Ungelernt, arbeitslos, perspektivlos

Menschen ohne Lehrabschluss haben vergangenes Jahr überdurchschnittlich oft die Stelle verloren. Gleichzeitig wird es für sie immer schwieriger, einen neuen Job zu finden.

Immer mehr Automation, immer weniger Handarbeit: Eine Angestellte setzt in einem Industriebetrieb Bauteile zusammen.

Immer mehr Automation, immer weniger Handarbeit: Eine Angestellte setzt in einem Industriebetrieb Bauteile zusammen. Bild: Keystone

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Marlies Haller ist 55 Jahre alt. 29 davon hat sie am selben Ort gearbeitet, bei einer Industriefirma im Mittelland. Haller hilft im Betrieb mit, immer dort, wo ­gerade Arbeit anfällt. Auf Ende Jahr hin muss sie sich allerdings einen neuen Job suchen, denn die Fabrik wird geschlossen. Gegenüber der Gewerkschaft Unia begründete das Unternehmen den Entscheid unter anderem mit dem starken Franken. Die Firma müsse Geld sparen, und das sei in der kleinen Fabrik in der Schweiz nicht möglich. Mehr als 20 Angestellte verlieren ihren Job.

«Um mich selber mache ich mir keine Sorgen», sagt Haller, die auch in der ­Betriebskommission sitzt. Angst hat sie um die 15 ungelernten Angestellten, die keine nennenswerte Berufsausbildung haben. Die meisten von ihnen sind um die 50 Jahre alt und arbeiten in der Fabrik. «Bei uns sind sie auf ihrem Gebiet top – aber wer gibt ihnen nun eine neue Stelle und die Chance, nochmals von vorne anzufangen?», fragt sich Haller.

Ihre Sorgen sind berechtigt. Ungelernte sind laut den Gewerkschaften zwar nicht die Einzigen, die seit Aufhebung der Frankenuntergrenze vermehrt um ihre Jobs fürchten müssen: Auch Angestellte mit guten Bildungsabschlüssen verlieren ihre Stelle, weil Firmen zentrale Dienste wie die IT oder das Personalmanagement ins Ausland verlagern. Allerdings ist die Arbeitslosenquote bei den Ungelernten in den letzten beiden Quartalen deutlich stärker gestiegen als bei den anderen Angestellten. Gleich­zeitig dürfte es für sie viel schwieriger werden, einen neuen Job zu finden.

«Der Abstand wird grösser»

Ein Blick auf die Erwerbslosenquote des Bundesamtes für Statistik zeigt: Im ­ 3. Quartal 2015 ist die Zahl der Erwerbslosen auf der tiefsten Ausbildungsstufe (Sekundarstufe 1) gemäss ILO (International Labour Organization der UNO) auf 11,5 Prozent angestiegen (Vorjahr: 9,6 Prozent). Das ist der höchste vergleichbare Wert seit 2010 (zuvor wurde die Quote im 3. Quartal nicht erhoben). Bei jenen mit Berufsbildung sank die Quote im selben Zeitraum von 4,5 auf 4,2 Prozent, bei jenen mit höherer Berufs- und Hochschulausbildung ging sie ebenfalls um 0,2 auf 3,2 Prozent zurück.

Die Erwerbslosigkeit hat bei Ungelernten also überdurchschnittlich stark zugenommen. Konkret waren sie im 2. Quartal 2,2-mal häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als das Total aller ­Angestellten. Im Vorjahresquartal war es erst 1,9-mal häufiger gewesen. Im 3. Quartal stieg das Verhältnis auf 2,3 an (Vorjahr: 2,0) – ebenfalls der höchste Wert seit 2010. «Die Quote ist für Ungelernte immer höher, aber der Abstand zu den Übrigen wird grösser», fasst Yngve Abrahamsen von der Konjunkturforschungsstelle KOF zusammen.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) verweist allerdings auf die eigenen Arbeitslosenzahlen, die sich von der Erwerbslosenquote gemäss ILO unterscheiden. Diese liessen keine «auffällige Zunahme der Arbeitslosigkeit bei Personen mit Sek-1-Ausbildung» erkennen. Erstens sei die Erwerbslosigkeit im dritten Quartal saisonbedingt in der Regel höher. Zweitens sei die ILO-Quote mit Zufallsschwankungen behaftet, da sie auf einer stichprobenartigen Befragung beruht. Diese Schwankungen seien bei kleinen Bevölkerungsgruppen wie jener mit Sek-1-Ausbildung ausgeprägter.

Doch auch wenn die ILO-Zahlen nur einen temporären Anstieg zeigen sollten, so gehen Experten davon aus, dass Ungelernte von den Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt überdurchschnittlich stark betroffen sind. «Niedrig- und mittelqualifizierte Jobs werden den Wechselkurseffekten stärker ausgesetzt sein als hochqualifizierte», sagt KOF-Ökonom Abrahamsen. Denn die Frankenaufwertung schaffe nicht nur Anreize, per Produktionsverlagerung Schweizer durch ausländische Arbeitskräfte zu ersetzen, sondern verstärke auch den Konkurrenzdruck, was Rationalisierungen erzwinge. «Die resultierenden Produktivitätssteigerungen erhöhen generell die Nachfrage nach Qualifikationen.»

Mehr Technik – weniger Jobs

«Berufe, die Ungelernte beziehungsweise Niedrigqualifizierte traditionell ausüben, sterben aus», sagt dazu der Arbeitsmarktforscher George Sheldon. Er hat in einer vor kurzem veröffentlichten Studie untersucht, wie sich die Beschäftigungschancen in dieser Bevölkerungsgruppe verändert haben. Das Resultat: Die Zahl der Erwerbstätigen ohne Berufsausbildung ist seit den Siebzigerjahren zwar von 40 auf 15 Prozent gesunken. Doch gleichzeitig ist die Nachfrage nach ihnen noch stärker zurückge­gangen, unter anderem, weil ihre Jobs in Billiglohnländer ausgelagert wurden.

Wie auf dieses Problem reagiert werden könnte, zeigt sich im solothurnischen Bellach bei der Fraisa AG. 220 Angestellte produzieren hier Werkzeuge für die Metallbearbeitung. Fast jeder Fünfte hat keine abgeschlossene Berufsbildung in der Metallbranche. «Wir müssen die Produktivität stark steigern, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Das erreichen wir über mehr Automation», sagt Fraisa-Chef Josef Maushart. Mehr Automation heisst weniger Handarbeit – also weniger Arbeit für jene, die einfachste Tätigkeiten in der Produktion ausführen. Gerade in diesen Berufen ist der Anteil Ungelernter mit rund 20 Prozent aber immer noch relativ hoch.

Um mit der Automatisierung mitzuhalten, absolvieren viele Angestellte der Fraisa AG nun eine berufsbegleitende Nachholbildung, zum Beispiel als Produktionsmechaniker oder Anlagenführer. Das sei unabdingbar für ihre berufliche Zukunft, sagt Maushart, denn: «Ein Grossteil der Arbeitsplätze für Ungelernte in der MEM-Industrie wird in den nächsten fünf Jahren verschwinden.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.02.2016, 23:42 Uhr)

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