London lockt noch immer

Trotz Brexit bauen Konzerne wie Google, Apple oder Wrigley neue Büros in der britischen Hauptstadt.

Das Schwein fliegt weiter, Apple zieht ein: Das stillgelegte Battersea-Kraftwerk an der Themse. Foto: Joel Ryan (AP, Keystone)

Das Schwein fliegt weiter, Apple zieht ein: Das stillgelegte Battersea-Kraftwerk an der Themse. Foto: Joel Ryan (AP, Keystone)

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Facebook, Apple, Google, Amazon, Snapchat, Lego, Wrigley: Sie alle zieht es trotz des Brexit nach London. Sie bauen dort an den besten Lagen Büros und schaffen Arbeitsplätze. Oder verlagern Arbeitsplätze aus anderen Ländern dorthin. Wrigley etwa wird seine Europa-Zentrale nach London verlegen.

Die Entscheidung für London – bisher hatte Wrigley seinen europäischen Sitz in der Nähe von München – fiel erst nach dem EU-Referendum. Ob nach dem Brexit Unternehmen weiter ohne Zölle Handel über den Ärmelkanal treiben dürfen, ist unklar. Wrigley schreckt das aber offenbar nicht – wie viele andere Konzerne. So verlagerte der dänische Spielzeugklötzchenkonzern Lego Stellen aus EU-Ländern nach London. Lego-Vizepräsident John Goodwin begründete das damit, dass London den «Zugang zu einem breiten Spektrum hoch qualifizierter Fachkräfte» eröffne.

Unklare Bedingungen ab 2019

Die Begeisterung der internationalen Konzerne für die 8,8-Millionen-Stadt überrascht auf den ersten Blick. Schliesslich wissen die Unternehmen nicht, welchen Bedingungen der Handel mit der EU nach dem Austritt im Frühjahr 2019 unterliegen wird. Die britische Premierministerin Theresa May hat festgelegt, dass das Königreich beim Brexit auch den Binnenmarkt und die Zollunion verlassen wird. Das wird Geschäfte über den Ärmelkanal in jedem Fall erschweren. Damit zumindest keine Zölle eingeführt werden, möchte May einen umfassenden Freihandelsvertrag mit Brüssel abschliessen. Allerdings gilt es als nahezu unmöglich, sich bis 2019 auf ein so kompliziertes Abkommen zu einigen.

Der amerikanische Internetkonzern Google baut derweil in Londons Innenstadt einen gigantischen Bürokomplex, in dem 7000 Menschen arbeiten können. Um den Koloss zu füllen, will das Unternehmen 3000 Jobs schaffen. Der Onlinehändler Amazon will bis zu 5000 Beschäftigte in einem schicken neuen Büroturm in Shoreditch, einer einstmals heruntergekommenen, nun aber bei Tech-Start-ups schwer angesagten Gegend, unterbringen.

Apple setzt dagegen aufs südliche Themse-Ufer. Im Jahr 2021 sollen 1600 Mitarbeiter zur Battersea Power Station ziehen, einem ausrangierten Kraftwerk, bei dem nun Wohnungen und Büros entstehen. Die Industrie-Ikone ist bekannt vom Cover des Pink-Floyd-Albums «Animals». Bei Facebook geht es schneller: Der US-Internetkonzern will schon in diesem Jahr ein neues Londoner Büro eröffnen und die Zahl der Beschäftigten auf 1500 steigern. Und Snap, die Firma hinter der beliebten Handy-App Snapchat, machte London zur Zentrale fürs gesamte Geschäft ausserhalb der USA.

Globales Designzentrum

Wie Wrigley und Lego werden die Konzerne von der Aussicht gelockt, in London viele Fachkräfte zu finden. Ob Exporte von Grossbritannien in die EU in zwei Jahren komplizierter werden, ist nicht so wichtig, denn die US-Unternehmen haben ohnehin auch Niederlassungen in anderen EU-Staaten. Über die können zur Not die Geschäfte weiterlaufen. Londons Vorteil ist hingegen, dass die kosmopolitische Metropole junge, gut ausgebildete Menschen aus der ganzen Welt anzieht. Es gibt renommierte Hochschulen vor Ort plus Cambridge und Oxford im Umland. Die Stadt hat eine boomende Start-up-Szene und ist zugleich ein globales Designzentrum. Darum können die US-Technologie- und -Internetkonzerne aus einem vergleichsweise grossen Pool an Talenten fischen.

Allerdings verspricht Premierministerin May den Wählern, nach dem Brexit die Zahl der Einwanderer drastisch zu senken. Das könnte es schwerer machen, die vielen schicken Büros zu füllen. Wie das neue Einwanderungssystem nach dem EU-Austritt aussehen soll, hat die Regierung noch nicht verraten. Gegenüber Unternehmen und Wirtschaftsverbänden versichert die Regierung stets, es werde auch nach dem Brexit kein Problem sein, Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben. Google und die anderen Konzerne scheinen darauf zu vertrauen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2017, 21:43 Uhr

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