Schweizer Roboter-Pionier geriet an die falschen «Freunde»

Rolf Pfeifer ist der Vater und Erfinder von «Roboy». Um sein Kind aufzuziehen, besorgte er Geld. Heute kann er nicht einmal mehr eine Schraube selber kaufen.

Rolf Pfeifer mit Roboy, einem humanoiden Roboter, dessen Innenleben Muskeln und Knochen nachgebildet ist. Foto: Doris Fanconi

Rolf Pfeifer mit Roboy, einem humanoiden Roboter, dessen Innenleben Muskeln und Knochen nachgebildet ist. Foto: Doris Fanconi

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Wenn die Schweizer Presse über Rolf Pfeifer berichtet, greift sie gern zu Superlativen: Er sei einer der «weltweit führenden Köpfe zum Thema künstliche Intelligenz» («Berner Zeitung»), einer der «kreativsten Forscher der modernen Robotik» («Weltwoche»). Der Ruf des Professors fusst auf seiner Arbeit am Arti­ficial Intelligence Lab an der Universität Zürich, das er aufgebaut und über 25 Jahre lang geleitet hat.

Der 68-Jährige ist bis heute eine Inspiration für Roboter-Forscher weltweit – er war einer der Ersten, der sich mit der Frage beschäftigte, ob künstliche Intelligenz einen Körper braucht, um sich voll entfalten zu können. 2014 verliess Rolf Pfeifer die Universität Zürich, er wurde emeritiert. Der geborene Stadtzürcher nahm zwei Professuren in Osaka und Shanghai an, er wollte weiter mit Ro­botern arbeiten.

Aber seit dem 20. August 2015 stockt eines seiner Projekte. Pfeifer hat die Kontrolle über seine eigene Firma verloren, mit der er seine populärste Schöpfung kommerzialisieren wollte – den Roboterjungen Roboy. Heute sind die Bank­konten der AI Technology AG gesperrt, Verwaltungsrat Rolf Pfeifer darf für die Gesellschaft nicht mal mehr eine Schraube einkaufen: Die Finanzmarkt­aufsicht Finma hat ihm das Recht, für sie zu unterschreiben, entzogen. Eine externe Anwaltskanzlei durchleuchtet nun die AI Technology. Der Verdacht: In der Firma klafft ein Millionenloch.

Lächelnder Maschinenmensch

Was ist passiert? Pfeifer hat sich mit zwei Schweizer Finanzberatern zusammengetan, die laut Finma verdächtigt werden, eine siebenstellige Summe in die eigenen Taschen umgeleitet zu haben. Die beiden Vermögensverwalter nehmen heute ihre Telefone nicht mehr ab, ihre Webseiten sind aus dem Netz verschwunden, Mails des TA werden nicht beantwortet.

Die Geschichte dreht sich um Roboy, Pfeifers jüngstes Grossprojekt. Einer der ersten humanoiden, also menschenähnlichen Roboter, dessen Innenleben Muskeln und Knochen nachgebildet ist. Pfeifer und Team bauten den Prototyp in neun Monaten fiebriger Arbeit im AI Lab am Institut für Informatik zusammen. Der freundlich lächelnde Maschinenmensch wurde 2013 vorgestellt, er avancierte sofort zum Medienstar, Hunderte Berichte erschienen, Roboy wurde zu Pfeifers Maskottchen, ging auf Tour, trat gar als Schauspieler auf.

Der Professor nahm sich vor, Körperteile von Roboy weiterzuentwickeln und mit einer eigenen Firma zur Marktreife zu bringen. Eine der Ideen war, aus dem Kopf eine digitale Empfangsdame für Firmensitze zu machen: «Das Marktpotenzial ist gross; zahlreiche Firmen haben ihr Interesse angemeldet», heisst es auf der Webseite von AI Technology.

90 private Geldgeber angelockt

Aber für die Entwicklung brauchte Pfeifer Geld. Und da kam S. M.* ins Spiel. Der private Vermögensverwalter aus dem Zürcher Oberland ging mit dem Professor eine Allianz ein. Beide nahmen Einsitz in den Verwaltungsrat der AI Technology AG, unter deren Dach künftig «neuartige Produkte aus dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und Robotik» entworfen werden sollten.

Dann begann die Geldsuche. Man drehte einen Promofilm samt einem Statement von Roboy selbst («Ich bin der Stammvater einer neuen Generation von humanoiden Robotern»). Programmierte eine Webseite (Slogan: «Stellen Sie sich vor, die Zukunft beginnt jetzt»). Und nach TA-Informationen fand mindestens einmal ein Werbeevent in den Räumen des Zürcher Uni-Labors von Professor Pfeifer statt, an dem poten­zielle Investoren zugegen waren.

Tatsächlich verkaufte S. M. zusammen mit seinem Partner M. R.* mehr als 300 000 Aktien der AI Technology an mindestens 90 private Geldgeber. Über vier Millionen Franken an Risikokapital kamen 2014 zusammen. So steht es in ­einem Finma-Papier, das dem TA vorliegt. Nur: Dort heisst es auch, dass davon 3,6 Millionen nicht in die Entwicklung von Robotern floss, sondern an drei AGs, welche M. und R. kontrollierten.

