Hat das Tessin einen Fall Madoff?

Ein Vermögensverwalter aus Morcote mit Büros im In- und Ausland sitzt in Untersuchungshaft. Er soll 40 Millionen Franken seiner Kunden veruntreut haben.

In Lugano betrieb der festgenommene Vermögensverwalter den Hauptsitz seiner Firma.<br />Foto: Akos Stiller (Bloomberg)

In Lugano betrieb der festgenommene Vermögensverwalter den Hauptsitz seiner Firma.
Foto: Akos Stiller (Bloomberg)

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Am 17. November 2015, einem Dienstag, war das Treiben vorbei. Luganos Staatsanwalt Andrea Minesso eröffnete Danilo Larini, einem Vermögensverwalter aus dem malerischen Morcote am sonnigen Luganersee, dass er wegen Verdachts auf schweren Finanzbetrug in Untersuchungshaft genommen werde. «Ich hatte Larini aufgeboten, um in einer scheinbar kleinen Sache Auskunft zu geben», sagt Ankläger Minesso im Gespräch. «Im Verlauf der Befragung wurde die Angelegenheit immer bizarrer. Zuletzt war klar, dass etwas Grosses nicht stimmte.»

Das Grosse – es ist inzwischen gemäss Tessiner Medien auf 40 Millionen Franken angewachsen. So gross sei das Loch, das Larini und seine LP Suisse Group in die Taschen vieler gutgläubiger Anleger gerissen habe. Stand heute. Die Schadenssumme ist rasch und dramatisch gestiegen, von anfänglich einer auf einige Millionen bis hinauf auf den aktuellen Betrag. Dabei sollen laut Medienberichten auch italienische Stiftungen der LP Group Geld anvertraut haben.

Ein Büro in Katar

Staatsanwalt Minesso sagt, der Fall Larini und dessen LP-Gruppe sei «Work in Progress». Auf die Frage, ob er internationale Rechtshilfegesuche am Laufen habe, meinte der Luganeser Ermittler, dass die Larini-Gruppe bekanntlich auch im Ausland aktiv gewesen sei. Ob weitere Personen verdächtigt oder inhaftiert worden seien, lässt Staatsanwalt Minesso offen. Bestätigen will er einzig, dass Vermögenswerte von Larini beschlagnahmt worden seien. Die meisten Betroffenen unter den Kunden würden aus dem Tessin stammen, wo Larini seine Hauptoperationsbasis hatte.

Der Aufsicht der Eidgenössische Finanzmarktaufsicht unterstellt war die LP-Gruppe nicht, wie ein Sprecher der Behörde sagte. Neben Lugano betrieb Larinis LP-Gruppe aber noch Ableger in Zürich und Zug. Letzten Frühling kam dann sogar ein Büro im arabischen Raum hinzu. Von der Finanzaufsicht in Katar hatte der Tessiner eine Lizenz für seinen Family-Office-Arm erhalten, mit dem er besonders reiche Kunden betreuen wollte. Dies nutzte der Tessiner sogleich für einen Auftritt in einem Branchenblog. «Unsere Vision für diese Niederlassung ist es, das Tor für Katar in die Schweiz zu sein», gab das Schweizer Onlinemedium «Finews» Larini wieder. Der bis dahin unbekannte Schweizer wollte mit seiner Katar-Tochter «vor Ort (. . .) lokalen Kunden die gesamte Palette an Familiy-Office-Dienstleistungen anbieten». Welche Scheichs oder andere Vermögende am Golf auf den Tessiner warteten, blieb sein Geheimnis.

Pünktliche Zinszahlungen

Die Expansion in den Mittleren Osten könnte der Versuch gewesen sein, steigende Verluste mit Neugeldern zu stopfen. Aufgrund der bisherigen Erkenntnisse und von Gesprächen des «Tages-Anzeigers» mit mehreren Involvierten deutet vieles auf ein klassisches Ponzi-Schema hin. Dabei nutzt der Betrüger das Vertrauen der Kunden aus, zweigt deren Gelder, die er vermeintlich gewinnbringend anlegt, für eigene Zwecke ab und beginnt, die wachsenden Löcher mit immer neuen Anlagegeldern zu stopfen. Der bekannteste Ponzi-Betrüger der jüngeren Zeit ist Bernard Madoff, der im Jahr 2008 nach einer Selbstanzeige von der US-Bundespolizei FBI verhaftet worden war und einen Schaden von 50 Milliarden Dollar hinterliess. Madoff wurde 2009 schliesslich zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt.

Bei Danilo Larini geht es um einen in feinem Tuch auftretenden 42-Jährigen, der sich gerne vornehm gibt. Gleich mit zwei zusätzlichen Vornamen – Andrea Roberto – präsentiert sich Larini auf der Homepage seiner LP Suisse Group. Das Logo mit den drei verzierten und in­einanderverschobenen Buchstaben LPS weckt Assoziationen nach soliden Swiss Banking. Prima vista erinnert es gar ein wenig an den noblen Schriftzug der J. Safra.

Sechs bis zwölf Prozent Gewinn

Auf diese Weise gelang es Larini, unzählige Kunden anzulocken. «Er wurde mir empfohlen», sagt eine Betroffene aus dem Tessin, die Danilo Larini einen derart hohen Betrag anvertraut habe, dass sie nun um ihre Rente fürchten müsse. Einbezahlt hatte sie auf ein Bankkonto, das auf Larinis Namen lautete – ein Umstand, der eigentlich hätte stutzig machen müssen. Aber anfänglich sei ja auch alles gut gegangen. Jedes Jahr habe sie von Larini einen Auszug erhalten, wie sich ihr Investment entwickelt habe. Larinis Versprechen sei sehr lukrativ gewesen. Sechs Prozent Zins sollte es geben, und das bei einer konservativen Anlagestrategie. Wer mehr Risiko eingehen wollte, dem habe Larini laut der Betroffenen sogar das Doppelte in Aussicht gestellt. Die Abrechnungen hätten immer gestimmt, auch die Zinszahlungen seien stets pünktlich erfolgt, meint die Kundin.

Bis letzten Herbst. Dann seien erste Fragen aufgetaucht. «Ich rief bei Larini im Büro in Zug an, da hiess es, er sei krank», berichtet die Betroffene. Sie habe Briefe an Larinis LP Suisse Group geschrieben – vergeblich. «Bei einem weiteren Anruf hiess es dann plötzlich, Larini habe einen Unfall gehabt.» Die Zweifel nahmen zu. Dann folgten die Nachrichten von Larinis Verhaftung und dem Schuldenloch. Auf der Homepage der LP Suisse Group deutet nichts auf die dramatische Entwicklung hin. Allerdings landet man beim Anruf auf die angegebene Festnetznummer auf einer Combox, die offenbar ins Leere geht. Jedenfalls reagiert niemand auf die Bitte um Rückruf.

An den Start war Larini 2007 mit einer Gesellschaft namens Larini Management Switzerland gegangen. Diese taufte er später um in LP Suisse Fiduciary in Zürich. Im Verwaltungsrat sass bis vor kurzem auch ein Anwalt der bekannten Zürcher Kanzlei Lustenberger. Nikola Bellofatto heisst dieser, gemäss Handelsregister trat er erst kurz vor Weihnachten aus dem Aufsichtsgremium aus. Larini war bereits im Vorjahr ausgeschieden. Sein Anwalt liess eine Anfrage des «Tages-Anzeigers» unbeantwortet.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.02.2016, 23:44 Uhr)

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