Uber ist nur ein Vorgeschmack

Der Taxi-Vermittlungsdienst stösst auf Widerstand. Aber der künftige Verkehr lässt sich ohne neue Rezepte à la Uber nicht bewältigen.

Wenn die Bevölkerung wächst, gibt es mehr Verkehr: Stau auf der A 9. Foto: Dominic Favre (Keystone)

Wenn die Bevölkerung wächst, gibt es mehr Verkehr: Stau auf der A 9. Foto: Dominic Favre (Keystone)

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Uber, der Online-Vermittlungsdienst für Personentransporte, mag mit einer Bewertung von umgerechnet fast 70 Milliarden Franken der Darling der Silicon-Valley-Investoren sein. In der harten Realität auf der Strasse wachsen die Probleme des Tech-Start-ups beständig. Auch in der Schweiz. Letzte Woche entschied die Berner Stadtregierung, dass Uber-Chauffeure über eine Taxilizenz verfügen müssen, um in der Bundesstadt Passagiere zu befördern. Dabei sind Teilzeitchauffeure ohne behördliche Bewilligung für Ubers Geschäftsmodell zentral: Ohne sie kann das Unternehmen nicht die superbilligen Taxifahrten anbieten, die seine Kunden von ihm erwarten.

Bern ist in der globalen Strategie des Transportvermittlers ein vernachlässigbares Detail. Für Ubers Probleme mit den Regulatoren in vielen Ecken der Welt ist der Fall aber typisch.

Gegen Scheinselbstständigkeit

Damit nicht genug. In den USA und in der Schweiz beginnt sich die Haltung durchzusetzen, dass die bei Uber angeschlossenen Fahrer nicht als selbstständige Unternehmer gelten können, sondern als Angestellte, als Scheinselbstständige. Die Unfallversicherung Suva und die Zürcher Sozialversicherungsanstalt vertreten diesen Standpunkt. Es ist absehbar, dass Uber für seine Chauffeure wird Sozialabgaben zahlen müssen. Dem Unternehmen werden damit Kosten und eine Administration aufgehalst, die es vermeiden wollte und die sein Geschäftsmodell aushöhlen.

Als sei das die Antwort darauf, hat Uber angekündigt, auf Chauffeure ganz zu verzichten. In der US-Stadt Pittsburgh führt das Unternehmen Versuche mit selbstfahrenden Taxis durch. Vorläufig werden die Fahrzeuge zwar von Menschen begleitet, die dem Computer ins Steuer greifen können. Aber der Tag ist nicht mehr fern, wenn der Beruf des Taxifahrers – egal ob mit oder ohne Lizenz, ob selbstständig, scheinselbstständig oder angestellt – von Robotern ausgeführt wird.

Es ist diese Vision, die die Fantasie der Investoren beflügelt. Dass Uber mit 70 Milliarden Franken um ein Drittel höher bewertet wird als General Motors mit seinen 10 Millionen verkauften Autos jährlich, beruht auf einer klaren Erwartung: dass Uber in der künftigen Mobilitätswelt eine Schlüsselrolle spielen und profitabler sein wird als der Autobauer.

Natürlich ist das eine wilde Wette. Aber die Erwartung, dass sich die Art und Weise, wie wir uns fortbewegen, fundamental ändern wird – und zwar bald! –, ist gut begründet.

Das Verkehrsdepartement von Doris Leuthard hat im August seine Prognosen für die Verkehrsentwicklung in den nächsten 25 Jahren abgeliefert. Die Zahlen machen einen schwindlig. Autoverkehr: plus 18 Prozent, Langsamverkehr: plus 32 Prozent, öffentlicher Verkehr: plus 51 Prozent. Die Gründe liegen im Bevölkerungswachstum und in der Entwicklung der Wirtschaft, die es braucht, um unseren gewohnten Wohlstand zu halten.

Abschied vom eigenen Auto

Klar ist: Mit noch mehr Strassen, noch längeren Tunneln, noch dichteren Fahrplänen allein lässt sich in der ohnehin schon eng bebauten Schweiz dieses Wachstum nicht bewältigen. Bundesrätin Leuthard spricht darum einerseits davon, dass sie den Verkehr auf den bestehenden Strassen und Schienen gleichmässiger verteilen will. Anderseits sieht sie eine Zukunft voraus, in der «ein eigenes Auto zu besitzen (. . .) nicht mehr zentral» sein wird. Ein Dienstleister wie Uber mit seinen Discountpreisen macht es attraktiv, aufs eigene Auto zu verzichten. Das Roboterauto ist die nächste Stufe: Verlässliche Schätzungen gehen davon aus, dass autonome Fahrzeuge – gemeinsam genutzt und im Verbund mit dem öffentlichen Verkehr – langfristig die Zahl der notwendigen Autos um bis zu 90 Prozent verkleinern. Ein effizientes Verkehrsparadies ohne Stau und Parkplatzstreit.

Natürlich: Ubers heutige Probleme mit den Regulatoren sind ein lauer Vorgeschmack auf die gesetzlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auf dem Weg in die Zukunft des autonomen Autos. Vielleicht gehört diese Zukunft auch nicht Uber, sondern anderen Mobilitätsdienstleistern, die für die gesetzlichen, ethischen und sozialen Herausforderungen bessere Lösungen haben.

Aber der Weg der Mobilität ist vorgezeichnet, eine Alternative nicht absehbar.

Der «Tages-Anzeiger» führt zur Zukunft der Mobilität am 20. September in Rüschlikon eine Tagung durch. Informationen unter: Forum-executive.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2016, 23:18 Uhr

Forum Mobilität 2016

Das «Tages-Anzeiger»-Forum «Mobilität 2016 - Die Branche am Wendepunkt» findet am 20. September im Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon statt. Welche Auswirkungen werden das autonome Fahren, die Elektromobilität oder die Digitalisierung der Mobilität auf hiesige Mobilitätsanbieter haben? Und welche Massnahmen müssen Behörden heute ergreifen, um der Mobilität der Zukunft gerecht zu werden? Erfahren Sie mehr zur hochkarätig besetzten Konferenz und gewinnen Sie ein Ticket unter //www.forum-executive.ch/mobilitaet/gewinnspiel/

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