Tiefe Zinsen: Stiftungen in Not

Gemeinnützige Stiftungen erzielen kaum noch Zinsgewinne. Das bekommen auch jene zu spüren, die auf ihre Gelder angewiesen sind.

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Bald ist es 50 Jahre her, dass Otto Streicher gestorben ist. Das Stadtbild von Zürich prägt der Architekt aber noch immer: Er baute einige der bekanntesten Wohnsiedlungen der Stadt, entwarf und betrieb die Kinos ABC, Rex und Scala. Weil er von seinem Reichtum etwas weitergeben wollte, gründete Streicher zusammen mit seiner Frau die Steo-Stiftung und stattete sie mit einem Kapital von 5 Millionen Franken aus.

Während 50 Jahren diente dieses Geld der Kultur. Die Stiftung unterstützte Talente aus Literatur, Kunst und Wissenschaft mit finanziellen Beiträgen. Doch seit vergangenem Jahr ist Schluss: Die Stiftung hat ihre Tätigkeiten ein­gestellt – wegen des «kontinuierlichen Rückgangs der Zinserträge der letzten Jahre», wie sie auf der Website schreibt. Das Kapital über 5 Millionen Franken sei grösstenteils in Kassenobligationen angelegt gewesen, sagt Geschäftsführerin Heidi Strässler. Vor 20 Jahren warfen diese Anlagen im Schnitt etwa 5 Prozent Zins ab. Heute sind es noch 0,3 Prozent. «Unter diesen Umständen hat der Stiftungsrat ­beschlossen, das restliche Vermögen für Grossprojekte aufzubrauchen und den ­Betrieb einzustellen», sagt Strässler. «In ­einem normalen Zins­umfeld wäre das nicht zur Diskussion gestanden.»

30 Prozent mehr Liquidationen

Die Steo-Stiftung ist kein Einzelfall. Das zeigt der aktuelle Schweizer Stiftungs­report. Im Jahr 2014 verzeichnete er 226 liquidierte Stiftungen. Das sind 30 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Gleichzeitig fiel die Zahl der Neugründungen zum ersten Mal seit 2009 unter die Marke von 365. Der häufig gehörte Satz «In der Schweiz wird jeden Tag mehr als eine Stiftung gegründet» stimme deshalb nicht mehr, schreiben die Verfasser des Berichts. Zudem sei nicht davon auszugehen, dass sich langfristig wieder deutlich höhere Zuwächse ergäben. Denn viele Stiftungen finanzieren sich immer noch über risikoarme Anlageformen, also zum Beispiel Staatsanleihen oder Obligationen von soliden Firmen, weil die Stiftungsgründer das so in den Statuten festgeschrieben haben. Doch seit die Zinsen in den Keller gerasselt sind, werfen gerade diese Anlagen kaum noch Erträge ab. Die letztes Jahr eingeführten Negativzinsen haben den Sog nach unten noch verstärkt.

Die Folgen dieser Entwicklung beobachtet Alexander Jolles im Berufsalltag. Er ist Partner in einer Anwaltskanzlei, Stiftungs- und Kunstrechtsexperte und hat selber Einsitz in fünf Stiftungsräten. «Die meisten Stiftungen, die ich kenne, leiden unter den fehlenden Erträgen auf den Finanzmärkten», sagt Jolles. Denn viele sind nicht nur dazu verpflichtet, ihr Geld risikoarm anzulegen. Es ist ihnen auch per Statuten verboten, das Stiftungsvermögen anzutasten, vor allem wenn es sich um Sachwerte wie etwa Kunstsammlungen handelt. Für Förderleistungen dürfen sie nur ihre Kapitalerträge einsetzen. «In der Vergangenheit war das sinnvoll, da die Zinserträge für den Betrieb ausgereicht haben», sagt Jolles. Doch das habe sich geändert.

Gerät eine Stiftung in Finanznot, hat sie drei Möglichkeiten. Entweder, sie zehrt das Stiftungsvermögen auf, um weiterhin Förderbeiträge in der gewohnten Höhe auszahlen zu können – und schafft sich damit sukzessive selbst ab. Oder sie findet neue Spender und Sponsoren. Gelingt das nicht, muss sie ihr Fördervolumen zurückfahren. «Ich kenne einige Stiftungen aus dem Kunstbereich, die sich nun überlegen, ihre Aktivitäten zu reduzieren oder sogar Kunstwerke zu veräussern, um sich weiter finanzieren zu können», sagt Jolles. Die Entwicklung habe sich in den letzten Jahren kontinuierlich verschärft und mittlerweile ein besorgniserregendes Ausmass angenommen: «Ich kann mir vorstellen, dass einige Stiftungen ihren Zweck nicht mehr erfüllen können.»

