Wie man seine Altersrente erhöhen kann

Die Menschen sollen später als mit 65 Jahren in Rente gehen und so die Altersvorsorge sanieren. Worüber niemand spricht: Länger arbeiten kann sich finanziell sehr lohnen.

Wer über das Pensionsalter hinaus arbeitet, profitiert von einem höheren Umwandlungssatz. Foto: plainpicture

Wer über das Pensionsalter hinaus arbeitet, profitiert von einem höheren Umwandlungssatz. Foto: plainpicture

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Die 2. Säule der Altersvorsorge ist in Schieflage geraten: Die Rentenversprechen sind zu hoch, und die Anlagen werfen kaum noch Zinsen ab. Das Parlament will das korrigieren. Entweder müssen die Renten gekürzt werden, oder Angestellte und Arbeitgeber zahlen höhere Lohnabzüge. Dritte Lösung: Alle arbeiten länger. Keine der drei Varianten tönt sympathisch. Niemand will sich freiwillig opfern.

Für die Linken scheint klar: Je mehr von dieser Opferrhetorik, desto einfacher dürfte dereinst eine Volksabstimmung gegen die Vorlage zu gewinnen sein. Die Bürgerlichen spielen ihnen in die Hände, indem sie die notwendige Erhöhung des Pensionsalters mit Einsparungen begründen. So sagte die Zürcher FDP-Nationalrätin Regine Sauter vor wenigen Wochen im Rat: «Die Erhöhung des Frauenrentenalters von 64 auf 65 bringt Einsparungen von rund 1,2 Milliarden Franken bis ins Jahr 2030.» Eine Rentenerhöhung auf 67 wird mit negativ besetzten Wörtern wie «Interventionsmechanismus», «Notnagel» und «Rentenrettungsmechanismus» verkauft.

Dabei gäbe es sehr wohl auch Positives zu erzählen: Die Renten steigen mit jedem Jahr, das man über das ordent­liche Pensionsalter hinaus arbeitet.

Und so funktioniert das:

Bei der AHV ist das bereits heute der Fall. Wer ein Jahr länger arbeitet, erhält eine um 5,2 Prozent höhere Rente. Bei einem Lohn von 80'000 Franken macht das monatlich etwa 100 Franken aus. Dieser Zuschlag steigt progressiv bis ins fünfte Jahr. Wer sich also erst mit 70 pensionieren lässt, erhöht seine AHV-Rente um 31,5 Prozent – oder um 500 Franken pro Monat beim erwähnten Lohnbeispiel. Dieser Aufschlag gilt auch dann, wenn der Arbeitnehmer die im Gesetz definierte AHV-Maximalrente erreicht hat. Das Plus ist zudem viel höher als die vom Ständerat, der CVP und den Linken erhoffte Erhöhung der AHV-Rente um pauschal 70 Franken monatlich.

In der 2. Säule, dem BVG, gibt es heute noch keine gesetzliche Regelung. Jede Pensionskasse darf ihre eigenen Regeln entwerfen. Einige gewähren keine Erhöhung, andere kennen sehr gute Zuschläge. Der TA hat sechs zufällig ausgewählte private und staatliche Kassen befragt: die UBS, die Sammelstiftungen ASGA und Avadis sowie die Pensionskasse des Bundes Publica, die Zürcher BVK und die Bernische Pensionskasse.

Avadis, zu der die Pensionskassen der ABB, Alstom und Hero gehören, erhöht die Rente um rund 180 Franken für jene, die um ein Jahr länger arbeiten bei einem Lohn von 90 000 Franken. Wer bis 70 tätig ist, für den steigt die monatliche Rente um rund 1300 Franken. Ähnliches gilt für die ASGA, die Tausende von KMU in der 2. Säule versichert. Wer bei ihr mit 65 Jahren 300'000 Franken angespart hat, erhält rund 1700 Franken monatliche Rente. Mit jedem Arbeitsjahr mehr erhöht sich die Rente um jeweils 100 Franken.

Die Renten steigen auch bei den öffentlich-rechtlichen Pensionskassen, allerdings in unterschiedlicher Art. Entscheidend ist der Umwandlungssatz. Dieser bestimmt die Höhe der Rente. Ein Beispiel: Ein Umwandlungssatz von 6,5 Prozent führt bei einem Alterskapital von 100'000 Franken zu einer jährlichen Rente von 6500 Franken oder monatlich 541 Franken.

Wer über das Pensionsalter hinaus arbeitet, profitiert von einem erhöhten Umwandlungssatz. Bei der Publica sind es 0,17 Prozent pro Jahr, bei der BVK 0,16, bei der Avadis, bei der Bernischen Pensionskasse 0,15 Prozent und bei ASGA 0,1 Prozent. Das heisst aber nicht, dass die ASGA am wenigsten bietet. Massgebend ist die Höhe insgesamt. Die privaten ASGA und Avadis offerieren die höchsten Umwandlungssätze dieser fünf Kassen. Bei der BVK sind sie am tiefsten.

Die Kassen unterscheiden sich noch in einem zweiten Punkt: bei den erhobenen Lohnbeiträgen über das ordentliche Pensionsalter hinaus. Je tiefer dieser Abzug ist, desto höher fällt der ausbezahlte Lohn aus.

