Eigentor der Notenbanken?

In Ländern mit Negativzinsen hat das private Sparen zugenommen. Dies läuft der beabsichtigten geldpolitischen Stimulierung der Nachfrage zuwider.

Zeichnung: Felix Schaad

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An den Negativzinsen scheiden sich die Geister. Das gilt ganz besonders, seit die Europäische Zentralbank (EZB) als erstes wichtiges Noteninstitut im Juni 2014 Negativzinsen eingeführt hat. Umstritten – auch im Kreis der Notenbanker – ist dieses unkonventionelle geldpolitische Instrument primär deshalb, weil es die Zinsmargen der Banken schmälert und dadurch die Finanzstabilität gefährden kann.

Das «Wall Street Journal» hat jedoch sein Augenmerk auf eine andere mögliche unbeabsichtigte Nebenwirkung von Negativzinsen gerichtet. Mit Verweis auf Zahlen der OECD zeigte das Blatt kürzlich auf, dass die privaten Haushalte in Deutschland, Japan, Dänemark, Schweden und der Schweiz – allesamt Länder mit Negativzinsen – in letzter Zeit mehr gespart haben. In den drei letztgenannten Ländern ist der Sparanteil am Einkommen jüngst sogar auf den höchsten Stand seit 1995, dem Beginn der OECD-Datenreihen, geklettert.

Vom Sparen zum Angstsparen

Mehr Sparen bedeutet weniger Konsum und dämpft somit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Die ultralockere Geldpolitik der Notenbanken zielt aber darauf ab, die Wirtschaft zu beleben. Schiessen die Währungshüter also mit den Negativzinsen ein Eigentor? Felix Brill, Leiter der Zürcher Wirtschaftsberatungsfirma Wellershoff & Partners, hält dies für möglich. Tiefere Zinsen, so Brill, mögen in der Theorie den Anreiz zum Sparen senken und somit den Konsum anregen. «Aber bei sehr tiefen oder gar negativen Zinsen gibt es auch den gegenteiligen Effekt des Angstsparens: Die Leute sparen mehr, weil sie merken, dass die Wirtschaft nicht rundläuft.»

Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz der UBS, sieht noch ein anderes Motiv für eine stärkere Spartätigkeit in Zeiten von Null- und Negativzinsen. Es werde mehr für die Altersvorsorge und andere Sparziele zurückgelegt, um die Zinsausfälle zu kompensieren. Was die Beweggründe auch sein mögen, in Deutschland dürfte die Sparquote gemessen am verfügbaren Einkommen von 9,7 Prozent im letzten auf 10,4 Prozent in diesem Jahr steigen, wie die OECD vorhersagt. Vor einem regelrechten «Sparschub» steht Dänemark mit einer geschätzten Quote von 8,1 Prozent für 2016, nachdem dort die Sparguthaben in den Jahren 2013 und 2014 per Saldo noch geschrumpft sind.

In der Schweiz hat sich der Sparanteil zuletzt bei rund 20 Prozent stabilisiert (wobei etwa ein Viertel hiervon auf das Zwangssparen im Rahmen der beruflichen Vorsorge entfällt). Brill macht sich hierzulande denn auch weniger Sorgen um die Nebeneffekte der Negativzinsen auf das Sparverhalten. Für problematischer hält er hingegen, dass hiesige Banken und Grossinvestoren wie Pensionskassen und Versicherungen auf der Suche nach Rendite «in riskantere Anlagen und Geschäfte ausweichen».

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) sieht die Negativzinsen vor allem als Mittel, um den Franken für Anleger im In- und Ausland weniger attraktiv zu machen. Ihr Hauptanliegen ist es daher, dass das heimische Zinsniveau hinreichend geringer ist im Vergleich zu ausländischen Währungsräumen. Die EZB dagegen erachtet die Negativzinsen primär als Bestandteil ihres Arsenals an unkonventionellen monetären Instrumenten, um Inflation und Wirtschaftswachstum anzuheizen.

Unerprobtes Instrument

Dennoch setzt Felix Brill ein Fragezeichen auch hinter die Negativzinspolitik der SNB. Begründung: «Die von der Zinsdifferenz auf den Wechselkurs ausgehenden Effekte sind nur sehr schwach.» Darauf deuteten die ihm bekannten empirischen Untersuchungen hin, ergänzte der Ökonom. Negativzinsen sind aus seiner Sicht ein immer noch unerprobtes Instrument mit erheblichen potenziellen Nebenwirkungen. «Wenn dann noch der Nachweis schuldig bleibt, dass es geeignet ist, den Wechselkurs auf Dauer wirklich zu beeinflussen, muss man sich schon Fragen bezüglich der Tauglichkeit dieses lnstruments stellen», sagte Brill. Die SNB wollte sich nicht äussern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2016, 22:30 Uhr

Negativzinsen

Die Geldpolitik stösst an ihre Grenzen

Markus Diem Meier

Es war eine geldpolitische Revolution, als die dänische Notenbank vor vier Jahren erstmals Negativzinsen eingeführt hat. Gemäss Lehrbüchern galten sie zuvor als unmöglich. Weil die Leute eher Bargeld halten können, statt für ausgeliehenes Geld auch noch etwas zu bezahlen. Immerhin schienen sich die schlimmsten Befürchtungen erst nicht zu bewahrheiten, schliesslich kostet auch die Bargeldhaltung etwas. Die Frage war daher immer, wie weit negativ solche Zinssätze gehen können.