So offen wie die Steo-Stiftung gehen allerdings die wenigsten mit ihren Problemen um. Dabei sind gerade jene Stiftungen am stärksten betroffen, von ­denen es am meisten gibt: kleinere Institutionen mit einem überschaubaren Vermögen. Laut dem Center for Philanthropy Studies (CEPS) der Universität Basel besitzen 80 Prozent aller gemeinnützigen Stiftungen weniger als 3 Millionen Franken. Sie litten besonders unter der Situation auf dem Finanzmarkt, sagt CEPS-Direktor Georg von Schnurbein. «Für sie ist es sehr schwierig geworden, ihre Gelder gewinnbringend anzulegen. Gleichzeitig steigen die Bank-, Revisions- und Aufsichtskosten und fressen die ­geringen Erträge auf.»

10'000 Franken Ertrag im Jahr

Eine Studie der Denkfabrik Avenir Suisse bestätigt diese Einschätzung. Gut ein Viertel der Stiftungen hat demnach ein Vermögen von weniger als 0,5 Millionen Franken. Bei einem (optimistisch geschätzten) Realzins von 2 Prozent ergibt sich daraus noch ein Kapitalertrag von unter 10'000 Franken im Jahr. Stiftungsexperte von Schnurbein geht deshalb davon aus, dass es sich bei den vielen Liquidationen 2014 vor allem um kleinere Stiftungen handelte, die zum Schluss kamen, dass sich das Weitermachen nicht mehr lohnt. Die Lage erinnere ihn an die Zeit nach der Finanzkrise 2007/2008. «Damals verzeichneten viele Stiftungen grosse Einbussen auf ihren Anlagen.»

Zu spüren bekommen solche Einbussen jene, die auf die Beiträge aus den Stiftungskassen angewiesen sind: Studenten mit wenig vermögenden Eltern etwa oder Kunsthäuser. So berichten die Universität Zürich und die Zürcher Hochschule der Künste ZHDK von Stiftungen, die ihre Beiträge für Studenten wegen des tiefen Zinsniveaus kürzen mussten. Und laut dem Aargauer Kunsthaus ist es schwieriger geworden, genügend Fördergelder einzunehmen, um die Ausstellungen zu finanzieren.

Georg von Schnurbein kann der Entwicklung allerdings auch Positives abgewinnen. «Der Stiftungssektor muss sich heute viel intensiver mit der Frage ­beschäftigen, wie er sein Vermögen am besten anlegt. Früher wurde das oft vernachlässigt.» Ausserdem sei er gezwungen, die Gelder noch gezielter einzusetzen. «Das kann auch eine Chance für neue Projekte und Themen sein.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.02.2016, 23:30 Uhr)

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Stiftungsland Schweiz

12'957 gemeinnützige Stiftungen zählte der Schweizer Stiftungsreport schweizweit per Ende 2014. Das ergibt durchschnittlich 16 Stiftungen pro 10'000 Einwohner. Damit ist die Stif­tungs­dichte in der Schweiz eine der höchsten weltweit.

Die Unterschiede zwischen den Kantonen sind allerdings gross: Am höchsten ist die Stiftungsdichte in Basel-Stadt mit 46,1, am tiefsten ist sie im Kanton Aargau mit 7,8. Das Gesamtvermögen aller Stiftungen wird auf rund 70 Milliarden Franken geschätzt, die jährlichen Ausschüttungen auf 1,5 bis 2 Milliarden Franken. Wird ihr Zweck von den Steuerbehörden als gemeinnützig anerkannt, sind Stiftungen von den Steuern befreit. Laut einer Studie haben schätzungsweise 80 Prozent aller Stiftungen keine Mitarbeiter, sondern werden von nebenamtlichen und
oft unentgeltlich arbeitenden Stiftungsräten geführt.

Die meisten Förderbeiträge fliessen in die Bereiche Bildung und Forschung (Stipendien, Aus- und Weiterbildung), Soziales (Sozialhilfe, Altersheime, Beratung und Begleitung, Direkthilfe), Kunst, Kultur und Freizeit sowie Gesundheit. (fko)

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