In den Akten steht, dass sich die Finanzmarktaufsicht seit 2010 Scharmützel mit M. und R. geliefert hatte, schon damals ging es um den Verkauf von ­Aktien. Am 20. August 2015 zog die Finma die Notbremse und fror nebst der AI Technology gleich fünf weitere Gesellschaften ein, die von M. und R. beherrscht wurden. Dazu gehörte die Top 24 AG, die in Schmuck, Perlen und in ein 3787 Gramm schweres Goldnugget investiert haben soll, sowie die Diamonds24 AG, die angeblich mit Diamanten handelte. Laut Finma hatten total über 200 Anleger Aktien erworben. Konten bei der St. Galler Kantonalbank, der Schwyzer Kantonalbank und der UBS wurden blockiert.

Substanzielle Beträge bezogen

Als Drehscheibe entpuppte sich die AAA Beteiligungen AG in Unterägeri ZG. Unter ihrem Schirm konnten sich Investoren an den verschiedenen Firmen beteiligen, indem sie deren Anteile von geringem Nennwert erwarben, die zu Hunderttausenden herausgegeben wurden.

Aber mit diesen Anlagen stimmte etwas nicht. Die Finma stellte fest, dass M. und R. «jährlich substanzielle Beträge unter diversen Titeln (Lohn, Spesen, Provision, Bonus, Auto, Miete)» an sich selbst und ihre Gesellschaften auszahlten. Mehr noch: Vor dem Eingreifen der Finma wurden Konten von Firmen aus der AAA-Gruppe bei Schweizer Banken saldiert und «hohe Beträge ins nahe ­gelegene Ausland transferiert».

Hinzu kommt, dass man in der Schweiz nicht ohne weiteres mit Aktien handeln darf. Dafür sind Bewilligungen notwendig – welche die AAA-Gruppe nicht hatte, wie die Finma feststellte. Mindestens einer Selbstregulierungs­organisation hätte sich die AAA anschliessen müssen, aber ein Aufnahmegesuch scheiterte im Frühling 2015 wegen «fehlender Belege».

Roboy emigrierte nach München

Die Liste der Finma-Vorwürfe an die Adresse von M., R. und deren «AAA-Konzern» geht über 18 Seiten. Am Ende erhält die Zürcher Kanzlei Holenstein den Auftrag, die Bücher der Firmen zu durchkämmen, um festzustellen, was genau passiert ist. Wo genau all die Millionen durch- und hinflossen. Wie viele Anleger wie viel verloren haben. Bis jetzt existieren lediglich Verdachtsmomente. Es kann Monate dauern, bis der Holenstein-Bericht vorliegt. Einstweilen gilt für M. und R. die Unschuldsvermutung. Die beiden Vermögensverwalter meldeten sich trotz mehrerer Anfragen nicht beim TA.

Professor Pfeifer steht nicht im Fokus der Ermittlungen; die Finma erhebt keine Vorwürfe gegen ihn. Es stellt sich aber die Frage, warum er als Verwaltungsrat der AI Technology nicht merkte, wie M. und R. geschäfteten. Pfeifer wollte wegen des laufenden Verfahrens keine Auskunft geben.

Roboy selbst ist von der Finma-­Blockade nicht betroffen. Er gehört der Universität Zürich. Heute «wohnt» er an der Technischen Universität München, wo sich ein ehemaliger Student Pfeifers um ihn kümmert.

* Namen der Redaktion bekannt

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.01.2016, 22:35 Uhr)

Lizenz weg, zwangsliquidiert
Firma verwaltete 121 Millionen

Finanzberater S. M. kontrollierte nebst der AAA-Gruppe ein weiteres Unternehmen, bei dem die Finma eingriff. Die VIP Vermögensverwaltung AG administrierte für 48 Kunden, zur Mehrheit Schweizer Privatpersonen, rund 121 Millionen Franken. M., der im Zürcher Oberland in einem stattlichen Haus mit Swimmingpool gemeldet ist, war der einzige Verwaltungsrat. Am 18. Januar 2016 hat die Aufsicht zu ihrer schärfsten Waffe gegriffen: Sie entzog der Firma die Lizenz als Finanzintermediär – und liess sie zwangsliquidieren.

Gegen diesen Schritt hatte sich M. jahrelang gewehrt, blitzte aber im November 2015 beim Bundesverwaltungsgericht ab. Im Urteil sind schwere Vorwürfe gegen ihn aufgelistet: Er habe keine vollständigen Kundendossiers geführt, Geldwäscherei-Abklärungen nicht sauber vorgenommen, seine Aufsichts- und Treuepflichten als Vermögensverwalter «systematisch» verletzt. Und: Er habe mit dem angelegten Geld Aktien von Firmen gekauft, die ihm nahestanden – ein «offensichtlicher Interessenkonflikt». Wie viel von den einst 121 Millionen übrig ist, muss nun der Liquidator herausfinden. (ms)

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