Russen-Krise gefährdet über zwei Millionen Jobs in Europa

Allein in der Schweiz sind laut einer neuen Studie bis zu 10'000 Stellen bedroht. Was dabei eine entscheidende Rolle spielt.

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Die Wirtschaftskrise in Russland wird voraussichtlich weitaus schlimmere Konsequenzen für Westeuropa haben als bislang erwartet. Nach einer Berechnung des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung Wifo sind europaweit langfristig mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze und bis zu 100 Milliarden Franken an Wertschöpfung in Gefahr.

Die Wissenschaftler gehen in ihrer Studie von einem Worst-Case-Szenario aus: «Die Exportausfälle, die wir im Herbst vergangenen Jahres schlimmstenfalls angenommen hatten, sind inzwischen Realität geworden», sagt Oliver Fritz, einer von drei Autoren der Studie. Diese wurde für die Leading European Newspaper Alliance (Lena) angefertigt, an der auch der TA beteiligt ist. «Verändert sich die Lage nicht grundsätzlich, wird unser besonders pessimistisches Szenario eintreten.» Der Effekt könnte lediglich dadurch abgemildert werden, dass Unternehmen in Europa mehr in andere Länder exportieren. Dafür gebe es einige Anzeichen, zumindest bei landwirtschaftlichen Produkten.

Ökonom Fritz verweist darauf, dass es unmöglich sei, die Wirkung der Sanktionen vom sinkenden Ölpreis, der Russland ebenfalls schadet, und vom Rubelverfall abzutrennen. «Wir betrachten die russischen Importe als Ganzes», sagt Fritz. «Dabei gehen wir fest davon aus, dass die Sanktionen einen erheblichen negativen Einfluss haben, wenn wir auch die Gegenreaktion Russlands berücksichtigen.» Die Regierung Putin hatte letzten August ein Importverbot für Lebensmittel aus dem Westen verhängt.

Die EU-Botschafter haben sich am Mittwoch darauf geeinigt, die Sanktionen gegen Russland um sechs Monate bis Ende Januar 2016 zu verlängern. Eine formelle Entscheidung der Aussenminister soll nächste Woche folgen. In Brüssel ist offiziell keine Stellungnahme zu den Folgen der Sanktionen in Europa zu erhalten. Hinter den Kulissen ist zu erfahren, dass die EU-Kommission die Auswirkungen der Sanktionen als «relativ klein» und «handhabbar» taxiert.

Von der Wissenschaft wird das Monitoring der Sanktionen kritisiert: «Die EU hat keine Vergleichsmassstäbe oder Modelle, um die Effektivität der Sanktionen zu bemessen», sagt Borja Guijarro-Usobiaga, der an der London School of Economics zu dem Thema promoviert.

Bis zu 900 Millionen Verlust

Für die Schweiz rechnen die Ökonomen des Wifo aufgrund des Einbruchs der Russland-Exporte mit einem kurzfristigen Wertschöpfungsverlust in der Höhe von 800 bis 900 Millionen Franken pro Jahr. Daraus leiten die Wissenschaftler ab, dass bis zu 10'000 Stellen in Gefahr sind. Sollten die Sanktionen über längere Zeit bestehen bleiben, könnten sich diese Zahlen nochmals verdrei- oder vervierfachen.

Die Schweiz ist ein Sonderfall, weil sie sich den EU-Sanktionen nicht angeschlossen hat. Der Bundesrat hat stattdessen Massnahmen beschlossen, die verhindern sollen, dass die EU-Embargos via Schweiz umgangen werden. Die Schweiz blieb deshalb von den russischen Gegensanktionen verschont – und hiesige Firmen dürfen weiterhin Lebensmittel liefern. So kommt es, dass einige Schweizer Anbieter profitieren: Die Ostschweizer Grosskäserei Züger etwa lieferte seit Beginn der Sanktionen 200 Tonnen Frischkäse nach Russland. Und die Fleischexporteure steigerten ihren Russland-Absatz innerhalb eines Jahres von 58 auf 258 Tonnen pro Monat.

Die meisten Schweizer Exporteure leiden aber wie ihre EU-Pendants unter Russlands Rezession. Ein Beispiel dafür ist Eisenbahn-Unternehmer Peter Spuhler. Dieser rechnet damit, dass ein Moskauer Besteller eine 300-Millionen-Option auf 60 Doppelstock-Waggons nicht einlöst.

Mitarbeit: Carlo Bonini, Claudi Pérez, Pierre-Alexandre Sallier, Andre Tauber.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.06.2015, 23:21 Uhr)

Russlands Automarkt halbiert sich

Der russische Automarkt entwickelt sich der Regierung in Moskau zufolge noch schlechter als erwartet. Industrieminister Denis Manturow geht von einem Minus von 25 bis 50 Prozent in diesem Jahr aus. Bisher lag die Schätzung bei 25 Prozent.

Manturow gab die neue Schätzung am Donnerstag in St. Petersburg bekannt. Nach jahrelangem Zuwachs bekommt die russische Autobranche die Krise inzwischen schmerzhaft zu spüren. Die russische Wirtschaft leidet unter dem niedrigen Ölpreis und den Sanktionen, die der Westen im Streit über die Moskauer Ukraine-Politik verhängt hat. (sda)

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