«Frauenquoten könnten helfen»

Die Politologin Anja Bultemeier sagt, wie die Digitalisierung den Frauen nützen könnte.

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Eine neue Studie zur Digitalisierung in der Arbeitswelt zeichnet ein düsteres Bild für Frauen: Weil sie in technischen Berufen untervertreten seien, liefen sie eher Gefahr, in Zukunft die Stelle zu verlieren, als Männer. Teilen Sie diese Ängste?
Frauen sind in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik klar untervertreten. Gleichzeitig sind es eben diese Bereiche, welche die Digitalisierung vorantreiben. Von daher rührt auch die Angst, dass die Arbeitswelt der Zukunft die Interessen der Frauen nicht mitberücksichtigen könnte. Diese Angst ist berechtigt, es kann aber auch ganz anders herauskommen. Die Frauen holen nämlich auch in den Mint-Bereichen auf. In Deutschland ist der Anteil der weiblichen Informatik-Erstsemester in den letzten Jahren stark gestiegen, aktuell sind es 23 Prozent. Ausserdem verändern sich mit der Digitalisierung auch die Berufsbilder; dadurch entstehen ganz neue Chancen für Frauen.

Welche?
Nehmen wir den Automobilbereich als Beispiel. Die Tätigkeiten in der ­Forschung und Entwicklung verändern sich sehr stark. Wer früher in der Autobranche arbeitete, musste «Benzin im Blut» haben – alles war sehr männlich geprägt. Heute dreht sich der Berufsalltag immer stärker um neue Themen wie die Software, die Kommunikation mit dem Kunden oder die Sicherheit, zum Beispiel im Zusammenhang mit dem hochautonomen Fahren. Das sind neue und gesellschafts­relevante Themen, die auch für Frauen interessant sind.

Es ist aber schon so, dass Frauen gerade die Berufe, die mit der ­Digitalisierung wichtiger werden, immer noch meiden. Warum?
Der digitale Wandel, den wir im Moment erleben, ist ja eigentlich erst vor ein bis zwei Jahren wirklich im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Dass sich die Märkte komplett verändern, dass neue Geschäftsmodelle entstehen. Das war der Mehrheit vorher nicht bewusst. So stecken die Berufsbilder selber noch mitten im Anpassungsprozess. Vor allem aber wird bislang noch viel zu wenig getan, um die Berufsbilder neu zu definieren und zu gestalten, sodass sie auch für Frauen attraktiver werden.

Was muss also geschehen?
Ich habe vorhin den Automobilbereich als Beispiel genannt. Hier entstehen neue Tätigkeitsfelder. Die Arbeit verlagert sich von der Werkbank ins Labor, die Vernetzung und Organisation von Wissen wird wichtiger. Das heisst auch, dass andere Berufsgruppen in die Branche integriert werden, Softwareentwickler und Kommunikationsspezialisten zum Beispiel. Die beruflichen Monokulturen innerhalb der Branche brechen auf. Das käme der Integration von Frauen grundsätzlich entgegen – doch viele Autohersteller haben sich an diese neue Realität noch gar nicht angepasst. Dementsprechend ist das neue Berufsbild auch noch nicht bei den Frauen angekommen. Das muss sich ändern.

Das WEF geht in seiner Studie auch auf die Untervertretung von Frauen auf der Führungsebene ein. Was hat das mit der Digitalisierung zu tun?
Die neuen Chancen für Frauen, von denen ich spreche, ergeben sich nicht von selbst. Jedes Unternehmen entscheidet autonom, welche Struktur es sich gibt und wie es seine Teams zusammensetzt. Wenn also diejenigen, die solche Entscheidungen treffen, vor allem männlich und gesetzteren Alters sind – so wie es heute bei den meisten Firmen noch der Fall ist –, dann haben neue Ideen von Führung und Teamarbeit es schwer, sich durchzusetzen.

Wären Frauenquoten aus dieser Sicht also gar keine derart schlechte Idee, weil sie den Wandel erzwingen?
Ich glaube tatsächlich, dass Quoten helfen könnten, den Veränderungsprozess in Gang zu bringen. Sie stellen Verbindlichkeiten her: Führungskräfte müssen vorweisen, dass sie Frauen fördern, sie müssen Rechenschaft über die Fortschritte in diesem Bereich ablegen. Wir wissen aus der Forschung, dass ein solches Reporting oft der Anstoss für einen Lernprozess im Unternehmen sein kann. Am Ende muss sich aber das ganze Karrieresystem ändern, damit Frauen sich auch an der Spitze behaupten können.

Inwiefern?
Das Erste ist, dass wir die neuen Möglichkeiten, die mit dem Umbruch der technischen Berufsfelder entstehen, bewusst gestalten. Dabei dürfen wir nicht die Augen davor verschliessen, dass mit der Digitalisierung viele weiblich geprägte Tätigkeiten in den Büros unter Druck geraten. Dafür müssen gesonderte Lösungen gefunden werden. Darüber hinaus müssen zentrale Stellschrauben des Karrieresystems verändert werden.

Was heisst das konkret?
Wir müssen unser Karriereleitbild diversifizieren und auch für Frauen öffnen. Die Auswahlkriterien für Führungspositionen sind nach wie vor sehr männlich geprägt – gefragt sind vor ­allem Durchsetzungsvermögen, Stärke und Überzeugungskraft. Gerade durch die Digitalisierung werden nun aber auch andere Kompetenzen wichtig. ­Die Kommunikation wird in Zukunft essenziell sein, genauso wie die Fähigkeit, über Fachgrenzen hinaus zu kommunizieren und unterschiedliche Disziplinen zusammenzubringen. Das kommt den Frauen als Teamplayerinnen ent­gegen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.01.2016, 22:18 Uhr)

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Anja Bultemeier

Die Politologin arbeitet an einer Studie zum Thema «Frauen in der digitalen Arbeitswelt» mit. Sie forscht an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

WEF-Studie

Kluft bei der Digitalisierung

5 Millionen Jobs wird die vierte industrielle Revolution laut einer Studie des Weltwirtschafts­forums WEF in den nächsten 5 Jahren vernichten – und Frauen werden davon besonders stark betroffen sein. In absoluten Zahlen erwartet die Männer laut der Studie ein Jobverlust von 4 Millionen, demgegenüber stehen 1,4 Millionen neu geschaffene Stellen. Die Frauen dürften hingegen 3 Millionen Stellen verlieren, aber nur 0,55 Millionen dazugewinnen. Der Hauptgrund für das Ungleichgewicht: Gerade in Branchen, die mit der Digitalisierung an Bedeutung gewinnen, sind Frauen nach wie vor stark untervertreten. (fko)

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