«Eine 70-Stunden-Arbeitswoche ist moderne Sklaventreiberei»

Thomas Feierabend, Präsident des Verbandes Angestellte Schweiz, kritisiert die Verharmlosung der Folgen längerer Arbeitszeiten.

«Die Arbeitgeber müssen zur Gesundheit ihrer Angestellten Sorge tragen»: Thomas Feierabend, Präsident des Verbandes Angestellte Schweiz.

«Die Arbeitgeber müssen zur Gesundheit ihrer Angestellten Sorge tragen»: Thomas Feierabend, Präsident des Verbandes Angestellte Schweiz.

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Die Menschen könnten problemlos 70 Stunden pro Woche arbeiten – und dies über Monate hinweg. Vorausgesetzt, sie können danach kompensieren. Dies sagte Dominik Bürgy, Präsident des Verbandes der Wirtschaftsprüfer Expertsuisse im Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Sind Sie einverstanden?
Nein. Das erträgt niemand problemlos über mehrere Wochen oder Monate hinweg. Es kann Situation geben, in denen 60 bis 65 Stunden Einsatz pro Woche nötig sind. Aber dies müssen absolute Ausnahmesituationen sein. Was Herr Bürgy fordert, ist moderne Sklaventreiberei.

Was ist daran Sklaverei? Er sagt, die Angestellten von Wirtschaftsprüfern seien frei in der Wahl des Arbeitgebers und könnten als Fachkräfte jederzeit wechseln.
Die Arbeitgeber haben eine Fürsorgepflicht. Sie müssen auch zur Gesundheit ihrer Angestellten Sorge tragen. Die Arbeitsmedizin zeigt klar, dass solche Engagements über eine längere Dauer krank machen. Dies ist zu verhindern. Ich bezweifle auch, ob alle wirklich so freiwillig an diesen Jobs hängen, wie es der Wirtschaftsprüfer darstellt. Hohe Löhne führen zu einem teuren Lebensstil. Ob ein Wechsel so einfach möglich ist, wenn man etwa Kinder hat, bezweifle ich.

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Kennen Sie Fälle von Abhängigkeit?
Ich halte gelegentlich Seminare bei Treuhandfirmen. An diesen kam schon zum Ausdruck, dass der Druck, bis nach 21 Uhr zu bleiben und wieder um halb sieben im Büro zu sein, gross ist. Ich habe grosse Zweifel, ob das freiwillig ist.

«Die Arbeitsmedizin zeigt klar, dass solche Engagements über eine längere Dauer krank machen.»

Die Wirtschaftsprüfer und mit ihnen verbündete Berufsverbände fordern im Parlament eine Lockerung des Arbeitsgesetzes, um überlange Arbeitszeiten zu legalisieren.
Wir lehnen dies ab. Allein schon der Geltungsbereich ist schwierig. Laut Vorstoss sollen Angestellte von vielen Schutzvorschriften im Arbeitsgesetz ausgenommen werden, wenn sie selber über ihre Arbeitszeit und Ruhezeit bestimmen können. Doch können Angestellte in Branchen, die Herr Bürgy vertritt, über ihre Arbeitszeit verfügen? Ich weiss, wie Revisoren unterwegs sind. Das sind oft kleine Teams, die beim Kunden im Einsatz stehen, wo sie unter hohem Druck stehen. Sie können nicht einfach sagen: «Jetzt nehme ich frei.»

Bürgy sagt, dass längere Arbeitstage es erlauben, Familie und Beruf besser zu vereinbaren. Man kann das Kind um 17 Uhr in der Krippe abholen und dann ab 21 Uhr noch einmal arbeiten.
Wer die Freiheit besitzt, die Zeiten selber festzulegen, für den stimmt das. Wir sind nicht gegen flexible Arbeitseinsätze. Doch ich bezweifle, dass sehr viele Leute zeitlich autonom sind, wie es Bürgy behauptet.

Wo sehen Sie Möglichkeiten zur Lockerung des Arbeitsgesetzes?
Einen Verzicht auf die differenzierte Pausenerfassung können wir uns vorstellen. Das ist heute schon möglich, sofern die Personalkommission der Firma dem zustimmt. Denkbar wäre auch eine Verkürzung der minimalen Nachtruhezeit von 11 auf 9 Stunden, sofern der Durchschnitt von täglich 11 Stunden innert vier Wochen eingehalten wird. Wir sind aber zu keinen Lockerungen für Mitarbeiter ohne Arbeitszeitautonomie bereit. Auch vom generellen Sonntagsarbeitsverbot und der Höchstwochenarbeitszeit von 45 Stunden rücken wir nicht ab. Die im Parlament geforderte Einführung einer Jahresarbeitszeit-­Regelung ist heute schon möglich. Es gibt keinen zwingenden Grund, das Arbeitsgesetz zu ändern.

«Schon jetzt sind als Ausnahme 65 Stunden pro Woche möglich.»

Also ist es falsch, wenn Arbeitgeber sagen, flexibel und legal arbeiten sei heute nicht möglich?
Ja, Arbeitgeber informieren die Öffentlichkeit falsch. Schon jetzt sind als Ausnahme 65 Stunden pro Woche möglich.

Wenn jemand um 23 Uhr beruflich den Computer abstellt und um 7 Uhr die Mails checkt, dann sei das illegal, sagt Bürgy.
Das ist falsch. Einmal pro Woche und in Notfällen ist eine Nachtruhe von nur 8 Stunden möglich. Expertsuisse stellt die entscheidende Frage nicht: Warum soll jemand in der Schweiz regelmässig bis 23 Uhr arbeiten müssen?

