Für die Medikamente nach Indien

Weil die hochwirksamen neuen Pillen gegen Hepatitis C in der Schweiz rationiert sind, beschaffen sich infizierte Schweizer die Heilmittel in Asien. Der Erwerb hat seine Tücken.

In Indien kommen Hepatitis-C-Patienten günstig an Medikamente, die in der Schweiz rationiert sind. Foto: Peter Horree (Alamy)

In Indien kommen Hepatitis-C-Patienten günstig an Medikamente, die in der Schweiz rationiert sind. Foto: Peter Horree (Alamy)

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K. G.* hat Hepatitis C. Von dieser potenziell lebensbedrohlichen Virusinfektion weiss er seit Sommer 2014. Sein Arzt versuchte, ihn mit Interferon zu behandeln. Vergeblich. K. G. sprach auf die mit heftigen Nebenwirkungen verbundene Therapie nicht an.

Dabei könnte der in der Nordwestschweiz wohnende Mann von seiner Infektion heute kuriert werden. Möglich machen es die neuen, hochwirksamen Medikamente, die seit Ende 2014 von verschiedenen Herstellern auf den Markt gebracht worden sind. Mit dem Medikament Harvoni des US-Herstellers Gilead Science wäre K. G. geholfen, wie sein Arzt meint. Er müsste die Tabletten täglich während zwölf Wochen schlucken.

Doch die Wunderpillen sind für ihn ausser Reichweite. Sein Arzt darf sie ihm nicht verschreiben, seine Krankenkasse die Kosten dafür nicht übernehmen. Grund: Die neuen Medikamente sind so teuer, dass das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Behandlung massiv eingeschränkt hat mittels einer sogenannten Limitatio. Harvoni und ähnliche Präparate dürfen nur an Patienten abgegeben werden, deren Krankheit bereits weit fortgeschritten ist.

Zu teuer, falscher Genotyp

K. G. könnte die Therapie einfach aus der eigenen Tasche berappen. Doch dazu ist er finanziell nicht in der Lage. Derzeit kosten die für die Standardtherapie von drei Monaten notwendigen Packungen Harvoni 50'244.90 Franken. Nicht berücksichtigt sind dabei die Kosten für Arztkonsultationen und Laboruntersuchungen. In seinem Fall kommt noch dazu, dass er mit dem Virus des Genotyps 4 infiziert ist. Harvoni ist jedoch in der Schweiz – anders als etwa in den USA oder in Deutschland – nur für den Genotyp 1 zugelassen.

Also entschloss sich K. G., das zu tun, was immer mehr Menschen aus Europa, den USA oder Australien tun, also überall dort, wo die Medikamente sehr teuer und limitiert sind: Er besorgt sich die Medikamente in Asien.

Hotspot dieses Medikamententourismus ist Indien. Die dortige Pharma­industrie besorgte sich bei Gilead schon früh Lizenzen, um die Pillen zu spottbilligen Preisen herzustellen. Damit, so die Auflage des Lizenzgebers, sollten andere Entwicklungsländer beliefert werden. Seit letztem November verkaufen indische Anbieter auch Generika von Harvoni. Das Medikament kostet je nach Hersteller zwischen 1400 und 1700 Dollar für die Dreimonatstherapie.

Einer der Ersten, der auf den persönlichen Parallelimport setzte und nach Indien reiste, war der Australier Greg Jefferys. Der heute 61-jährige Historiker buchte seine Indienreise im Frühjahr 2015, nachdem ihm sein Arzt mitgeteilt hatte, dass ihm das Gilead-Produkt Sovaldi nicht vergütet werde, weil seine Erkrankung noch nicht schwer genug sei. Die Therapie kostete damals gegen 90'000 Dollar. In Indien hingegen boten Pharmafirmen eine Dreimonatspackung Sovaldi ab 500 Dollar an, recherchierte er im Internet.

