Bei Kuoni misst man einen noch stärkeren Nachfragerückgang von 60 Prozent. Und das obwohl die Preise im Keller sind. Wer beispielsweise Ende April nach Side reisen will, zahlt für eine Woche in einem Fünfsternhotel und All-inclusive-Paket und Flug nur gerade 499 Franken.

Daran wird sich in der aktuellen Situation nicht so schnell etwas ändern. Das wissen die Schnäppchenjäger. «Die Leute buchen für Türkei-Ferien sehr kurzfristig», so die Hotelplan-Sprecherin. Und auch Bentour-Chef Ugur sagt: «Oft entscheiden sich die Kunden erst drei Wochen vor Abreise.» Die Mehrheit hat der Türkei aber den Rücken gekehrt. «Die Kunden orientieren sich nach Westen um», so die Kuoni-Sprecherin. Die Nachfrage nach Ferien in Griechenland, Spanien und Zypern ist riesig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2017, 11:04 Uhr

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