Etwa wegen Kunden in den USA.
Das lässt sich organisieren. Wer regelmässig für Kunden bis Mitternacht arbeiten muss, sollte den Arbeitstag nicht vor Mittag beginnen. Wir sollten aber kein Drama daraus machen, wenn jemand um 23 Uhr kurz seine Mails prüft und vielleicht auf ein dringendes antwortet.

Die Gewerkschaften sagen, eine solche Flexibilität fördere Gratisarbeit, weil diese «kurze» Arbeitszeit nicht erfasst wird. Sind Sie der gleichen Meinung?
Gelegentlich Gratisarbeit zu leisten, kann man den Leuten nicht verbieten. Es gibt aber Firmen, die einen erheblichen Druck auf ihre Mitarbeiter ausüben. Ich denke an die Firma einer Nationalrätin, die von ihren Angestellten verlangt, dass sie auch in der Freizeit und während der Ferien Mails bearbeiten. In dieser Firma, scheint mir, ist die Burn-out-Rate höher als in vergleichbaren Firmen, die ich von meiner Tätigkeit als Organisationsberater kenne.

Wer ist diese Nationalrätin?
Das darf ich nicht sagen.

«Gelegentlich Gratisarbeit zu leisten, kann man den Leuten nicht verbieten.»

Kommt es häufig vor, dass Arbeitgeber Leute zwingen, dauernd und gratis erreichbar zu sein?
Ja. Belegen kann ich das aber nicht.

Der Gewerkschaftsbund und Travailsuisse wehren sich gegen jede Liberalisierung und haben vor drei Wochen ein Bündnis geschlossen. Wurden Sie angefragt?
Nein.

SGB-Chef Paul Rechsteiner sagt, die Dachgewerkschaften würden alle Arbeitnehmer vertreten. Auch Sie?
Nein. Deshalb haben wir mit KV Schweiz und der Kaderorganisation Schweiz ein eigenes Bündnis geschlossen, um die vernünftige Stimme in die politische Debatte einzubringen.

Sind die Gewerkschaften zu extrem?
Die Dachgewerkschaften vertreten dogmatische Positionen. Heutige Kommunikationsmittel lassen für Bürojobs ortsunabhängiges Arbeiten zu, das sich häufiger als früher mit dem Privatleben vermischt. Dies müssen wir akzeptieren, und das Arbeitsgesetz soll dies zulassen. Dies soll aber kein Freipass sein, über Wochen hinweg 70 Stunden pro Woche zu arbeiten.

«Mit der Arbeitszeiterfassung werden betriebliche Defizite offensichtlich.»

Können Arbeitgeber Grenzen setzen?
Ich kenne Arbeitgeber, die von Freitag- bis Sonntagabend den Zugang zum Firmenserver sperren. Bei einer grossen Verkaufsorganisation werden Mitarbeiter motiviert, übers Wochenende eine Abwesenheitsmeldung aufzuschalten. Darin heisst es, dass E-Mails, die am Wochenende oder während der Ferien eintreffen, automatisch vom Server gelöscht werden, mit der Bitte, das Mail nach der Rückkehr nochmals zu senden.

Was sind Ihre sonstigen Erfahrungen?
Ich sah Firmen, wo Mitarbeiter regelmässig 60 bis 70 Stunden pro Woche leisteten. Die Vorgesetzten müssen sich hier überlegen, was sie ändern müssen, um wieder im legalen Rahmen zu sein.

Arbeitgeber fordern ein Ende der Arbeitszeiterfassung. Stempeln sei veraltet und bürokratisch.
Firmen, die die Arbeitszeit nicht erfassen, machen dies aus anderen Gründen, etwa weil sie keine Beweise für Überzeit oder fehlende Ruhezeit haben wollen. Mit der Arbeitszeiterfassung werden betriebliche Defizite offensichtlich. Davor verschliessen Vorgesetzte die Augen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2017, 23:25 Uhr

Maximale Arbeitszeiten

Das sagt das Gesetz

Die Allianz Denkplatz Schweiz (IT, Wirtschaftsprüfer, Berater, PR-Fachleute und der Versicherungsverband SVV) fordert mit einem Vorstoss im Parlament eine Liberalisierung der Arbeits- und Ruhezeitregelungen, eine Aufhebung des Sonntagsarbeitsverbots sowie eine Relativierung der Fürsorgepflichten des Arbeitgebers. Die parlamentarische Initiative eingereicht hat Expertsuisse-Beirat und CVP-Ständerat Konrad Graber (LU). Die zuständigen Kommissionen beider Parlamentskammern stimmten ihr zu. Jetzt wird ein Gesetzestext formuliert, über den das Parlament in zwei bis drei Jahren befinden kann.

Die Gewerkschaften haben bereits ein Referendum dagegen angekündigt. Der Verband Angestellte Schweiz sagt, das Gesetz müsse nicht geändert werden. Im Ausnahmefall seien Arbeitswochen von bis zu 65 Stunden möglich. Wenn jemand zum Beispiel regulär 9 Stunden pro Tag arbeite und zusätzlich 4 Überstunden leiste. Dies ergibt 65 Stunden pro Woche. Die nächtliche minimale Ruhezeit von 11 Stunden könne so über eine Woche hinweg gewahrt werden. Oder jemand arbeitet 9 Stunden täglich, plus zwei 2 Überstunden pro Tag und einen halben Samstag. Dies ergibt 61,5 Stunden. Der Arbeitgeber müsse die Überstunden mit Freizeit kompensieren oder ab der 61. Stunde pro Jahr entschädigen. (val)

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