Wie der Plastiksack dem Verbot trotzt

Eigentlich sollte es in Schweizer Läden längst keine Plastiktüten mehr geben. Doch der Bund setzte das Verbot bislang nicht um. Nun kommt Bewegung in die Sache.

Ein Plastiksack wird gerade mal 25 Minuten lang benutzt. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Ein Plastiksack wird gerade mal 25 Minuten lang benutzt. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am 31. März 1979 sorgte die Schweiz mit Plastiksäcken für Furore. Die Aargauer Bluesband Pfuri, Gorps und Kniri setzte bei ihrem Auftritt am Grand Prix Eurovision de la Chanson auf die Melodiösität gebrauchter Plastiktaschen. Millionen von Menschen in ganz Europa schauten zu. Es reichte am Ende immerhin für Rang 10 – davon würde man heute träumen. Der Achtungserfolg lässt sich aber nicht wiederholen. Denn das Schweizer Parlament beschloss schon 2012 ein Verbot von Plastiktüten. Seither knobelten der Bundesrat und das Bundesamt für Umwelt an einer Umsetzung. Erfolglos. Nun aber rückt ein Kompromiss langsam wieder in Griffweite.

Umfrage

Was machen Sie ohne Plastiksäcke?






Für den Freiburger Nationalrat Dominique de Buman war schon vor acht Jahren klar, dass man etwas tun muss. «Ein Plastiksack wird durchschnittlich nur gerade 25 Minuten benutzt. Seine Herstellung verbraucht Erdöl und benötigt viel Energie, bei seiner Verbrennung wird Dioxin freigesetzt. Die Säcke, die im Grünen oder in einem See landen, zersetzen sich erst nach Jahrhunderten», schrieb er damals in einer Motion. «Ein Verbot wäre unverhältnismässig», konterte der Bundesrat. Der Vorschlag wurde im Parlament abgelehnt.

Zwei Jahre später und nachdem das Thema des Plastikmülls in den Weltmeeren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geraten war, hakte der CVP-Mann nach. Viele Länder hätten bereits gehandelt, argumentierte er im neuen Vorstoss und nannte etwa China, Eritrea oder Uganda. «Bislang war die Schweizer Abfallpolitik vorbildlich», so de Buman. Nun gebe es Aufholbedarf. Es sei an der Zeit, dass man bei der Herkunft der Abfälle ansetze und damit auch bei den Plastiksäcken. Der Politiker setzte sich dieses Mal durch. Nationalrat und Ständerat nahmen seine Motion an. 2015 hätte es an Ladenkassen keine Einweg-Plastiktüten mehr geben sollen.

Doch es raschelt noch immer in den Läden. Allein bei Coop und Migros werden jährlich 240 Millionen Wegwerf-Plastiksäcke abgegeben. «Es hat sich gezeigt, dass für die Umsetzung der Motion eine Änderung des Umweltschutzgesetzes nötig ist», sagt Barbora Neveršil, Sprecherin des Bundesamtes für Umwelt. Die heutigen Grundlagen reichten nicht aus, um ein Verbot auf Verordnungsstufe einführen zu können. Man arbeite an einer neuen Lösung.

Detailhandel will kein Verbot

Die Verzögerung nervt die Tütenhersteller. «Es ist sehr mühsam, da es absolut keine Planungssicherheit gibt», sagt Andreas Zopfi, Geschäftsführer des Schweizerischen Verpackungsinstitutes (SVI). Im Detailhandel tönt es ähnlich: «Wir sind froh, wenn in dieser Frage möglichst bald klare Verhältnisse herrschen», sagt Migros-Sprecher Luzi Weber.

Das ist freilich nur ein Teil der Wahrheit. Grundsätzlich ist die Wirtschaft glücklich, dass es nicht so gekommen ist, wie es das Bundesamt für Umwelt einst wollte. Es schlug in einem ersten Entwurf vor, Einwegsäcke an Kassen grundsätzlich zu verbieten. Ergänzend brachte es eine Kostenpflicht für die dickeren Mehrweg-Plastiktaschen ins Spiel. Beides widerstrebt dem Detailhandel. «Der ökologische Nutzen der vorgeschlagenen Umsetzungsvarianten ist fraglich», schreibt die Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz in einer Stellungnahme.