Doch angesichts sich häufender negativer Folgen der Massnahme gerät sie auch unter Notenbankern zunehmend in Verruf. Das deutlichste Zeichen hat in der vergangenen Woche Mark Carney, der Chef der Bank of England, gesetzt. Negativzinsen hat er eine klare Absage erteilt. Begründet hat er das unter anderem mit Verweis auf die Schweiz, weil da die Massnahme letztlich zu höheren Kredit- und Hypothekarzinsen geführt habe. Noch mehr am Herzen lag ihm aber das Bankensystem, das europaweit ohnehin geschwächt ist, wie allein die um ein Viertel gefallenen Aktienkurse des gesamten Sektors im laufenden Jahr gemessen am europäischen Branchenindex Euro Stoxx zeigen. Durch Negativzinsen schrumpfen die Gewinnmargen der Finanzinstitute noch weiter. Ins gleiche Horn stösst der Internationale Währungsfonds (IWF), der erst am Donnerstag die Europäische Zentralbank davor gewarnt hat, die Zinsen für Einlagen der Banken auf den EZB-Konten weiter zu senken. Jetzt liegen sie bei – 0,4 Prozent.

Der IWF empfiehlt der EZB dagegen noch stärker auf den Aufkauf von privaten und staatlichen Anleihen zu setzen, das sogenannte Quantitative Easing (QE). Die Idee dahinter ist, die Wirtschaft so direkt mit Notenbankgeld zu fluten. Allerdings ist seit jeher auch diese Massnahme umstritten, da das Geld oft nur die Werte an den Kapitalmärkten ansteigen liess, ohne in der Realwirtschaft viel Wirkung zu zeigen.

Alternative: Helikoptergeld

Die abnehmende Wirkung der neuen Notenbankinstrumente wie QE und Negativzinsen führt dazu, dass Notenbanker und Ökonomen bereits über weitergehende Massnahmen nachdenken. Sie werden unter dem Begriff des Helikoptergelds zusammengefasst, was auf einen Vergleich des 2006 verstorbenen Geldtheoretikers Milton Friedman zurückgeht. Dieser schlug bildhaft vor, Notenbanken könnten das Geld unter die Leute bringen, indem sie es per Helikopter abwerfen lassen. In der Praxis bedeutet das, sie geben frisch geschaffenes Geld ohne Gegenleistung an Private, Banken oder den Staat ab. Bisher gibt es erst wenige Beispiele für ein solches Vorgehen. Unter Ökonomen ist zudem höchst umstritten, welche Risiken eine Notenbank damit eingehen würde.

Die abnehmende Wirkung der Geldpolitik macht vor allem deutlich, dass die Notenbanken in den Ländern mit anhaltenden konjunkturellen Problemen und einer zu tiefen Inflation an ihr Limit gestossen sind. Immer mehr in den Vordergrund rücken daher laut Daniel Kalt, Chefökonom der UBS Schweiz, fiskalpolitische Massnahmen, also eine Ankurbelung der Konjunktur über das Staatsbudget. Zumindest für die Schweiz sei aber hier nichts zu erwarten. Angesichts der Offenheit der Schweizer Wirtschaft würden hier höhere Staatsausgaben weitgehend im Ausland verpuffen.

Negativzinsen für Sparer

Das Beispiel Alternative Bank

Es sorgte international für Aufsehen, als die Alternative Bank Schweiz (ABS) als Reaktion auf die Einführung der Negativzinsen durch die Schweizerische Nationalbank als erste Bank ihren Kunden diese Kosten weiterzuverrechnen begann. Auf den Zahlungsverkehrskonten belastete sie 0,125 Prozent und auf anderen Konten 0,75 Prozent auf Einlagen ab einer Summe von 100'000 Franken. Bei der verhältnismässig kleinen Bank mit 31'000 Kunden reduzieren laut ABS-Sprecherin Babara Felix Kunden ihre Bestände bis heute auf den mit Negativzinsen belasteten Konten, allerdings nicht mehr im gleichen Ausmass wie bei der Einführung der Massnahme.

Am Sparverhalten ändert das aber nichts. Die Kunden schichten das Geld lediglich in längerfristige Anlageformen um, das heisst in entsprechende Wertpapiere. Insgesamt verzeichnet die Bank weiterhin Kundenzugänge. Dass noch weitere Banken dem Beispiel der Alternativen Bank folgen könnten, zeigt das Beispiel der bayerischen Reiffeisenbank, die ab September den Einlegern ebenfalls Negativzinsen belasten wird. (mdm)

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