Vor der Pensionierung beträgt der gesetzliche Lohnabzug 18 Prozent. Einige Kassen belassen ihn so hoch, so die ­Publica. Andere wie die BVK senken ihn auf 15 Prozent. Die Bernische Pensionskasse senkt den Lohnabzug sogar auf 10 Prozent. Je tiefer der Lohnabzug, desto attraktiver erscheint für den Arbeitgeber die Weiterbeschäftigung von Angestellten. Die Aufbesserungen bei der AHV und der BVG-Rente addieren sich. Sven Pfammatter vom VZ Vermögenszentrum hat die Auswirkungen für den «Tages-Anzeiger» errechnet:

Bei einem Nettolohn von 90'000 Franken, Lohnabzügen von 18 Prozent und einem Rentenumwandlungssatz von 0,15 Prozent erhält eine Person beim Altersrücktritt mit 66 Jahren 2800 Franken mehr Rente pro Jahr. Bei 67 Jahren erhöht sich dieser Betrag auf 5800 Franken. Mit 68 Jahren sind es 9000 Franken mehr, und mit 70 Jahren sind es gar 16'000 Franken. Das Renteneinkommen erhöht sich um satte 26 Prozent.

Die Frage der Motivation

Keine Verbesserungsmöglichkeiten für Angestellte über dem Pensionierungsalter bietet die Vorsorgeeinrichtung der UBS an. Sie begründet das damit, dass «heute nur wenige Mitarbeiter über das ordentliche Pensionierungsalter hinaus arbeiten». Mit 65 Jahren ist bei ihr auf jeden Fall Schluss. «Ab Alter 65 werden keine Lohnabzüge mehr einbezahlt.» Dass ein Unternehmen von derart grosser Bedeutung in seiner Pensionskasse keine Regelung hat, zeigt, dass wohl noch viele Arbeitgeber nicht damit rechnen, dass ihre Arbeitnehmer länger arbeiten würden.

In der ganzen Diskussion ist noch ein zweiter Punkt umstritten: Sind die höheren Renten ein wichtiger finanzieller Anreiz, um länger zu arbeiten? Die Antwort kann nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantwortet werden. Ein ausgewiesener Fachmann ist der emeritierte Zürcher Soziologieprofessor François Höpflinger. Er teilt die arbeitswilligen Senioren in zwei Gruppen: einerseits die gut ausgebildeten Fachpersonen, andererseits Selbstständigerwerbende (Gewerbetreibende und Freiberufler) und mitarbeitende Familienmitglieder. Die Motive der beiden Gruppen seien unterschiedlich. Bei den Fachpersonen seien «die Freude an der Arbeit, die sinnvolle Tätigkeit und soziale Kontakte wichtiger als höhere Renten». Es lohne sich primär wegen des zusätzlichen Lohns als wegen der später höheren Rente; Letztere spiele «momentan noch eine klar untergeordnete Rolle». Bei höheren Einkommen werde das Bezahlen der AHV als «Verlustgeschäft» wahrgenommen, weil man mehr in die AHV einbezahlt, als man später an AHV-Rente beziehe.

Steigende Renten seien hingegen bei den Selbstständigen wichtiger. «Hier ist die Weiterarbeit oft auch durch geringe berufliche Vorsorgerenten motiviert. Dies trifft vor allem auch Solo-Selbstständige – etwa aus dem Kultur- und Kreativbereich sowie aus dem Gastgewerbe –, die teils Beitragslücken bei der AHV aufweisen und auf keine oder nur eine geringe berufliche Rente zurückgreifen können», sagt Höpflinger. Für den Soziologen könnte diese Gruppe Zuwachs erhalten. «In Zukunft dürfte, ähnlich wie in den USA und Gross­britannien, der Anteil der Personen, die aus Notwendigkeit weiterarbeiten, ansteigen.»

Martin Kaiser vom Schweizerischen Arbeitgeberverband sagt, die Realität sei «der politischen Diskussion wahrscheinlich um einiges voraus». Studien und Statistiken zeigten, dass heute nur rund ein Drittel der Menschen im ordentlichen Pensionsalter in Rente gehen. Ein Drittel gehe früher. «Die meisten von ihnen gehen freiwillig, weil sie es sich leisten können und wollen», sagt Kaiser. Nur rund ein Fünftel scheide unfreiwillig vorzeitig aus dem Berufsleben aus. Kaiser verweist auf eine Studie des Bundes von 2012. Ein Drittel der Befragten zwischen 65 und 69 bleibt in irgendeiner Form erwerbstätig, und dies unabhängig vom Rentenbezug. Befragt danach, was für den Verbleib im Erwerbsleben ausschlaggebend sei, standen bei sehr vielen nicht wirtschaftlich Überlegungen im Vordergrund. «Es ging viel stärker um Wertschätzung. Wenn der Arbeitgeber mir mit einem interessanten ­Teilzeitmodell entgegenkommt, dann arbeite ich weiter», sagt Kaiser. Die Leute würden beispielsweise zwei Tage Enkel hüten und drei Tage arbeiten.

Bern macht das Gegenteil

Wie Höpflinger sieht auch Kaiser die Situation im Wandel. «Das Argument der Rentenverbesserung durch einen längeren Verbleib im Erwerbsleben dürfte stärker werden.» Weil die Menschen immer länger lebten, würden die Rentenumwandlungssätze weiter sinken, ohne dass alle Arbeitgeber in der Lage wären, diese Anpassungen auszugleichen. «Damit wird es attraktiver, die Rente zu verbessern, indem man etwas länger arbeitet», sagt Kaiser.

Doch das offizielle Bern stellt sich taub. Bundesrat und Parlament planen sogar das Umgekehrte: Sie wollen die Zuschläge für die AHV-Rente über 65 reduzieren. Und sie schlagen keinen Rahmen vor, der Pensionskassen verpflichten würde, die BVG-Renten auf eine Weiterbeschäftigung über 65 auszurichten. Lediglich die Möglichkeit eines Rentenaufschubs ist vorgesehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2016, 23:03 Uhr

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