Segen und Fluch des billigen Öls

Der Preiszerfall beim Erdöl hat sich bisher kaum positiv auf die weltweite Wirtschaftsleistung ausgewirkt. Das könnte sich noch ändern.

Venezuela steht wegen des Ölpreiszerfalls vor dem Bankrott: Ölfeld am Orinoco. Foto: Garcia Rawlins (Reuters)

Venezuela steht wegen des Ölpreiszerfalls vor dem Bankrott: Ölfeld am Orinoco. Foto: Garcia Rawlins (Reuters)

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Die grösste wirtschaftliche Überraschung des Jahres 2015 war, dass der Fall der Ölpreise dem globalen Wachstum keinen grösseren Schub verliehen hat. Trotz des Preiseinbruchs von über 115 US-Dollar im Juni 2014 auf 45 Dollar pro Barrel Ende November 2015 deutet alles darauf hin, dass die Auswirkung auf das weltweite Wachstum geringer ist als erwartet: vielleicht 0,5 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, vielleicht weniger.

Die gute Nachricht ist, dass sich dieser bescheidene, aber willkommene Effekt auf das Wachstum vermutlich auch 2016 fortsetzen wird. Die schlechte Nachricht ist, dass die niedrigen Preise die Öl exportierenden Länder noch stärker unter Druck setzen werden.

Der Preisschock von 2014/2015 scheint in annähernd gleichem Umfang durch die Nachfrage und durch das Angebot bedingt zu sein. Mit Sicherheit hat der Abschwung in China, das eine Neuorientierung in Richtung Binnenkonsum verfolgt, einen Rückgang bei allen weltweiten Rohstoffpreisen ausgelöst; auch Kupfer- und Goldpreise sind 2015 steil zurückgegangen.

Neue Angebotsquellen für Öl waren jedoch mindestens genauso wichtig. Dank der Schieferölrevolution hat sich die Ölproduktion der USA von 2008 bis 2015 praktisch verdoppelt – ein Boom, der bisher trotz Preiszerfall weiter anhält. Erwartungen an einen Anstieg der iranischen Ölproduktion nach Ende der Sanktionen haben sich ebenfalls auf die Märkte ausgewirkt.

Der Ölpreisschock ist ein Nullsummenspiel. Produzenten verlieren, Konsumenten gewinnen. Die gängige Sichtweise besagt aber, dass niedrigere Preise die globale Nachfrage ankurbeln, weil die Konsumenten dazu neigen, das eingesparte Geld auszugeben, während sich die Produzenten in der Regel an die Situation anpassen, indem sie ihre Reserven angreifen.2015 war dieser Verhaltensunterschied weniger ausgeprägt als sonst.

Länder wie Indien und China stabilisieren normalerweise die Energiemärkte durch staatliche Subventionen, um die Konsumentenpreise niedrig zu halten. Auf dem Gipfel der Ölpreisentwicklung waren die Kosten für diese Subventionen enorm. Viele Länder waren bereits schwer auf der Suche nach Möglichkeiten, sie zurückzufahren. Angesichts fallender Ölpreise haben die Regierungen in den Schwellenländern daher die Gelegenheit dazu genutzt, die staatlichen Subventionen zu senken.

Zugleich sind viele Ölexporteure gezwungen, wegen steil fallender Einnahmen ihre Ausgaben zurückzuschrauben. Selbst Saudiarabien steht trotz seinen enormen Öl- und Finanzreserven unter Druck, was auf die schnell wachsende Bevölkerung und auf höhere Militärausgaben zurückzuführen ist.

Die gedämpften Auswirkungen der Ölpreise auf das globale Wachstum überraschen nicht völlig. Wissenschaftler haben seit langem so argumentiert. Öl wird inzwischen nicht mehr so stark als unabhängige Triebkraft des Wirtschaftszyklus betrachtet, für die man es einst gehalten hatte. Ein steiler Rückgang der energiebezogenen Investitionen bremst das Wachstum zusätzlich. Nach Jahren hohen Wachstums sind die weltweiten Investitionen in die Ölproduktion und -erschliessung 2015 um 150 Milliarden Dollar zurückgegangen. Irgendwann wird sich das bei den Preisen bemerkbar machen, aber nur langsam: Die Märkte gehen erst für 2020 von einem Anstieg der Ölpreise auf 60 Dollar pro Barrel aus.

Saudiarabien unter Druck

Die meisten volkswirtschaftlichen Modelle gehen davon aus, dass sich die niedrigen Ölpreise auch über 2016 hinaus günstig auf das Wachstum auswirken. Daher dürften die niedrigeren Preise das Wachstum weiterhin stützen, selbst wenn die Öl importierenden Schwellenländer diese Ersparnisse nutzen, um ihre Subventionen zurückzufahren. Für Ölproduzenten allerdings steigen die Risiken.

Einige wenige – insbesondere das schlecht regierte Venezuela – sind am Zusammenbrechen. Viele stehen am Rande der Rezession. Länder mit flexiblen Wechselkursen wie Kolumbien, Mexiko und Russland haben es bisher geschafft, die Anpassung zu bewältigen. Länder mit starren Wechselkursen dagegen werden auf eine harte Probe gestellt. Saudiarabiens Dollarbindung etwa, die unantastbar schien, ist enorm unter Druck geraten.

Die Ölpreise hatten 2015 also nicht ganz die Auswirkungen auf das weltweite Wachstum, die zu Jahresbeginn wahrscheinlich erschienen. Und starke Rücklagen sowie eine konservative Politik haben die meisten wichtigen Produzenten bisher in die Lage versetzt, den enormen fiskalischen Herausforderungen standzuhalten. Doch im nächsten Jahr könnte das anders aussehen, und zwar nicht im positiven Sinne. Besonders nicht für die Ölproduzenten.

* Kenneth Rogoff ist Ökonomieprofessor an der Universität Harvard. Aus dem Englischen von Jan Doolan. © www.project-syndicate.org (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.01.2016, 21:52 Uhr)

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