Die Detailhändler möchten statt eines generellen Verbots nur etwas bei den dünnen Einwegsäcken tun. Sie sollen künftig etwas kosten, um den Gebrauch zu verringern. Für Läden, die nicht hauptsächlich Lebensmittel verkaufen, solche mit einer Fläche von weniger als 500 Quadratmetern und an Self-Check-out-Kassen fordert die IG Detailhandel aber eine Befreiung von der Pflicht, etwas für die Rascheltüten zu verlangen. Das gefällt auch den Herstellern. «Anstatt eines komplizierten gesetzlichen Rahmens wäre eine freiwillige Branchenvereinbarung sinnvoll, wie sie der Detailhandel vorgeschlagen hat», so Verpackungsinstituts-Chef Zopfi.

Reduktion dank 5 Rappen

Handel und Produzenten weisen gerne darauf hin, dass Mehrwegtaschen aus Umweltsicht nicht unbedingt besser seien. Eine Baumwolltasche müsse gemäss einer Empa-Studie 84-mal gebraucht werden, ein kompostierbarer Sack 11-mal und ein Papiersack 7-mal, bis sie die gleiche Ökobilanz aufwiesen wie eine Tüte aus rezykliertem Kunststoff. Sie bekommen vom Bundesrat Sukkurs. «Der ökologische Nutzen eines Verbotes ist gering», schreibt er in seiner Antwort auf die Motion de Buman. Die jährlich rund 3000 Tonnen Plastiksäcke entsprächen zudem nur knapp 0,5 Prozent des Gesamtverbrauchs an Kunststoffen.

Die Argumente der Wirtschaftslobby fielen auf fruchtbaren Boden. Im April wird die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Nationalrates über neue Vorschläge diskutieren. Das absolute Verbot aller Plastiktüten und selbst der dünneren Raschelsäcke dürfte kaum mehr eine Option sein.

Dass auch der vom Detailhandel vorgeschlagene Weg viel bringen kann, zeigt das Beispiel der Migros. Sie hat im Kanton Waadt die klassischen Rascheltüten durch biologisch abbaubare Plastiksäcke ersetzt und verlangt dafür 5 Rappen. «Durch die Einführung eines Preises konnte die Menge der abgegebenen Einweg-Plastiksäcke bei der Kasse stark gesenkt werden», erklärt Sprecher Weber. Motionär de Buman gibt sich denn auch zuversichtlich: «Ich glaube, wir finden eine gute Lösung.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.03.2016, 23:06 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Jetzt kommt die «Lex Raschelsack»

Seit über zwei Jahren versucht die Verwaltung, das Verbot von Wegwerfsäckli umzusetzen – vergeblich. Nun muss das Parlament nochmals darüber befinden. Mehr...

Raschelsack-Verbot sorgt für Ärger

Die Plastikindustrie versucht, den Anbietern kompostierbarer Tüten ein Redeverbot aufzuerlegen. Mehr...

Raschelsack-Verbot – Migros reagiert erstaunt

Das ist das Ende des dünnen Plastiksacks: Nach dem Ständerat hat sich auch der Nationalrat knapp für ein Verbot ausgesprochen. Nun stellt sich die Frage: Wie weiter? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Anzeigen

Werbung

Kommentare

Blogs

Sweet Home Ehrlich wohnen
Wahltheater Hillary hat Hunger

Sponsored Content

Heisse Escorts?

Erotische Erlebnisse mit Escorts? Es gibt besseres!

Die Welt in Bildern

Für die Bösen: Die Grenadiers fribourgeois schiessen eine Ehrensalve am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Estavayer-le-Lac. (26. August 2016)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...