Spezialisierte Kliniken

Jefferys suchte in der südindischen Stadt Chennai das moderne Privatspital Apollo auf. Die an mehreren indischen Standorten tätige Apollo-Gruppe hat sich auf die Behandlung von Patienten aus dem Ausland spezialisiert. Der Arzt, der ihn dort in Empfang nahm, war in Grossbritannien ausgebildet und hatte auch lange dort praktiziert. Er stellte ihm ein Rezept für Sovaldi aus. Die Konsultation kostete Jefferys 20 Dollar. Die Pillen holte er sich auf Empfehlung des Arztes bei einem Händler, der mit dem von Gilead lizenzierten indischen Sovaldi-Hersteller Mylan zusammenarbeitete. Auslage für den dreimonatigen Pillenvorrat: 1000 Dollar – just so viel, wie in den USA und in Australien eine Tablette Sovaldi kostete. In der Schweiz hätte das Stück zu diesem Zeitpunkt 686 Franken gekostet. Für Flug, Hotel und Taxifahrten legte Jefferys weitere 2000 Dollar aus. «Insgesamt kostete mich das Ganze rund 3000 Dollar», schrieb er nach seiner Rückkehr in seinem Blog. Mittlerweile ist Jefferys völlig virenfrei. Und der Australier ist heute im Internet eine der bekanntesten Anlaufstellen für Hepatitis-Infizierte rund um den Globus, die Hilfe in Indien suchen. Guter Rat von ihm und anderen Kennern ist allerdings auch nötig: Die enormen Preisdifferenzen haben zahlreiche Anbieter angelockt, die im Internet den Versand von Medikamenten propagieren. Deren Seriosität lässt sich kaum überprüfen. «Es besteht die Gefahr, dass die gelieferten Produkte nicht den an­gegebenen Inhaltsstoff beinhalten oder nicht in der notwendigen Qualität und Menge», warnt Philipp Bruggmann, Chefarzt Innere Medizin am Arud-Zentrum für Suchtmedizin.

Der Schweizer K. G. hat auf der Suche nach Harvoni einen anderen Weg gewählt als Jefferys. Er reiste vor einigen Wochen in ein südostasiatisches Land, das er aus früheren Aufenthalten kennt und wo er Freunde hat. Die Hürden erwiesen sich allerdings als hoch. «Man kann nicht einfach mit einem ärztlichen Rezept in eine Apotheke gehen und die Pillen kaufen», beschreibt er seine Erfahrungen. Für viele Ladenbetreiber lohnt sich eine Vorratshaltung der auch nach asiatischen Massstäben teuren Hepatitis-Medikamente nicht. Von ähnlichen Erfahrungen sprechen denn auch Reisende in Indien.

K. G. fand schliesslich Hilfe bei einer lokalen Firma, die Ausländern Dienste in medizinischen Angelegenheiten offeriert. Was natürlich seinen Preis hat, denn auch dieser Anbieter hat kapiert, was läuft: Kranke Ausländer, die per se als reich gelten, suchen verzweifelt nach Medikamenten. Da locken üppige Gewinnmargen. Der lokale Dienstleister anerbot sich, Harvoni in Indien zu besorgen und es für K. G. zur Abholung an seiner Feriendestination bereitzuhalten. Kostenpunkt: 6000 Dollar, bezahlbar im Voraus. Sollte die Ware aus irgendwelchen Gründen nicht aus Indien angeliefert werden, behält der Dienstleister ein Drittel der Summe für sich.

Obwohl die Medikamente auf diesem Weg gegen fünfmal teurer sind als in Indien, hat K. G. die Offerte akzeptiert. Vor wenigen Tagen hat er per Mail Bescheid erhalten, dass die Harvoni-Packungen in seinem Ferienland eingetroffen seien. Nun werden Bekannte von ihm die Pillen in die Schweiz bringen.

Anderen Arzt suchen

Auch der Zürcher J. A.* ist ein Opfer der Limitatio und will sich Harvoni in Indien beschaffen. An seinem Fall lässt sich noch eine weitere Schwierigkeit aufzeigen: Sein Arzt weigerte sich, ein Rezept auszustellen und ihn weiterhin zu behandeln, sollte er importierte Medikamente schlucken. Inzwischen hat J. A. einen anderen Arzt gefunden, der ihm helfen will. Die indische Firma Act Life Sciences bietet J. A. die Lieferung eines Harvoni-Generikums in der Dreimonatspackung für 2400 Dollar plus Lieferspesen von 100 Dollar an – gegen Zusendung eines Rezepts und einer Kopie seines Ausweises. Die Auslieferung per DHL erfolgt innerhalb von zwei Werktagen nach Eingang der Zahlung. Act Life Sciences hatte übrigens bereits im letzten Jahr Hepatologen in der Schweiz angeschrieben und ihnen Sovaldi und andere Hepatitis-Medikamente zum Bezug angeboten.

