Telefonieren wie zu Hause

In der Europäischen Union entfallen vor den Sommerferien die hohen Roaming-Gebühren vollständig. Die Schweiz bleibt eine Hochpreisinsel für Handytelefonierer.

Rosige Zeiten für Handytelefonierer mit Wohnsitz in der EU: Sie können heuer entspannt nach Marbella in die Ferien. Foto: Reuters

Rosige Zeiten für Handytelefonierer mit Wohnsitz in der EU: Sie können heuer entspannt nach Marbella in die Ferien. Foto: Reuters

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Es klingt nach dem Werbespruch einer Telecomfirma. Doch es ist ein Slogan, den sich die EU-Kommission ausgedacht hat. Für Handytelefonierer mit Wohnsitz in der EU gilt ab morgen «Roam Like at Home»; also die volle Reisefreiheit ohne die bisher lästigen Roaming-­Gebühren. Ob auf Geschäftsreise oder in den Ferien am Strand in Italien: Für Anrufe, SMS und Datendienste wird von den Netzbetreibern nur noch der jeweilige Inlandtarif berechnet.

Die EU begründete sich einst als Friedensprojekt. Das zieht schon länger nicht mehr. Was bringt eigentlich diese Clubmitgliedschaft? Die Frage nach dem Mehrwert ist dringlicher geworden, seitdem Populisten von rechts und zum Teil von links die Europäische Union infrage stellen. Die Abschaffung dieses lästigen Roaming-Zuschlags, den Handynutzer beim «Herumwandern» in anderen EU-Staaten zahlen, soll da eine mögliche Antwort sein.

Die Abschaffung des Roaming war von Anfang an auch ein politisches Projekt, vorangetrieben unter anderem von Martin Selmayr, heute Kabinettschef von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Es fing 2007 an mit Obergrenzen für die lästigen Zuschläge, die Telecomunternehmen auf den grenzüberschreitenden Handyverkehr erheben durften, die per Gesetz Schritt für Schritt gesenkt wurden. Das grosse Wehklagen der Branche, der eine einfache Einnahmequelle abhanden kam, nützte nichts.

Bürgernahes Thema

Wenn europäische Politiker heute in ihren Wahlkreisen den Mehrwert der EU erklären, dann figuriert die Abschaffung des Roaming inzwischen immer an prominenter Stelle. Die Handygebühren als Teil des neuen Narrativs zur EU, ein bürgernahes Thema. Der Strafzuschlag für mobile Handynutzer passte auch nicht wirklich zum Bild des hürdenfreien Binnenmarktes. Der grosse Wurf scheitert allerdings vorerst am Widerstand der Mitgliedstaaten, nämlich ein echter europäischer Telecommarkt mit zum Beispiel EU-weiten Abonnements. Die Hauptstädte wollen derzeit nicht auf die Erlöse aus den Versteigerungen der heute noch nationalen Lizenzen verzichten.

Ab sofort heisst es zwar im Ausland telefonieren zu den heimischen Tarifen. Auf Druck der Telecomunternehmen wurden am Ende doch einige Sicherungen eingebaut. Für Gespräche sowie SMS gibt es immerhin keine Obergrenzen, und eingehende Anrufe sind EU-weit gratis. Balten oder Skandinavier zahlen für ein vergleichbares Abonnement oft einen Bruchteil etwa der ­Belgier oder Deutschen. Theoretisch könnte man also mit der SIM-Karte aus Lettland in Belgien viel Geld sparen. Für Telecom­unternehmen aus Billigländern wäre das auf Dauer ruinös. Deshalb die sogenannten «Fairnessregeln», um Missbrauch zu unterbinden.

«Roam Like at Home» soll nur für Reisende gelten. Betreiber können von einem Kunden unter Umständen wieder Zusatzgebühren verlangen, wenn der seine SIM-Karte während einer längeren Periode mehr Zeit im Ausland als zu Hause nutzt. Nicht betroffen sind hingegen Grenzgänger, die sich jeden Tag auch in ihrem Heimnetz einloggen. Auch beim Surfen im Internet gibt es Grenzen. Wer zu Hause in seinem Abonnement eine bestimmte Datenmenge dabei hat, kann diese im EU-Ausland problemlos frei nutzen.

In vereinzelten EU-Staaten gibt es aber Abonnements mit unbegrenzten Datenvolumen. Da kann der Anbieter eine Limite einziehen, muss den Kun­-den auf Reisen aber rechtzeitig infor­mieren, bevor diese erreicht und Surfen nur noch mit einem kleinen Aufschlag möglich ist.

Ausnahmen möglich

Nur ein verschwindender Teil der Anbieter hat im Vorfeld des Stichdatums morgen bei den nationalen Kontrollbehörden um Ausnahmeregelungen angefragt. Darunter vor allem virtuelle Mobilfunkbetreiber ohne eigenes Netz. Bei der EU sieht man das als Indiz, dass die Branche sich auf die Ära ohne Roaming-Gebühren längst eingestellt hat. Befristete Ausnahmen sollen auch in Zukunft möglich sein, wenn etwa ein Telecom­unternehmen auf Kosten sitzen bleibt und schrumpfende Margen nachweisen kann. Aber eigentlich rechnet man in Brüssel mit rosigen Zeiten für Handynutzer, die nicht mehr aus Angst vor der Kostenfalle im EU-Ausland das Roaming ausschalten müssen. Gerechnet wird mit hohen Wachstumsraten, was auch den Verlust der Grenzzuschläge kompensieren soll. Umgekehrt sieht man bei der EU keinerlei Hinweise, dass die Tele­comunternehmen den Wegfall der Gebühren über höhere Inlandstarife ausgleichen würden.

Im roamingfreien Europa bleibt die Schweiz ähnlich wie San Marino, Andorra und Monaco eine Insel. Dass Handybetreiber aus der EU die Situation nutzen und Ausfälle mit höheren Gebühren für den Verkehr mit der Schweiz kompensieren könnten, wollen die europäischen Kontrollbehörden bisher nicht konstatiert haben. Experten raten aber, auf der Fahrt etwa von Deutschland durch die Schweiz nach Italien das Datenroaming zu deaktivieren. Im Winter könnte dies durchaus ein Standortnachteil für die Schweiz sein, wenn auf Frankreichs oder Österreichs Skipisten zuschlagsfrei telefoniert werden kann. Umgekehrt könnten sich Schweizer an Europas Stränden diskriminiert fühlen, wenn sie diesen Sommer nicht wie Handynutzer aus den EU-Staaten grenzenlos telefonieren oder Erinnerungsbilder teilen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2017, 00:09 Uhr

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