Migros und Coop kneifen beim Tetrapak

Aldi und Spar führen das Recycling von Getränkekartons in allen Filialen ein. Warum die beiden Grossen im Geschäft nicht mitziehen.

Landeten bisher im Abfall: 700 Millionen Stück oder rund 20'000 Tonnen an Getränkekartons werden in der Schweiz pro Jahr verkauft. Foto: Nicolas Zonvi

Landeten bisher im Abfall: 700 Millionen Stück oder rund 20'000 Tonnen an Getränkekartons werden in der Schweiz pro Jahr verkauft. Foto: Nicolas Zonvi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

John Van Wormer nannte seine Erfindung «Milchflasche aus Papier». Eines Morgens liess der Mann aus Toledo in den USA eine Milchflasche fallen und nervte sich danach über die Schweinerei auf dem Küchenboden. Das Resultat seines Ärgers war das Patent Nummer US 1160677 A, eingereicht am 26. Februar 1912. Van Wormer startete mit seiner Idee eine Revolution.

Getränkekartons sind auch heute noch allgegenwärtig. Sie umhüllen nicht mehr nur Milch, sondern auch Fruchtsäfte, Saucen oder Billigweine. Neben PET und Glas sind sie in der Schweiz die dritthäufigste Verpackungsart für Flüssiges. Rund 700 Millionen Stück oder rund 20'000 Tonnen der eckigen Behälter werden jedes Jahr verbraucht. Die meisten von ihnen landen am Ende im Abfall und werden in Kehrichtverbrennungsanlagen zu Fernwärme.

Umfrage

Würden Sie leere Tetrapak-Behälter in den Laden zurückbringen?




Das will Aldi Suisse ändern. Der Discounter startete vor einem Jahr einen Test. In 65 Ostschweizer Filialen können Kunden seither Getränkekartons zurückbringen. «Sie haben viel mehr zurückgebracht, als wir erwartet hatten», erklärt ein Sprecher. Das bestätige das Bedürfnis nach Rückgabemöglichkeiten. Der Versuch wurde deshalb ausgeweitet. Inzwischen sind auch grosse Teile der Läden in der Region Zürich mit Recyclingstationen ausgestattet. Bis Ende Jahr sollen es alle Filialen in der ganzen Schweiz sein.

In anderen Ländern üblich

Die Initiative von Aldi freut die Verpackungsindustrie. Tetra Pak, SIG Combibloc und Elopak Systems haben sich im Verein Getränkekarton-Recycling zusammengetan, um die Wiederverwendung zu fördern. Sie verweisen auf die umliegenden Länder, in denen sie längst die Norm ist. «Recycling sorgt dafür, dass in der Schweiz jährlich so viel Holz eingespart wird, wie auf einer Fläche von 11'000 Fussballfeldern nachwächst», begründet Geschäftsführerin Simone Alabor weiter. Eine Auftragsstudie habe auch gezeigt, dass Recycling die CO2-Emissionen im Vergleich zur Verbrennung um 20 bis 80 Prozent verringert.

Wie hoch die Ausgaben für das neue Angebot sind, will Aldi Suisse nicht sagen. Nur so viel verrät der Sprecher: «Die Kosten bewegen sich im Rahmen anderer Recyclingsysteme.» Dabei übernimmt der Discounter durchaus auch Kosten für seine Konkurrenten. «Ein Grossteil der zu uns gebrachten Getränkekartons stammt aus den Regalen anderer Detailhändler», sagt der Firmensprecher. Neben Aldi nimmt nur noch Spar Getränkekartons zurück. Derzeit sind zwei Drittel der Filialen ausgerüstet. Bei Neubauten und Umbauten und wenn Platz vorhanden ist, sei eine erweiterte Recyclingstation mit Getränkekartons Pflicht, so eine Sprecherin.

Unbeeindruckt

Die Taten der Konkurrenz beeindrucken die Branchengrössen nicht. «Eine Rücknahme von Getränkekartons ist derzeit kein Thema», sagt Patrick Marty von der Interessengemeinschaft Detailhandel, die Coop, Manor und Migros mit ihrer Tochter Denner vertritt. Das Recycling habe einen «geringen zusätzlichen Umweltnutzen». Zudem führe es zu «sehr hohen, ungedeckten Kosten».

Marty führt weitere Probleme ins Feld: «Getränkekartons sind oft nicht wiederverschliessbar. Es ist anzunehmen, dass es zu hygienischen Problemen und Geruchsbelästigungen in Filialen und Verteilzentralen kommt», sagt er. Darüber schüttelt Verbandsfrau Alabor den Kopf. «Die Erfahrung von Aldi zeigt, dass diese Befürchtungen unbegründet sind.» Auch das Kostenargument lässt sie nicht gelten: «Es ist normal, dass der Material­erlös die Kosten des Recyclings nicht deckt.» Zum Ausgleich brauche es immer eine verursachergerechte Finanzierung. Sie zu erreichen ist das erklärte Ziel des Dachverbandes Swiss Recycling. «Ziel ist, ein schweizweit koordiniertes Recyclingsystem mit einer verursachergerechten Finanzierung aufzubauen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2017, 23:10 Uhr

Recycling

Gerührt, nicht geschüttelt

Der Prozess ist simpel. Die Getränkever­packungen laufen vom Förderband und fallen in eine riesige Trommel. Dort werden sie mit Wasser vermischt und während einigen Minuten gerührt, nicht geschüttelt. Die dicke, braune Masse teilt sich dadurch auf in 75 Prozent Kartonfaser, 21 Prozent Polyethylen und 4 Prozent Aluminium. Die Faser wird zur Herstellung neuer Kartonverpackungen genutzt. Die beiden Nebenstoffe dienen als Ersatzbrennstoff in der Zementindustrie, wo so fossile Brennstoffe eingespart werden.

Die hohe Restmenge führte zu Kritik. In Deutschland wurde von einer «Recycling-Lüge» gesprochen, da ein Viertel des Materials gar nicht in neue Produkte fliesse. «Wir haben uns Umweltziele gesetzt. Recycling von Getränkekartons hilft, diese zu erreichen», sagt Katharina Schenk, Umweltbeauftragte von Tetra Pak in der Schweiz. (se)

Artikel zum Thema

Die Schweizer sind Abfall-Europameister

Warum oft weggeworfen wird, was andere noch sattmachen könnte und weshalb Müllsünder ihren Elektroschrott im Kehricht-Sack entsorgen. Mehr...

SBB verbannen Abfallkübel aus S-Bahnen

38’000 Tonnen Abfall entsorgen die SBB jedes Jahr. Während an den Bahnhöfen Recycling-Stationen gebaut werden, entfernt das Unternehmen die Kübel aus den Zugabteilen. Mehr...

Pannen-Smartphones werden «umweltfreundlich» recycled

Was tun mit all den zurückgerufenen Galaxy Note 7? Samsung hat einen ökologischen Abbau für die Handys angekündigt – zu Freuden von Greenpeace. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Kommentare

Blogs

Mamablog 20 Spielideen für den Strand
Blog Mag Essen als Kult
Politblog Barbaren unter uns

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Erinnert an einen Pizzaiolo: Auf riesigen Tellern lässt diese Frau in der chinesischen Provinz Jiangxi Chilischoten, Spargelbohnen und Chrysanthemum-Blüten an der Sonne trocknen. (21. Juli 2017)
Mehr...