Wenig Anfragen von Schweizern

Während in der Schweiz laut Kenntnissen von Ärzten erst wenige Patienten diesen Schritt wagen, hat sich in Australien im Herbst 2015 der Fix Hep C Buyers Club gebildet, eine Selbsthilfeorganisation, die von Ärzten und Patienten getragen wird. Der Club hilft bei den Bestell- und Zahlungsmodalitäten und bietet die Möglichkeit an, die Pillen aus Indien, China und Bangladesh auf ihren Inhalt zu testen. Auch versucht er, mit Herstellern vorteilhafte Konditionen auszuhandeln. So bietet die chinesische Firma Beijing Mesochem den Clubmitgliedern den Harvoni-Wirkstoff für 1680 Dollar für eine Dreimonatsbehandlung an. Dem Club können auch Betroffene ausserhalb Australiens beitreten, erklärt der Arzt James Freeman dem «Tages-Anzeiger». Aus der Schweiz habe man allerdings erst wenige Anfragen erhalten. James hatte zusammen mit seinem Vater John Freeman, ebenfalls ein Arzt, den Club ins Leben gerufen.

* Name der Redaktion bekannt (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.02.2016, 23:11 Uhr)

Schweiz restriktiver als andere Länder

Was zu beachten ist, wenn man seine Medikamente im Ausland beziehen will.

Die gute Nachricht: Eine Privatperson darf für sich selber Arzneimittel importieren. Die schlechte Nachricht: Es darf nur die Menge eines Monatsbedarfs eingeführt werden. Das schreibt das schweizerische Heilmittelgesetz vor. Die Limitierung ist für die Hepatitis-Medikation ein Nachteil, da die Standardtherapie drei Monate dauert. Der Gesamtbedarf muss somit über drei Sendungen organisiert werden, was die Zustellkosten erhöht. Andere Länder wie etwa die USA und Deutschland erlauben die Einfuhr einer Dreimonatsration.

Keine Hilfe ist hierzulande vom Hausarzt zu erwarten. Ärzten ist der Import von Medikamenten untersagt. Wer Hepatitis-C-Medikamente im Ausland kauft, sollte unbedingt sicherstellen, dass die anschliessende Therapie unter ärztlicher Kontrolle stattfindet, weil die Wirksamkeit regelmässig überprüft werden muss. Gemäss Informationen des TA gibt es vereinzelt Ärzte, die ihren Patienten die Ausstellung eines Rezepts für den Medikamentenbezug im Ausland verweigern und auch die anschliessende Therapie nicht überwachen wollen.

Im Internet gibt es mittlerweile zahlreiche Foren, wo sich Hepatitis-Patienten über ihre Krankheit austauschen und über ihre Erfahrungen mit Medikamentenkäufen im Ausland informieren. In Australien berät überdies der Fix Hep C Buyers Club Patienten und Ärzte. Er richtet sich explizit nicht nur an Australier, sondern will seine Dienste auch in Europa und den USA anbieten. Auch auf dem Portal von Swissmedic finden sich Angaben über den Onlinebezug von Medikamenten aus dem Ausland. Das Schweizerische Heilmittelinstitut steht dem Eigenimport jedoch skeptisch gegenüber. Entsprechend wird vor allem auf die Gefahren verwiesen. (rf)


Hepatitis C: Chronische Leberentzündung

Hepatitis ist eine Entzündung der Leber, die durch Bakterien, Parasiten, Gifte oder – wie bei Hepatitis C – durch Viren verursacht wird. Bei gegen 80 Prozent der Infizierten kommt es zu einer chronischen Entzündung der Leber. Häufig verläuft eine Infektion aber lange Zeit symptomlos. In der Schweiz leben geschätzte 80 000 Betroffene, viele ohne Diagnose. Die Ansteckung erfolgt via Blut, etwa durch Spritzen, medizinische Eingriffe oder Tätowierungen sowie blutige Sexualpraktiken. (TA)

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