«Flüchtlingslehre» soll Integration erleichtern

Sprachkurse, Beschäftigungsprogramme, Coaching: Staatliche Mittel sollen die Integration beschleunigen. Der Internationale Währungsfonds hat eine andere Idee.

Möglicher Einstiegsjob für Flüchtlinge: Fensterputzer bei der Arbeit. Foto: Plainpicture

Möglicher Einstiegsjob für Flüchtlinge: Fensterputzer bei der Arbeit. Foto: Plainpicture

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die 50-seitige Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Frage, wie Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden sollten, ist aufschlussreich. Sie analysiert frühere Flüchtlingswellen und deren Folgen basierend auf Forschungen und empfiehlt den Regierungen entsprechende Massnahmen.

Die interessanteste Empfehlung der IWF-Ökonomen ist, dass Bund und Kantone «eine temporäre Senkung der Mindest- und Einstiegslöhne» für Flüchtlinge zulassen sollten. An solche Jobs wären keine Bedingungen geknüpft. Hauptsache, die Einwanderer finden schnell Arbeit. Dafür profitiere auch der Staat, wie Studien nachweisen. «Je schneller die Integration, desto tiefer die staatlichen Kosten, die mit dem Zufluss von Asylbewerbern verknüpft werden», schreibt der IWF. Kurzfristig könnten zwar Mehrkosten und Nebenwirkungen im Arbeitsmarkt entstehen, aber langfristig würden aus diesen Leuten verlässliche Steuer- und AHV-Beitragszahler. Denkbar sind viele Berufe und Branchen: etwa Lageristen, Recycling­ar­beiter, Hilfsarbeiter, Erntehelfer, Landschaftspfleger, Haushaltshilfen, Alterspfleger, Zimmermädchen, Küchengehilfen und viele mehr. Je nach Region und Branche sind die gesetzlichen Minimallöhne verschieden hoch. Die tiefsten liegen für Saisonarbeiter (Landwirtschaft) bei 13 Franken pro Stunde, die höchsten im Bau bei 26 Franken für junge Ungelernte. Der IWF nennt keine Branchen, aber das deutsche Beispiel, wo für Langzeitarbeitslose in den ersten sechs Monaten einer Anstellung Mindestlöhne nicht gelten. Analoges solle für Flüchtlinge Gültigkeit haben.

Gewerkschaften nicht dagegen

Der IWF-Vorstoss steht im Kontrast zu den aktuellen Forderungen in der Schweiz nach mehr staatlich organisierter Integrationsförderung. Die Rede ist von Coaching, Beschäftigungsprogrammen und Schulung. Was sagen Bund, Sozialpartner und Arbeitsmarktexperten?

Das federführende Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) gibt sich kühl. Eine «generelle und systematische Abweichung» von der orts- und branchenüb­lichen Entlöhnung» werde «nicht ins Auge gefasst» und sei auch rechtlich nicht möglich. «Der Schutz vor Lohn- und Sozialdumping ist zu gewährleisten», sagt ein Sprecherin. Die aktuelle Strategie sehe nur berufseinführende Praktika vor mit einer «Entlöhnung analog von Lehrlingen». Das Staatssekretariat für Wirtschaft erklärt, man wolle «einem Druck auf die Lohn- und Arbeitsbedingungen keinen Vorschub leisten». Weniger kategorisch geben sich die Sozialpartner. Sowohl Gewerkschaften wie Arbeitgeberverbände können sich temporär tiefere Löhne von Jobs für Flüchtlinge vorstellen. Sie knüpfen allerdings unterschiedliche Bedingungen daran. Der Gewerkschaftsbund kann zustimmen, sofern die Arbeitsverhältnisse «einen wesentlichen Anteil an Bildung und Integration aufweisen» und befristet wären. Der Arbeitgeberverband akzeptiert solche Voraussetzungen, solange diese Arbeitsverträge «unbürokratisch» zustande kämen und «weitere Qualifikationsmassnahmen» ausserhalb des Arbeitsplatzes erfolgten. «Wir erachten die Flüchtlingsintegration primär als Staatsaufgabe», sagt Sprecher Fredy Greuter.

Auch die Gewerkschaft Travailsuisse und der Gewerbeverband sind im Grundsatz dafür, betonen aber die Risiken. Travailsuisse sagt, es bestehe die Gefahr, dass Angestellte aus Tieflohnbranchen ihre Jobs verlören und später ebenfalls von der Sozialhilfe abhängig würden. «In der Folge könnte die Akzeptanz von Flüchtlingen noch mehr ab­nehmen», sagt Travailsuisse-Präsident Adrian Wüthrich. Der Gewerbeverbands-Dossierführer Dieter Kläy ergänzt, der «Ausbildungs- und Integrationsaspekt müsste im Zentrum stehen, ansonsten käme es zur Benachtei­ligung von Schweizer Arbeitnehmern».

Überwacht im Ausländerregister

Im Gegensatz zum Arbeitgeberverband bekämpft der Gewerbeverband ein zusätzliches Engagement des Bundes, etwa für die «Flüchtlingslehre», wie sie Bundesrätin Simonetta Sommaruga vorgeschlagen hatte. «Staatliche Beschäftigungsprogramme und subventionierte Arbeitsplätze lehnen wir ab.» Solche hat letzte Woche SP-Politiker Rudolf Strahm gefordert, weil er glaubt, dass sich Arbeitgeber zu wenig engagieren. «Der private Sektor in der Schweiz integriert und beschäftigt neue Asylpersonen nicht!» Strahm lehnt die IWF-Idee eines tiefe­ren Praktikums- oder Einstiegslohns für Flüchtlinge nicht ab. Dieser dürfe aber nur «einmalig und nicht repetitiv sein» und müsste «mit dem Ausländerregister überwacht» werden.

Der IWF sagt, dass Befürchtungen von Arbeitsplatzverlust und Lohndruck unbegründet seien. «Die Auswirkungen auf bestehende Arbeitsplätze sind begrenzt und kurzfristiger Natur», so die Ökonomen. Die Forschung zeige, dass Staaten, die Flüchtlingsintegration entschieden angepackt haben, belohnt würden. Die Wirtschaftsleistung steige schneller an, als wenn der Staat nichts machen würde. Die Verschuldung eines Landes nehme weniger rasch zu und die Beschäftigtenquote sinke rascher. Dies zeigten bisherige Einwanderungswellen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 24.02.2016, 23:34 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

«Kein Flüchtling gekommen»

Tag eins der neuen Quotenregelung für Flüchtlinge in Österreich: Die Polizei wartet mit einem Grossaufgebot an der Grenze – vergebens. Mehr...

Eine Gefahr für die Demokratie

Verschwörungstheorien, Unwahrheiten und Falschaussagen verbreiten sich rasant im Internet. Wie sich Medien und private Initiativen jetzt dagegen wehren. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Anzeigen

Werbung

Blogs

Geldblog Tiefe Rendite – grosse Sicherheit

Mamablog Den Mama-Körper lieben lernen

Anzeigen

Die Welt in Bildern

Bei einer Parade anlässlich die malaysischen Unabhängigkeitstags marschieren Bürger durch Kuala Lumpur und schwenken Nationalflaggen. (29. August 2016)
(Bild: Ahmad Yusni/EPA) Mehr...